37 Angriffe auf türkische Einrichtungen seit Jahresbeginn: Der Einmarsch der Türkei in die kurdische Provinz Afrin hat zu einer Gewaltwelle in Deutschland geführt – und zu einer emotionalen Debatte bei Maybrit Illner. Ein kurdischer Vertreter war kurz davor, die Fassung zu verlieren.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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Selten ahnt der TV-Zuschauer schon vor einer Talkshow, dass es heiss her gehen könnte. Maybrit Illners Sendung "Erdogans Kampf gegen die Kurden – kommt die Gewalt zu uns?" war so ein Fall. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

In einer emotional geführten Debatte stand die Frage im Mittelpunkt, ob kurdische Extremisten tatsächlich hinter den Angriffen auf türkische Moscheen, Kulturvereine und Restaurants stecken.

Die mutmassliche Stimmungsmache pro-türkischer Moscheen in Deutschland stellte einen weiteren Streitpunkt dar. Immerhin: Der kleinste gemeinsame Nenner war, dass Gewalt in Deutschland nichts zu suchen hat.

Das fand der Grünen-Politiker Cem Özdemir, das betonten Burhan Kesici vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, Ali Ertan Toprak von der Kurdische Gemeinde Deutschland und auch die CDU-Politikerin Serap Güler (CDU). Doch da hörten die Gemeinsamkeiten im Grund schon auf.

"Sie verteidigen den türkischen Präsidenten"

Besonders zwischen Kesici und Toprak flogen die Fetzen. "In deutschen Moscheen wird Kriegshetze betrieben", klagte der kurdische Vertreter über die Gotteshäuser, die von der türkisch-islamischen Religionsbehörde Ditib organisiert werden. "Sie verbreiten die Propaganda des türkischen Staates. Wenn sie alles relativieren, ist das eine Lüge", wandte er sich direkt an Kesici – und war in seinem Redeschwall kaum zu bremsen.

Der Vertreter des Islamrats hatte trotz anderslautender Medienberichte abgestritten, dass in deutschen Moscheen für den Sieg der türkischen Arme gebetet worden sei. Lautstark versuchte er Toprak zu bremsen – ohne Erfolg.

Auch CDU-Frau Güler betonte in Richtung Kesici: "Sie sind hier als Vertreter des Islamverbandes und verteidigen den türkischen Präsidenten – das geht mir zu weit."

Kesici stritt genau dies jedoch ab. "Natürlich nicht!", entgegnete er auf den Vorwurf, er sei ein Erdogan-Verteidiger.

Auf positive Resonanz stiessen freilich seine Worte zu Beginn der Sendung, als er "die Ethnisierung des Terrors" als falsch bezeichnete. "Wir sind dagegen, dass man es als Kurdenterror bezeichnet." Auch in den von den Anschlägen betroffenen Gemeinden gebe es viele kurdische Mitglieder.

Während in seinen Augen die Täterschaft der kurdischen Terrororganisation PKK wahrscheinlich war, mutmasste Toprak auch der türkische Geheimdienst könne seine Finger im Spiel haben. Europäische Sicherheitskreise hatten zuletzt einen Aufruf der PKK-Führung registriert, in Europa Aktionen durchzuführen.

Güler, die nordrhein-westfälische Staatsministerin für Integration, bemängelte, dass die PKK lange nicht als ernstes Problem wahrgenommen worden sei in der deutschen Politik.

Grosse Sorge, dass es "richtig knallen" könnte

Sie ordnete die Diskussion zugleich in die aktuelle Debatte um die Rolle des Islam ein. Zu den Aussagen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der Islam gehöre nicht zu Deutschland, sagte sie. "Das spaltet die Gesellschaft".

Güler bemängelte zudem, dass die Angriffe auf die Moscheen von vielen Politikern nur halbherzig verurteilt würden. Die Frage stand im Raum: Was wäre bei Attacken auf so viele jüdische Einrichtungen los gewesen?

ZDF-Mann Thevessen betonte, dass jüdische, muslimische und christliche Denker seit dem 12. Jahrhundert europäische Geistesgeschichte geschrieben haben.

Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter machte sich angesichts der zunehmenden Polarisierung zwischen deutschen Türken und deutschen Kurden "grosse Sorgen, dass es richtig knallen könnte auf unseren Strassen." Wie in den 90er Jahren, als Prügeleien, gewalttätige Demos und Selbstverbrennungen kurdischer Aktivisten ein Problem waren.
Von der Polizei sollte der Bürger laut Fiedler bei der Aufklärung oder Prävention solcher Taten nicht zu viel erwarten. Der Staatsschutz habe im Bereich Linksextremismus – auch solche Gruppen gelten bei den Anschlägen auf die türkischen Einrichten als tatverdächtig – und Ausländerextremismus "so gut wie keine Kapazität" mehr. IS-Ableger, islamistische Gefährder und Reichsbürger seien die drei grossen Problemgruppen bei den Ermittlern.

Weniger Kritik aufgrund des Flüchtlingsdeals?

Das führte noch einmal zu der Frage, welche Rolle der türkischen Staat bei der Zuspitzung des Konflikts hierzulande hat. Toprak sagte, die Kurdische Gemeinde sei verärgert, "dass die türkische Offensive in Afrin hier instrumentalisiert" werde. "Moscheen verhalten sich wie Konsulate und nicht wie Moscheen."

Grünen-Politiker Özdemir warf dem türkischen Präsidenten vor, in Deutschland "parallele Strukturen" zu schaffen – durch den Dachverband Ditib, der offiziell neutral ist, oder türkisch-nationalistische Rockergruppen.

Von der Bundesregierung wünscht er sich klare Kante gegenüber Erdogan und brachte prompt die Begründung, warum die in seinen Augen fehlt: "Durch den Flüchtlingsdeal sind wir etwas gehemmt, die richtigen Worte zu finden."

Özdemir empfahl die "Sprache des wirtschaftlichen Drucks". Nur die verstehe Erdogan. ZDF-Terrorismusexperte Elmar Thevessen wies darauf hin, dass es bisher keine offiziellen Aufrufe von türkischen Nationalisten gebe, "hier gegen die Kurden vorzugehen."

Krieg wird an den Schulen ausgetragen

Thevessen brachte noch einen anderen wichtigen Punkt an: Der Konflikt wird schon an deutschen Schulen ausgetragen. "Was sagt der Lehrer? Schickt er die Schüler auf den Schulhof und sagt: Ihr müsst es selber austragen?", fragte er. Oder klärt er es mit ihnen?

Seine Schlussfolgerung: Die Pädagogen brauchen bei der Lösung solcher Konflikte mehr Unterstützung. Auch Polizei-Gewerkschafter Fiedler prangerte an, dass die türkische Aussenpolitik in die deutsche Gesellschaft hinein getragen werde. Schon Schulkinder würden gefragt: "Bist du für oder gegen Erdogan?"

Am Ende wandte sich auch Fiedler direkt an Kesici vom Islamrat. Warum er sich nicht gegen politische Äusserungen in Ditib-Moscheen ausspreche? "Das kann ich machen", lautet die eher halbherzige Antwort in einer Sendung, die ansonsten ganz viele Emotionen zu bieten hatte.

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