Die Ermordung des Kreml-Kritikers Boris Nemzow jährt sich am 27. Februar zum fünften Mal. Es gab Verhaftungen und Urteile, einen Verdächtigen, der sich bei der Festnahme in die Luft sprengte, einen mutmasslichen Auftraggeber, der sich nach wie vor auf der Flucht befindet. Es handelte sich wohl um einen Auftragsmord. Doch fünf Jahre nach dem Mord an Boris Nemzow gibt es noch immer keine Klarheit über die Drahtzieher.

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Boris Nemzow - Der studierte Physiker

Boris Jefimowitsch Nemzow wurde 1959 in Sotschi geboren. Die Mutter Ärztin, der Vater Funktionär der KPdSU und einige Zeit stellvertretender Bauminister der Sowjetunion. Nach der Scheidung der Eltern zog die Mutter mit den Kindern nach Gorki. Dort studierte er Strahlenphysik an der Staatsuniversität, anschliessend arbeitete er bis 1990 als Wissenschaftler am Strahlenphysikalischen Forschungsinstitut Gorki.

Boris Nemzow - Der prinzipientreue Politiker

Sein Wechsel in die Politik vollzog sich 1989. Anfang der Neunzigerjahre wurde er Gouverneur der Provinz Nischni Nowgorod an der Wolga, trieb dort marktwirtschaftliche Reformen voran, machte sich einen Namen als liberaler Reformer und unterstützte den Privatisierungskurs des damaligen Präsidenten Boris Jelzin.

1997 holte ihn Jelzin in die Regierung nach Moskau. Als Vize-Ministerpräsident war er zwischen 1997 und 1998 zuständig für Sozial- und Wirtschaftspolitik. Er galt als Jelzins engster Vertrauter und wurde bereits als dessen potenzieller Nachfolger gehandelt. Nach dramatischen Kurseinbrüchen an der Moskauer Börse trat er 1998 zurück.

Später schaffte er es mit einer neu gegründeten liberalen Partei noch einmal ins russische Parlament. Er wurde einer der stellvertretenden Sprecher der Staatsduma. 2008 wurde er als Präsidentschaftskandidat der Union nominiert, allerdings zog er seine Kandidatur zurück, da er die Wahlen für eine Farce hielt. Im selben Jahr gründete er mit anderen Oppositionellen die Bewegung Solidarnost.

Wofür stand Boris Nemzow?

Unter Jelzin machte er politische Karriere, unter Putin wurde er zum rigorosen Kritiker des Regimes. Obgleich er zunächst Putins Politik unterstützte, wurde er bald zu einem seiner stärksten Gegner. Er missbilligte die Ukraine-Politik Putins; dass er sich gegen den Kriegskurs des Kreml wandte, brachte ihm viel Hass ein.

Nemzow war erbitterter Gegner der Korruption, insbesondere in Staatsstrukturen, aber auch im Zusammenhang mit den Vorbereitungen der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Im März 2010 unterzeichnete Nemzow das Manifest "Putin muss gehen" und veröffentlichte im Anschluss mehrere Oppositionspapiere. Er wurde zum Führer der Solidarnost-Bewegung, einem breiten Bündnis von Oppositionellen zu dem auch Ilja Jaschin gehörte.

Der Mord auf der Brücke

Am 27. Februar 2015 wurde Nemzow an der Grossen Moskwa-Brücke im Zentrum Moskaus, in der Nähe des Kreml und der Basilius-Kathedrale, mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Er war in Begleitung des ukrainischen Models Anna Durizkaja, sie blieb unverletzt.

Auf Personenschutz hatte er verzichtet, er war also ohne Wachschutz unterwegs. Die Schüsse wurden aus einem Auto, offenbar einem weissen Ford, abgegeben und trafen ihn in Rücken und Hinterkopf. Die Attentäter flohen in besagtem Wagen. Die Staatsanwaltschaft ging von einem Auftragsmord aus, zumal es häufiger Drohungen gegen ihn gab und er offenbar beschattet worden war.

Wer waren die Mörder Nemzows?

Letztlich ist der Mord nicht restlos aufgeklärt, auch wenn es Verurteilungen gab. Die Ankläger konzentrierten sich beim Prozess auf DNA-Spuren und die verwendete Munition, ermittelten aber nicht in Richtung eines staatlichen Auftraggebers. Die Familie Nemzows beklagt, dass die Hintermänner des Mordes nicht gefasst wurden, und wirft den Fahndern vor, ihr Informationen über den Stand der Ermittlungen vorzuenthalten.

Gegen fünf Männer wurde wegen Auftragsmordes Anklage erhoben: Gegen den Schützen Saur Dadajew, der früher Offizier der Sicherheitskräfte unter dem tschetschenischen Präsident Ramsan Kadyrow war, gegen einen Ex-Polizisten, den Fahrer des Fluchtwagens, sowie gegen drei weitere Komplizen. Sie hatten nach der Festnahme ein Geständnis abgelegt, dieses dann aber im Prozess widerrufen.

Der Schütze erhielt 20 Jahre Haft; die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Haftstrafe gefordert. Die vier weiteren Angeklagten aus den Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien wurden wegen Beihilfe zum Mord zu Gefängnisstrafen zwischen elf und 19 Jahren verurteilt.

Als mutmasslicher Auftraggeber des Mordes gilt laut Gericht Ruslan Muchudinow, jedoch ist unklar, welches Motiv er gehabt haben könnte. Er befindet sich auf der Flucht und ist seit 2015 international zur Fahndung ausgeschrieben.

Wer steckte hinter dem Auftragsmord?

Russlands Opposition vermutet die Drahtzieher des Mordes im Umfeld des Kreml. Nemzow selbst hatte in einem Interview die Befürchtung geäussert, dass Putin ihn umbringen wolle.

Andere Kreml-Gegner glauben nicht an eine Mitwirkung Putins, sondern machen den Hass verantwortlich, den ihrer Meinung nach das russische Staatsfernsehen geschürt hat. Allerdings hatte Putin im Vorfeld die Anhänger der Opposition als Staatsfeinde und Verräter bezeichnet und so dieses Hass-Klima mit verantwortet.

Oppositionelle Aktivisten vermuten, dass der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, der von der russischen Regierung unterstützt wird, seine Hände mit im Spiel hatte, oder jemand aus dessen Umfeld, und geben als Motiv u.a. die Unterstützung Nemzows für die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo nach dem Anschlag im Januar 2015 an.

Der Kreml seinerseits rückte die westlichen Geheimdienste oder Nemzows eigenes Umfeld in den Kreis der Verdächtigen.

Noch heute steht der Name Nemzow für Putin-Kritik

Vergessen ist Nemzow in Russland nicht. Zum Jahrestag seines Todes kommen seither viele Tausend Menschen zu Gedenkveranstaltungen und Protestmärschen zusammen. Diese sind nicht nur seinem Andenken gewidmet, sondern gleichzeitig Ausdruck des Protestes gegen Kremlchef Putin und der Forderung für demokratische Reformen und für ein freies Russland.

Seine älteste Tochter Schanna Nemzowa verfasste ein Buch mit dem Titel "Russland wachrütteln: Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe", in dem sie Putin für den Mord verantwortlich macht. Sie sorgt sich um die Zukunft ihres Landes und beklagt ein Klima des Hasses gegen alle Verfechter der Demokratie. Schanna Nemtsova war es auch, die im November 2015, einige Monate nach dem Mord an ihrem Vater, die "Boris Nemzov Foundation for Freedom" zum Gedenken an das Lebenswerk ihres Vaters gründete.

Verwendete Quellen:

  • Spiegel.de: Mord an Putin-Gegner Nemzow - "Der Krieg ist zu uns gekommen"
  • Tagesschau.de: Tausende bei Gedenkmarsch für Nemzow
  • Zeit.de: Angeklagte im Mordfall Nemzow schuldig gesprochen
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