• Veganer, Flexitarier, Pescetarier: Von den meisten Ernährungsformen haben viele Menschen zumindest schon einmal gehört. Aber was ist Freeganismus?
  • Hierbei handelt es sich um eine Ernährungsform, die gleichzeitig Konsumkritik ist.
  • Freeganismus will auf die verschwenderische Lebensweise der westlichen Gesellschaft aufmerksam machen und diese nicht unterstützen.

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Egal ob vegetarisch, keto oder frutarisch: In den vergangenen Jahren gab es viele Ernährungstrends. Manche kamen und gingen wieder. Andere blieben bestehen. Was steckt dahinter? Was ist das Ziel?

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten, scheint die Ernährung irgendwie zur Ersatzreligion geworden zu sein. Da kann selbst die Packung Milch auf dem Frühstückstisch die Familie spalten. Lacto-Vegetarier, Veganer und Flexitarier - davon haben viele Menschen mittlerweile schon mal gehört.

Aber Freeganismus? Free wie frei? Also nichts? Ernähren sich diese Menschen nur von Luft und Liebe? Nein, weit gefehlt!

Beim Freeganismus handelt es sich vor allem um Konsumkritik. Um den Freeganer an sich besser verstehen zu können, sollte man zunächst eine Einordnung der verschiedenen Ernährungsformen vornehmen. Denn seien wir ehrlich: Es ist kompliziert.

Wer isst was warum?

Also, Veganer verzichten auf alle tierischen Inhaltsstoffe in Lebensmitteln. Das bedeutet, sie essen beispielsweise keinen Joghurt, trinken keine Kuhmilch und verzichten auf Fleisch, Fisch und Eier. Jeder Veganer ist somit auch automatisch Vegetarier, denn die verzichten nur auf Fisch und Fleisch. Pescetarier hingegen essen kein Fleisch, jedoch Fisch, und Flexitarier machen innerhalb der pflanzlichen Ernährung Ausnahmen für tierische Produkte. So weit, so gut.

Gründe, warum Menschen sich vegan oder vegetarisch ernähren, gibt es viele. Die einen tun es für die Umwelt, die anderen für die Gesundheit und die dritten aus ethischen Gründen. Freeganer hingegen wollen mit ihrer Art der Ernährung ein Statement gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzen.

Etwa 75 Kilo Essen schmeisst jede und jeder Deutsche pro Jahr weg. Und mit 52 Prozent entsteht der Grossteil der Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten. Wir können uns also alle mal an die eigene Nase fassen, wenn es um Lebensmittelverschwendung geht. Da brauchen wir gar nicht auf Aldi, Lidl und Co. zu zeigen. Anhänger des Freeganismus tun es auf die konsequenteste Art und Weise: Sie ernähren sich vegan, aber nur mit Lebensmitteln, die sie im Müll finden. Klingt eklig? Ist es erstaunlicherweise gar nicht.

Denn ein Grossteil der Lebensmittel, die im Einzelhandel weggeschmissen werden, sind noch einwandfrei geniessbar. Jedoch sind Händler dazu verpflichtet, Lebensmittel zu entsorgen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder die optische Mängel haben. Eine angedrückte Banane kauft zum Beispiel niemand mehr und auch der fleckige Apfel wandert in den Müll. So ein Quatsch: Denn den Apfelkuchen interessiert es herzlich wenig, wie das Obst vorher aussah und auch aus der Banane lässt sich noch ein vernünftiges Bananenbrot backen. Darüber hinaus sind viele der Lebensmittel verpackt. Es macht also nichts, wenn man sie einfach wieder aus dem Müll holt.

Mythen um Freeganismus

In Artikeln und Berichten zum Thema Freeganismus und den Kommentarspalten scheint häufig der Eindruck zu entstehen, dass Freeganer wirtschaftlich schlecht dastehen. Dass sie beispielsweise ein geringes Einkommen haben oder andere finanzielle Nöte, die sie dazu zwingen, nachts in Containern zu wühlen. Dem ist aber meist nicht so, denn Freeganismus ist eine bewusste Entscheidung gegen den Konsum.

Man könnte sich Lebensmittel aus dem Supermarkt leisten, tut es aber nicht, weil man mit seinem Euro nicht zur Lebensmittelverschwendung beitragen will. Tatsächlich kommen die meisten Freeganer aus der Mittelschicht, sind tendenziell höher gebildet und relativ jung.

Und wer sich nun denkt: "Immer diese neumodischen Konzepte", der hat in den vergangenen Jahren leider nicht richtig aufgepasst. Denn die ersten Veröffentlichungen zum Thema erschienen bereits 2005. Hier wird Freeganismus noch grösstenteils in Verbindung mit der linksradikalen und autonomen Szene erwähnt und in erster Linie nicht als Ernährungskonzept behandelt.

Stattdessen sollte der Freeganismus die Mitmenschen "aufwecken" und erkennen lassen, wie verschwenderisch wir in unserer westlichen Gesellschaft leben. Man wollte erreichen, dass der Wert von Lebensmitteln wieder mehr in den Fokus rückt. Ziemlich noble Ziele, die da mit dem Müll anderer verfolgt werden.

Wenn man einmal genau hinsieht, dann ist das Ideal des Freeganers sogar ziemlich weit verbreitet. Sogenannte Umsonstläden und Verteilerschränke handeln nach demselben Prinzip und auch die Tafel verteilt Lebensmittel, die in Supermärkten und Grossküchen übrig bleiben. Auch die deutschen VolXküchen sind häufig freegan. Hierbei handelt es sich um wöchentlich stattfindende Treffen, bei denen in der Gruppe gekocht und das Essen dann zum Selbstkostenpreis angeboten wird.

Doch ein Problem bleibt bestehen. Containern ist in Deutschland offiziell verboten. Das Bundesverfassungsgericht entschied im August 2020, dass das Retten von Lebensmitteln strafbar bleibt, weil die Lebensmittel auch dann dem Supermarkt gehören, wenn sie im Müll liegen. In Frankreich etwa ist das anders.

Freeganer zu sein ist also im Grunde konsequent zu Ende gedachter Veganismus. Gleichzeitig ist die Ernährungsform Konsumkritik. Und auch wenn nicht jede oder jeder gleich Freeganer wird, kann man doch mal in den eigenen Kühlschrank schauen und sich fragen, ob man die Möhren da nun wirklich wegwerfen muss oder vielleicht doch heute Abend mal eine Gemüsesuppe draus macht.

Dies ist ein journalistisches Angebot des Online-Magazins ZEITjUNG.
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