Nach den Attentaten von Orlando und dem Polizisten-Mord von Paris beschreiben Experten eine neue Form des Terror-Franchising. Der "Islamische Staat" könnte sich zu einem weltweiten Terror-Label entwickeln, mit dem Einzeltäter und Trittbrettfahrer ihre Taten mit vermeintlich religiöser Bedeutung aufladen.

Am Ende ging alles ganz schnell. Kurz vor dem Blutbad wählte der Mörder von Orlando die 911. Im Gespräch mit der Polizei bekannte er sich zur Terrormiliz "Islamischer Staat" - und beging direkt im Anschluss seine schrecklichen Taten.

Der IS nimmt das PR-Geschenk dankend an

Die Reaktion des IS liess nicht lange auf sich warten. Postum erklärte das Terror-Netzwerk den Massenmörder zum "Kämpfer des Kalifats". Nach Darstellung des IS-Radiosenders Al-Bajan war der Todesschütze einer ihrer Soldaten. Gott habe Omar Mateen geholfen, einen Angriff gegen Kreuzfahrer in einem Nachtklub auszuführen, hiess es nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur.

Schnell wurde aus dem Blutbad ein neuer Terroranschlag des sogenannten "Islamischen Staates". Obwohl der IS nach aktuellem Stand nicht an den Vorbereitungen beteiligt war und es wohl auch keinen direkten Bezug zwischen Täter und Terrormiliz gab, griff der IS das Bekenntnis Mateens für PR-Zwecke dankbar auf.

Was man derzeit in Orlando und auch im Zusammenhang mit dem Polizistenmord in Frankreich erlebt, ist nach Ansicht einiger Experten eine Entwicklung des IS hin zu einer Art Terror-Marke. "Der IS funktioniert im Grunde wie ein Label", sagt der Mainzer Medienwissenschaftler Bernd Zywietz in der "Allgemeinen Zeitung". "So ähnlich wie bei einer weltberühmten Popband, deren Fans weltweit die gleichen Symbole benutzen".

Von einem "Franchise-System für Verbrechen und Massaker" sprach der französische Philosoph Pascal Bruckner. Der IS habe damit Einzeltätern eine Art Freischein ausgestellt, um die abscheulichen Taten und sich selbst weltweit in die Schlagzeilen zu bringen.

Ein Label des Terrors könnte so entstehen, mit dem Einzeltäter ihre Taten durch einen Bezug zum radikalen Islamismus aufladen könnten, obgleich sie sich zuvor höchstens oberflächlich über das Internet mit radikaler Propaganda befasst hätten.

Individueller Narzissmus statt islamistischer Fundamentalismus

Einen "Narzisstisch gestörten Trittbrettfahrer des Terrorismus" nannte die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken in einem Interview mit dem Deutschlandradio den Orlando-Attentäter Omar Mateen.

Angesichts eines Selfies aus den sozialen Medien, auf dem der Täter sich selbst vor dem Spiegel fotografierte, erkannte Vinken einen Mann, der genau "kontrolliert, wie er ins Bild fällt".

Mateen sei es offensichtlich sehr wichtig, "wie er sich inszeniert. Das heisst, das ist jemand, der guckt, ob er den Klischees entspricht, so ein bisschen Gangsterrapper, mit teurer Uhr, mit goldenem Armband".

Vinken glaubt, dass Omar jemand gewesen sei, der in seiner Ich-Fixierung nicht in der Lage war, die Realität wahrzunehmen: "Ein klassisches Bild für die narzisstische Störung, in der man ins Bild fällt, in der man auch nur noch dafür da ist, ins Bild zu fallen und die Pose kontrolliert".

Für einen solchen Narzissten kann es verlockend sein, sich und seine Tat mit einem vermeintlichen Bezug zum IS zu überhöhen. Der IS wird dabei zum Label, das weltweite Aufmerksamkeit verspricht, ohne dass die Tat über eine Internet-Radikalisierung hinaus explizit religiös motiviert gewesen sein muss.

Terror-Experten gehen davon aus, dass der "Islamische Staat" ganz bewusst auf solche "Nebeneffekte" setzen würde.

Für die Terroristen sei diese perverse Form des "Terror-Franchising" ein "billiges Geschäft", betont der ARD-Nahost-Korrespondent Björn Blaschke auf tagesschau.de.

Die Täter müssten für die Tat vom IS weder mit Geld noch Waffen ausgestattet werden und dennoch könnte sich der IS die Tat später selbst zu Eigen machen.