• In Sachsen sind bisher mehr als 5.000 Menschen in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben - ein Negativ-Rekord gemessen an der Einwohnerzahl.
  • Die Bestatter und Mitarbeiter in den Krematorien arbeiten am Limit.
  • Innungsobermeister Tobias Wenzel aus dem Erzgebirge erklärt im Interview, was die Corona-Pandemie für die Branche bedeutet.

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Herr Wenzel, als im Frühjahr die Beiträge über Bergamo mit den vielen Toten im Fernsehen liefen, haben Sie sich damals vorstellen können, dass Sie irgendwann mit ähnlichen Zuständen zu kämpfen haben?

Tobias Wenzel: Eine ehrliche Antwort: Das war damals so weit weg. Ich habe mir damals nicht ansatzweise vorstellen können, dass wir bei uns in Sachsen irgendwann so viele Sterbefälle wie jetzt haben werden.

Wie hoch ist Ihre Arbeitsbelastung momentan im Vergleich zu normalen Zeiten?

Wir haben mindestens ein Drittel mehr Beerdigungen als sonst, das trifft für fast alle Bestatter in Sachsen zu. Im Dezember waren die Hälfte der Verstorbenen Corona-Tote. Auch über die Feiertage waren wir bis zu 24 Stunden im Einsatz. Es ist gerade nicht mehr ganz so schlimm.

Hat sich die Lage gebessert?

Etwas. Jetzt sind nicht mehr ganz so viele Tote Corona-positiv. Ich bin zwar kein Mediziner, aber ich habe das Gefühl, dass die Leute jetzt zwar COVID überstanden haben, aber an den Spätfolgen sterben wie beispielsweise an Lungenschäden. Es betrifft vor allem die Generation 80 plus.

Wie schafft man in diesen Zeiten das Pensum als Bestatter?

Im Moment funktionieren wir nur noch. Bei uns in der Firma haben die Mitarbeiter allein im Dezember jeweils 40 bis 50 Überstunden angesammelt, ich habe in diesem Monat 280 Stunden gearbeitet. Aber der Zusammenhalt unter den Kollegen ist da. Man braucht auch kurze Auszeiten. Meine Frau und ich versuchen, etwas Ablenkung bei Spaziergängen mit unseren Hunden zu finden.

Konnten Sie sich Unterstützung von Hilfskräften holen?

Nein, das ist nicht möglich. Das habe ich auch in einem Brief an unseren Ministerpräsident Michael Kretschmer geschrieben. Wir arbeiten in einem hochsensiblen Bereich. Wir brauchen ausgebildete Fachkräfte, gerade bei diesem Infektionsgeschehen derzeit.

Was ist in Corona-Zeiten anders?

Im Moment sterben wenige Menschen zu Hause. Die meisten COVID-19-Patienten sterben im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Wir tragen dort Schutzanzüge, Masken und Gesichtsschutz und müssen die Toten besonders behandeln.

Und bei den Beerdigungen?

Bei Beerdigungen dürfen nur zehn Angehörige anwesend sein. Das ist gerade im Erzgebirge traurig, weil oft Nachbarn oder ehemalige Schulkameraden Abschied nehmen wollen, da kommen normalerweise 80 Leute oder mehr zusammen. Wir wissen nicht, was das für psychische Langzeitfolgen hat, wenn sich jemand nicht verabschieden kann. Schwierig ist es auch für uns als Trauerredner. Wir sehen durch die Masken der Leute nicht, ob wir die Menschen erreichen. Aber das ist ein Luxusproblem. Wir dürfen den Angehörigen auch nicht die Hand halten, sondern müssen immer Abstand wahren.

Hat es schon vergleichbare Jahre gegeben?

Nein, ich bin schon 30 Jahre in der Branche, aber das habe ich noch nie erlebt. Es gibt schon immer infektiöse Verstorbene durch Krankenhaus-Keime, Tuberkulose oder Grippe. Da gibt es schon mal ein, zwei Wochen lang Stress, aber nicht wie gegenwärtig, über Monate so viele Tote. Seit Mitte Oktober haben die Bestatter aus Sachsen extreme Mehrarbeit zu leisten.

Sie haben neulich die Politik für die aktuelle Situation verantwortlich gemacht, was meinten Sie konkret?

Die Fachleute haben alle gesagt, seid auf den Herbst vorbereitet. Aber dadurch, dass Sachsen im Frühjahr nicht so schlimm getroffen wurde, hat das keiner 100-prozentig ernst genommen. Im Frühjahr haben sich viele noch das Maul zerrissen über die vielen Toten in den Pflegeheimen in Schweden, mittlerweile haben wir mit den Todeszahlen in Pflegeheimen Schweden überholt.

Aber was hätte passieren müssen?

Es wäre wichtig gewesen, dass man schnell funktionierende Schnelltests entwickelt und genug geschultes Personal dafür ausgebildet hätte. Die Schnelltests hätte man in Pflegeheimen ständig für Mitarbeiter, Senioren und Besucher einsetzen müssen, um die Infektionen zu verhindern.

Wegen Überfüllung: Leichen werden in Zittau zwischengelagert

Wegen der dramatisch hohen Corona-Todeszahlen in Zittau in Ostsachsen müssen dort Leichen ausserhalb des Krematoriums zwischengelagert werden. Besonders im Dezember explodierte nach Angaben der Stadt die Zahl der Toten.

Angeblich gab es Probleme, die Toten in Sachsen zeitnah zu verbrennen, weil Tschechien keine Toten aus Deutschland mehr in den Krematorien zugelassen hat.

Dass deutsche Bestatter zuhauf Tote nach Tschechien und Polen gefahren haben, das ist eine Ente, die von irgendwem in die Welt gesetzt wurde. Meines Wissens gab es nur einen Discounter, der die Toten nach Tschechien gefahren hat. Alle anderen sächsischen Bestatter fahren schon immer zu Krematorien in Sachsen und Thüringen. Mich hat auch noch kein Hinterbliebener gefragt, ob ich einen Toten aus Kostengründen nach Tschechien fahren soll, das würden die Menschen hier im Erzgebirge nicht wollen.

Was waren dann die Gründe für den Rückstau?

Ein Grund war, dass die Standesämter, bedingt durch Krankheit oder Personalversetzung in Gesundheitsämter, nicht mehr hinterherkamen mit der Ausstellung für Sterbeurkunden. Deshalb konnten die Öfen nicht durchgehend laufen und es kam zeitweise zu Staus. Das war Mitte Dezember der Fall. Mittlerweile ist das Problem gelöst und unter hohem Einsatz der Mitarbeiter in den Krematorien, wie beispielsweise im Krematorium Chemnitz, ist die Lage im Griff.

Aber es gibt Beiträge in den Medien über das Krematorium in Meissen, wo sich die Särge immer noch stapeln.

Das habe ich auch gesehen. Das ist unwürdig, man stapelt keine Särge. Ebenso lehnt man sich nicht gegen einen Sarg, wie auf den Bildern zu sehen war. Uns haben hier Menschen auf diese Bilder angesprochen, die das verunsichert hat. Diese Bilder haben unserer Branche einen Bärendienst erwiesen. Dieses Krematorium ist schlichtweg überfordert.

Verändern die hohen Todeszahlen das Denken über Corona unter ihren Trauernden?

Das bekommen wir weniger mit, weil sich die Angehörigen dazu weniger äussern. Das kommt auch immer auf das Alter an. Für junge Leute mag es sich wie eine Grippe anfühlen. Aber wenn Corona auf die Generation 80 plus trifft, auf Menschen mit Vorerkrankungen, dann überstehen das viele nicht. Und das wissen die meisten Leute auch.

Und was ist mit Corona-Leugnern?

Richtige Corona-Skeptiker werden das nie glauben, bis sie nicht wirklich sehen, was auf den Intensivstationen oder in den Pflegeheimen los ist. Wenn ich die Kommentare unter Beiträgen auf Facebook lese, denke ich, manche erreicht man wahrscheinlich nie. Dort stehen auch Dinge wie: Die Alten gehören weg und die Rentenkasse ist eh leer. Da kann ich nur sagen: Hinter jedem Sterbefall stecken eine Familie, Kinder und Enkel. Auch die alten Menschen im Heim wollen noch sehen, wie ihre Enkel heranwachsen.

Haben die hohen Infektions- und Todeszahlen im Erzgebirge oder in anderen Teilen Sachsens etwas mit der Mentalität der Menschen zu tun?

Es ist einfach nicht korrekt, das Erzgebirge als einen Landstrich von Corona-Leugnern zu bezeichnen. Die Zahlen sind hier im Oktober explodiert. Damals war das Nachbarland Tschechien im Lockdown, weil sie dort die höchsten Corona-Zahlen von ganz Europa hatten. Viele Tschechen sind damals trotzdem zum Einkaufen auf die deutsche Seite des Erzgebirges gefahren und die Politik hat nicht reagiert. In solchen Zeiten muss man auch unpopuläre Massnahmen ergreifen und private Fahrten verbieten. Generell denke ich, es gibt überall Skeptiker, ob im Erzgebirge oder im Norden, nur dass die Gegenden im Norden nicht so stark von Corona betroffen sind. (cm)

Zur Person: Tobias Wenzel arbeitet seit über 30 Jahren als Bestatter und führt ein Bestattungsunternehmen im erzgebirgischen Marienberg mit acht Mitarbeitern und mehreren Standorten. Er ist als Obermeister der Landesinnung Sachsen auch Sprecher der etwa 200 Bestattungsbetriebe des Freistaates.