Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne, St. Gallen: In den grössten Städten der Schweiz dominiert eine rot-grüne Politik. Die meisten kleineren Städte in peripheren Regionen werden zwar bürgerlich regiert, aber in einigen ist die Linke ebenfalls auf dem Vormarsch. Weshalb?

Letzte Woche platzte der Traum der bürgerlichen Parteien für eine politische Wende in der Stadt-Zürcher Regierung. Das links-grüne Lager konnte seine Position sogar stärken. In der grössten Schweizer Stadt sicherten sich die links-grünen Parteien mit sechs Sitzen nicht nur eine deutliche Mehrheit in der neunköpfigen Exekutive, sie eroberten auch klar die absolute Mehrheit im Parlament.

Eine Wahlallianz aus rechtsbürgerlichen Parteien hatte die rot-grüne Dominanz in der Stadtregierung nach 28 Jahren verdrängen wollen, scheiterte damit aber deutlich.

SP als stärkste Kraft

Linke und grüne Ideen sind in Städten zunehmend im Trend. Seit den 1990er-Jahren hat sich die Sozialdemokratische Partei (SP) zur stärksten politischen Kraft in den grossen Städten entwickelt. Auch in kleineren Städten – etwa in Aargau, Olten, Baden oder Burgdorf – kam es in den letzten Jahren zu einem Linksrutsch.

Laut Politologen gibt es verschiedene Ursachen für den Vormarsch der rot-grünen Politik im urbanen Raum. Sehr populär sei etwa der gemeinnützige Wohnungsbau oder der Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder sicherer Velowege. Solche Projekte würden von Rot-Grün unterstützt, vom bürgerlichen Lager hingegen eher gebremst oder sogar verhindert.

Für die politische Ausrichtung der Menschen in den Städten seien weniger der soziale Status oder das Einkommen entscheidend, als vielmehr die urbane Identität, sagte Politgeograf Michael Hermann gegenüber Schweizer Radio SRF. Sie sähen sich als städtische Menschen und verlangten, auch wenn sie gut verdienten, ein gutes öffentliches Angebot.

"Dafür sind sie auch durchaus bereit, Steuern zu bezahlen", so Hermann. Und genau dieses Modell werde von Links-Grün vertreten. Deshalb hätten bürgerliche Parteien in den Städten generell einen schweren Stand.

Ist Rechtsrutsch ein Nachteil in Städten?

Aber auch nationale politische Themen hätten einen Einfluss auf das Wahlverhalten der Bevölkerung in grösseren Städten. Wenig hilfreich sei deshalb, dass die FDP auf nationaler Ebene nach rechts gerückt sei. Für die Städte sei das eine grosse Herausforderung, weil diese in den letzten Jahren nach links gerückt seien. "Dieser Graben lässt sich nicht leicht überbrücken." So werde die FDP in den Städten kaum zu alter Grösse zurückfinden, ist Hermann überzeugt.

In den Städten wächst die Bevölkerung am stärksten, damit sind auch hier die meisten zusätzlichen Stimmen zu holen. Die Städte-Offensive der FDP sei deshalb sicher eine sinnvolle Strategie. Doch ob sie zum Erfolg führe, sei keineswegs garantiert.

Die Rechte sucht Alternativen
Nach der weiteren Schlappe in der Schweizer Wirtschaftsmetropole sucht die freisinnig-demokratische Partei (FDP. Die Liberalen) nach den Gründen, weshalb sie im urbanen Raum immer häufiger den Kürzeren zieht. Diese Woche hat sie das Projekt "FDP-Urban" lanciert, an dem acht Stadtparteien der grossen Schweizer Städte beteiligt sind. Es gehe darum, liberale Antworten auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen der städtischen Bevölkerung zu finden, erklärten freisinnige Politiker. Man habe sich zu lange damit begnügt, die Politik der Linken in den Städten zu bekämpfen, hiess es selbstkritisch.

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