Die Räumung des Hambacher Forstes ist nach dem Tod eines Journalisten ausgesetzt. Doch Ruhe herrscht dort deshalb noch lange nicht. Die Aktivisten und die Regierung von Nordrhein-Westfalen überziehen sich gegenseitig mit Vorwürfen. Raum für Trauer bleibt wenig.

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Nach dem Unfalltod eines Journalisten im Hambacher Forst gehen Forderungen und Schuldzuweisungen hin und her.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warf einigen Waldbesetzern vor, die Unterbrechung der Räumungsarbeiten für den Bau neuer Baumhäuser zu nutzen. Er forderte die Aktivisten am Donnerstag auf, die Häuser zu verlassen.

Eine Sprecherin der Waldbesetzer lehnte das ab. Wenn die Räumungen fortgesetzt würden, werde man sie weiter behindern, kündigte sie an. Der "Irrsinn dieses Einsatzes" müsse aufhören.

Polizei: Aktivisten blockieren Rettungswege

Die Polizeiaktion im Hambacher Forst läuft seit einer Woche. Bis Mittwoch waren nach Polizei-Angaben 39 von 51 Baumhäusern geräumt worden. Die Waldbesetzer protestieren gegen das Vorhaben des Energiekonzerns RWE, weite Teile des Hambacher Forstes zur Braunkohle-Gewinnung abzuholzen.

Die Landesregierung hatte die Räumung der Baumhäuser am Mittwochabend vorläufig ausgesetzt. Wann es weitergehe, stehe noch nicht fest, sagte Reul. "Einige Aktivisten oder Gewalttäter benutzen dieses Moratorium, um neue Häuser zu bauen und – was ich noch schlimmer finde – Rettungswege mit Barrikaden wieder zuzusperren", kritisierte er.

Eine Polizeisprecherin vor Ort bestätigte, dass offenbar Wege blockiert worden seien. Dies könne auch während des Moratoriums nicht geduldet werden, da die Rettungswege frei bleiben müssten.

Kein Hinweis auf Fremdverschulden

Der 27 Jahre alte Journalist aus Leverkusen war am Mittwoch durch die Bretter einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern gebrochen und 15 Meter tief gestürzt. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Unfall aus. "Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen liegen keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden Dritter vor", teilte die Staatsanwaltschaft Aachen mit.

Mehrere Zeugen hätten übereinstimmend angegeben, dass sich der 27 Jahre alte Mann aus Leverkusen zum Zeitpunkt des Sturzes allein und ungesichert auf der Brücke aufgehalten habe.

Der Mann aus Leverkusen habe als freier Journalist für einen YouTube-Kanal gearbeitet und Filmaufnahmen von den Aktivisten im Hambacher Forst gemacht.

Die Hängebrücke, die zwei Baumhäuser miteinander verbindet, sei bereits vorab beschädigt gewesen. "Plötzlich – noch bevor der Verstorbene die Seilsicherung einhängen konnte – gab das Trittholz der Hängebrücke unter ihm nach, wodurch er ungesichert zu Boden fiel."

RWE-Chef Rolf Martin Schmitz wies am Donnerstag darauf hin, dass der Unfall nach Angaben der Polizei "keine Folge polizeilicher Massnahmen" gewesen sei.

Die Waldbesetzer sprachen dagegen von "Lüge" und "Falschmeldungen". "Diese Räumung hat seit morgens hier stattgefunden, und dieser Unfall ist eindeutig in diese Gesamtsituation einzubetten und nicht als unabhängiger Vorfall davon zu sehen", betonte Sprecherin Lykke. "Ohne diese Polizeimassnahme wäre der Mensch gar nicht oben auf dem Baumhaus gewesen."

Greenpeace: nicht einfach zur Tagesordnung übergehen

Greenpeace sagte eine für Donnerstag angekündigte Pressekonferenz zum Hambacher Forst in Berlin ab. "Wir wollen nicht wenige Stunden nach dieser Tragödie zum Tagesgeschäft übergehen", begründete die Umweltschutzorganisation den Schritt.

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), forderte eine "Denkpause, um der Trauer Raum zu geben".

Der Arbeitsbühnen-Verleiher Gerken kündigte an, seine Geräte aus dem Hambacher Forst abzuziehen. Man sei mit der Vorgehensweise dort "absolut nicht einverstanden", teilte das Unternehmen mit.

In Düsseldorf übergaben Umweltschützer der Landesregierung am Donnerstag mehr als eine halbe Million Unterschriften für den Erhalt des Waldes und ein Ende des Kohleabbaus. (dpa/mcf)

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