• Die Inzidenzen steigen, und nach Meinung vieler Experten stecken wir bereits in einer vierten Corona-Welle.
  • Doch wie könnte ein Ausweg aus der Corona-Spirale hin zu einem "normalen" Leben aussehen?
  • Der Medizinethiker Heiner Fangerau sieht im Interview die Gefahr sozialer Ungleichheit und fordert eine Kultur gegenseitiger Rücksichtnahme.
Ein Interview

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Herr Fangerau, die Pandemie beschäftigt uns nun seit über 1,5 Jahren. Was muss passieren, damit wir mit dem Virus "normal" leben können?

Heiner Fangerau: Wir werden uns meines Erachtens mit dem Virus arrangieren. Impfungen, dadurch weniger schwere Verläufe, die Entwicklung von Immunität – all das wird dazu beitragen, dass sich eine Art Gleichgewicht zwischen dem viralen Geschehen und dem menschlichen Wunsch nach sozialem Zusammensein einstellen wird.

Junge vs. Alte, Geimpfte vs. Ungeimpfte – wie viel Rücksicht müssen wir noch auf andere nehmen? Und wie lange?

Rücksicht müssen wir in einer Gesellschaft ja immer alle aufeinander nehmen. Wichtig erscheint mir hier nur, dass die Rücksichtnahme nicht nur einseitig erfolgt und beispielsweise die Rücksicht auf ältere Menschen dazu führt, dass jüngeren Menschen Lebenschancen verwehrt werden oder jüngere Menschen auf Kosten der Älteren Gefahren ignorieren. Auch hier geht es um das Finden eines Gleichgewichts der gegenseitigen Rücksichtnahme.

Es wird immer einen gewissen Prozentsatz an Menschen geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Ist ein Modell denkbar, das beiden Gruppen gerecht wird? Können die Geimpften Ungeimpfte schützen, indem wir eine Herdenimmunität erreichen?

Der Begriff der "Herdenimmunität" ist im öffentlichen Diskurs in meinen Augen problematisch, auch wenn er epidemiologisch Sinn gibt. Er reduziert die menschliche Gesellschaft auf eine animalische Gruppe. Gleichwohl halte ich das Ziel der Gruppenimmunität für erstrebenswert und wenn dieses nicht erreichbar ist, halte ich es für gerechtfertigt, über Modelle nachzudenken, die eben auch Testungen mit einbeziehen, statt allein aufs Impfen zu setzen.

Auskunftspflicht über Impfstatus in Pflegeheimen, Kitas und Schulen geplant

Künftig sollen Arbeitgeber in Kitas, Schulen und Pflegeheimen Auskunft über den Impfstatus seiner Mitarbeiter fordern können. Darauf haben sich SPD und Union geeinigt. In diesen Berufen können die Mitarbeiter dann je nach Impfstatus unterschiedlich eingesetzt werden.

Zurzeit gibt es eine Art Wettlauf zwischen den Vakzinen und den verschiedenen Corona-Varianten. Benötigen wir erst noch ein wirksames Medikament gegen Corona, um wieder normal leben zu können?

Ein Medikament gegen das Vollbild der COVID-19-Erkrankung wäre wünschenswert und eine willkommene Ergänzung zur Impfung. Die beste Therapie ist aber die Vermeidung der Krankheit. Daher wäre gelungene Prävention in meinen Augen der wirksamste Weg in die Normalität.

Wie viele Tote sind der Bevölkerung eigentlich "zumutbar", um ohne Einschränkungen leben zu können? Bei anderen Krankheiten wie der Grippe scheinen wir ja toleranter zu sein.

Das ist so nicht beantwortbar, weil es (leider) immer in den Debatten auch darauf ankommt, wer gerade stirbt. So zynisch das ist, aber je ferner die Verstorbenen der eigenen Gruppe sind, desto gleichgültiger sind Menschen dem Tod der anderen gegenüber.

Zurzeit wird viel über mögliche "Privilegien" für Geimpfte diskutiert. Steuern wir auf eine Zweiklassengesellschaft zu, in der nur noch Geimpfte ins Restaurant oder ins Konzert dürfen?

Ja, diese Gefahr sehe ich. Ich fürchte, dass sich hier eine weitere soziale Ungleichheit auftun kann, weil die Möglichkeit kostenpflichtige Tests in Anspruch zu nehmen eben nicht allen Menschen zur Verfügung steht.

Kinder können sich derzeit noch gar nicht impfen lassen. Trotzdem sprechen Politiker davon, dass bald jeder Bürger ein Impfangebot bekommen habe. Warum werden Kinder oft vergessen? Und wie können wir sie in eine neue Normalität integrieren?

Bei Impfungen muss abgewogen werden zwischen individuellen Risiken der Impfung und der Erkrankung. Hier tut man sich bei Kindern, die bisher nicht oder kaum erkrankten, schwer, auf eine Impfung allein zum Wohl anderer zu setzen. Noch scheinen hier die Daten zu fehlen, aber die STIKO beispielsweise prüft ihre Empfehlungen ja laufend. Es geht in erster Linie um die Frage, was besser für Kinder ist, Impfung oder keine Impfung. Die Frage, was dem Rest der Bevölkerung nützt, sollte meines Erachtens erst danach gestellt werden. Hier scheinen manchmal die Prioritäten zu verwischen oder genau eben anders gesetzt zu werden. Das finde ich schwierig.

Wie wird Ihrer Meinung nach das Ende der Pandemie aussehen?

Sie wird sich ausschleichen. Das Virus wird bleiben, aber wir finden ein Gleichgewicht zwischen Inzidenzen, Krankheit und Prävention

Über den Experten: Heiner Fangerau ist Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

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