Ischgl ist einer der beliebtesten Ski-Orte in Europa - und soll die Keimzelle Hunderter Corona-Infektionen sein. In einem Interview, das grosse Empörung auslöst, weist die Gesundheitsbehörde in Tirol jegliche Verantwortung für die Verbreitung des Virus von sich. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Mehr Panoramathemen finden Sie hier

Die Gesundheitsbehörden in Tirol haben Berichte vehement zurückgewiesen, sie hätten im Fall der folgenreichen Erkrankung eines Barkeepers in Ischgl an der Lungenkrankheit COVID-19 zu spät und halbherzig gehandelt. "Das Gegenteil ist richtig. Wir haben immer genau zu dem Zeitpunkt, an dem gesicherte Informationen vorlagen, Schritte gesetzt", sagte Tirols Gesundheitsminister Bernhard Tilg am Montagabend gegenüber ZiB im ORF.

Nach diesem Interview ist die Empörung aber nicht nur in Österreich gross. Viel zu langsam hätten die Behörden reagiert; wirtschaftlichen Interessen sei der Vorzug vor dem Schutz der Gesundheit gegeben worden.

Erste Infektion nach Ischgl-Urlaub bereits Ende Februar

Bereits am 29. Februar seien Passagiere eines Fliegers, der von München nach Keflavík auf Island geflogen war, positiv auf das Coronavirus getestet worden. Einige dieser Passagiere gehörten zu einer Reisetruppe, die in Ischgl Skifahren war.

Die isländischen Behörden erklärten daraufhin Anfang März Tirol zur Gefahrenzone - wie Wuhanurn-newsml-dpa-com-20090101-200126-99-639520 oder den Iran. Auch in Norwegen wurden Menschen positiv getestet, die das Virus aus Österreich haben.

In Ischgl selbst trat der erste bestätigte Fall am 7. März auf. Ein 36 Jahre alter deutscher Barkeeper wurde positiv getestet. Noch am Tag danach, so ZiB-Moderator Armin Wolf, hätte der Landessanitätsdirektor erklärt, dass "eine Ansteckung in der Bar aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich" sei.

Eine Meinung, die schon nach damaligem Stand allen Experten-Empfehlungen entgegenspricht. Doch auch nach mehrmaligem Nachhaken von Wolf antwortete Tilg ausweichend.

Medien: "Die Gier hat gesiegt"

Erst am 9. März wurde die betroffene Bar geschlossen - und wenig später auch alle anderen Ski-Bars in dem gerade auch bei Skandinaviern beliebten Ski-Ort. Am 13. März dann seien Ischgl sowie das gesamte Paznauntal zur Sperrzone erklärt sowie die Wintersaison vorzeitig beendet worden.

"Damit konnte verhindert werden, dass im Zuge des Urlauberschichtwechsels 150.000 neue Gäste nach Tirol reisen", sagte Tilg.

Dieses Vorgehen wird als viel zu spät kritisiert. Viele Fälle von Infektionen in Skandinavien, neben Island auch noch in Norwegen und Dänemark, werden auf Urlauber zurückgeführt, die in Österreich waren. Das gilt auch für diverse Touristengruppen aus Deutschland.

Auch die relativ späten Grenzschliessungen zu Italien verteidigte Tilg noch einmal. Er sieht die Verantwortung für die Verbreitung des Virus ganz allein bei den Touristen - die Behörden hätten alles richtig gemacht.

"Die Gier hat die Verantwortung für die Gesundheit der Bürger und Gäste besiegt", urteilt unter anderem der "Standard": Man wollte diese letzte "starke Touristenwoche" noch "mitnehmen", auf dass die Kassen der Liftbetreiber und Hoteliers klingeln". (dpa/dh)

Verwendete Quellen:

  • ORF-Mediathek: Tiroler Gesundheitslandesrat Tilg: "Behörden haben richtig agiert"
  • Der Standard: "Hotspot Ischgl: Gier und Versagen in Tirol"

Auswärtiges Amt: Tausende Deutsche sitzen im Ausland fest

Die Bundesregierung geht davon aus, dass mehrere tausend Deutsche wegen Reisebeschränkungen im Zuge der Corona-Krise im Ausland festsitzen. Vor allem in der Türkei, Marokko, Indonesien und den Philippinen haben Bundesbürger nach Angaben des Auswärtigen Amts Schwierigkeiten, nach Deutschland zurückzukehren. (Vorschaubild getty images/iStockphoto)
Teaserbild: © AFP/APA/Jakob Gruber