Sieben Menschen leben jahrelang isoliert in einem Bauernhof-Keller – bis ein Sohn der Familie entkommt und in einer Kneipe nach Hilfe sucht: Der Fall um die verwahrloste Familie hält die niederländische Polizei auf Trab. Ein Mann, der dem entkommenen Sohn in den vergangenen Tagen mehrfach begegnete, sprach nun über die verstörenden Aufeinandertreffen.

Mehr Panoramathemen finden Sie hier

  • Auf einem Bauernhof in den Niederlanden hat die Polizei sechs verwahrloste Menschen in einem Keller entdeckt.
  • Es soll sich um einen Vater und seine fünf Kinder handeln, die neun Jahre lang völlig isoliert lebten.
  • Ein weiterer Sohn (25) war aus dem Keller entkommen. Der Verwahrloste ging in eine Kneipe und schilderte die Umstände. Der Wirt rief die Polizei.
  • Der Mieter des Bauernhofs, ein 58 Jahre alter Österreicher, der nicht der Vater der Kinder ist, wurde festgenommen.

25-Jähriger entkommt Keller – und taucht vor Kneipe auf

Isoliert von der Aussenwelt haben mehrere Menschen gut neun Jahre lang im Keller eines Bauernhofs in den Niederlanden gehaust. Die Polizei entdeckte die Gruppe auf einem abgelegenen Bauernhof. Laut Angaben der Ermittler soll es sich hierbei um einen Vater und seine fünf Kinder (18 bis 25) handeln. Sie würden nun versorgt, teilte die Polizei am Dienstag in der östlich gelegenen Provinz Drenthe mit.

Dass die Familie entdeckt wurde, ist letztendlich einem Kneipen-Wirt zu verdanken. Er hatte die Polizei verständigt, nachdem ein weiterer Sohn der Familie (25) innerhalb weniger Tage mehrfach völlig verwahrlost in seinem Lokal aufgetaucht war. In dieser Zeit traf auch Kneipen-Gast Jeffrey Scheper mehrere Male auf den 25-Jährigen – und erlangte dessen Vertrauen. In der TV-Sendung "Beau" schilderte Scheper nun die dramatischen Aufeinandertreffen mit dem 25-Jährigen.

"Es regnete. Wir holten ihn rein und boten ihm Bier an."

Vor etwa anderthalb Wochen sei der Verwahrloste das erste Mal vor der Kneipe in Ruinerwold aufgetaucht. "Es regnete stark, also nahmen wir ihn mit rein und boten ihm Bier an", so Scheper. Der junge Mann habe zwar verwirrt gewirkt. Doch welche Geschichte sich dahinter verberge, habe er nicht geahnt.

Vergangenen Samstag traf er den 25-Jährigen wieder in der Bar. "Er sagte, er suche Arbeit." Scheper, der ein Autohaus in Ruinerwold hat, bot ihm an, Autos zu putzen und gab ihm seine Nummer. Einen Tag später stand der 25-Jährige plötzlich in Schepers Garten. Er hatte die Adresse von anderen Gästen der Bar bekommen und "bat um neue Klamotten".

Den verwahrlosten jungen Mann zog es am Montag erneut in die nun bereits vertraute Lokalität. Er kam mit dem Wirt ins Gespräch, später stiess auch Scheper dazu. "Er sagte, er sei nirgendwo registriert und könne nicht nach Hause." Gezielt erfragten die Männer mehr Informationen. Als der 25-Jährige erzählte, er sei seit neun Jahren nicht mehr draussen gewesen und brauche Hilfe, wollten sie wissen, ob dahinter ein Kult stecke. "Er sagte 'ja'. Mehr nicht." Kurz darauf griff der Wirt zum Hörer und verständigte die Polizei, die zu dem Bauernhof eilte und im Keller die sechs Familienmitglieder entdeckte.

Familie in Keller in den Niederlanden entdeckt: Polizei nimmt 58-jährigen Österreicher fest

Auf der Farm traf die Polizei ausserdem auf einen 58 Jahre alten Mann. Er soll der Mieter des Hofs sein. Wie eine Polizeisprecherin berichtete, wollte "der Mann bei den Ermittlungen nicht mitwirken" – er wurde daraufhin festgenommen.

Bei dem 58-Jährigen handelt es sich Behörden zufolge um einen Österreicher aus Wien. Der Sprecher des österreichischen Aussenministeriums bestätigte am Dienstagabend entsprechende Berichte niederländischer Medien unter Berufung auf die örtlichen Behörden. In welcher Beziehung er zu der Keller-Familie steht, ist noch nicht bekannt.

Warten auf den Weltuntergang

Die Gruppe "lebte in sehr provisorischen Räumen", sagte der Bürgermeister Roger de Groot. Er nannte keine Details. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Warum die Menschen dort so isoliert wohnten, ist unbekannt. Sie sollen auf "das Ende der Zeiten" gewartet haben, berichteten niederländische Medien, doch das ist nicht bestätigt. Es gebe laut Bürgermeister noch viele offene Fragen.

Geheimtür im Wohnzimmer

Über die genauen Lebensumstände und den Gesundheitszustand der Gruppe wollte die Polizei vorerst keine Angaben machen. Die Untersuchungen seien noch in vollem Gange. "Alle Szenarien sind noch offen", sagte eine Sprecherin.

Niederländische Medien berichteten, dass die Polizei hinter einem Schrank im Wohnzimmer eine Treppe entdeckt hatte, die in den Keller führte. Dort hätten der Vater und die jungen Leute gehaust.

Offenbar jahrelang selbst versorgt

Dorfbewohner sind schockiert. Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst.

Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein grosser Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt.

Erinnerungen an Fall Fritzl

In Österreich weckt der Fall - wenn auch eigentlich anders gelagert - Erinnerungen an den Fall Josef Fritzl, der vor elf Jahren aufflog. Der Mann hatte 24 Jahre lang seine Tochter in einen Keller im Bundesland Niederösterreich gesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

(mbo/dpa/mcf/mss)

In einer früheren Version dieses Artikels wurde berichtet, dass es sich bei den sechs im Keller entdeckten Menschen um sechs junge Leute gehandelt habe. Richtig ist, dass es sich laut Polizei um einen Vater und seine fünf Kinder handelte. Dazu kommt der 25 Jahre alte Sohn, der bereits aus dem Keller geflohen war.

Kuriose Trauerfeier: Toter spricht aus seinem Grab

Friedhöfe gelten als Orte der Trauer. Auf Beerdigungen gedenkt man der Verstorbenen, es wird geweint, oder man setzt zumindest eine traurige Miene auf. So auch auf der Beerdigung des Iren Shay Bradley. Doch die Trauer hat ein jähes Ende…