• Garantierte Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder?
  • Ab 2026 soll das stufenweise eingeführt werden.
  • Diejenigen, die das umsetzen sollen, sind skeptisch.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Jennifer Fraczek sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Ab dem Schuljahr 2026/2027 soll es einen Rechtsanspruch geben, seine Kinder in der Grundschule ganztags betreuen zu lassen. Dieser wird stufenweise eingeführt. Experten haben bereits errechnet, dass dafür einige Zehntausende Fachkräfte fehlen – und das ist aus Sicht derer, die den Rechtsanspruch umsetzen sollen, nicht das einzige Problem.

Sie fordern einen Masterplan und manche plädieren dafür, den Start zu verschieben. An den Menschen liege es nicht, betont Ingo Junker, pädagogischer Leiter der Fachschule für Sozialpädagogik in Siegburg. "Wir weisen jedes Jahr doppelt so viele Bewerber ab, wie wir annehmen", sagt der Sozialpädagoge. Die Fachschule bildet Erzieher aus, vor allem für die Kitas, aber auch für Kinder- und Jugendheime.

Bislang. Denn nun kommt für Junker und die Kollegen in anderen Erzieher-Ausbildungsstätten in NRW ein grösseres Feld hinzu: die OGS, die offenen Ganztagsschulen. OGS bieten eine Hortbetreuung an – und zwar wohlgemerkt nicht nur einen reinen Spielort, es soll auch pädagogisch etwas geboten werden.

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OGS sind nicht neu, neu ist aber, dass Eltern bald einen Rechtsanspruch haben sollen, ihr Kind dort ganztags betreuen zu lassen – wie das bei den Kitas nun schon seit ein paar Jahren der Fall ist. Je nachdem, wie gut eine Kommune bislang ausgestattet ist, bedeutet das für sie: etwas mehr oder viel mehr Personal und kleine oder grössere Umbauten an den Gebäuden. Schliesslich müssen oft auch neue Räume für die Nachmittagsbetreuung geschaffen werden.

"Wir haben einfach nicht genug Ausbildungsplätze und Lehrkräfte"

Der Bund gibt dafür Geld, umsetzen müssen aber das Bundesland und die Kommunen. Es braucht tausende Erzieher zusätzlich. Nordrhein-Westfalen, das Land, in dem die Fachschule von Ingo Junker sitzt, ist eines der Länder, die einen besonders grossen Ausbau zu bewerkstelligen haben.

Die Bertelsmann-Stiftung hat erst jüngst ausgerechnet, dass – je nach Betreuungsbedarf – zwischen 17.600 und 28.600 zusätzliche Fachkräfte nötig sein werden. Ingo Junker hält diese Zahl noch für zu niedrig. "Meine Schätzungen gehen eher in Richtung 50.000", sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Im Moment bildet seine Schule in zwei Zügen jedes Jahr 64 Erzieherinnen und Erzieher aus. Vor einigen Jahren waren es noch fast 100. An der Bewerberzahl liegt es, wie Ingo Junker sagt, ja nicht, dass es nun weniger sind, sondern an den Kapazitäten der Schule. "Wir haben einfach nicht genug Ausbildungsplätze und Lehrkräfte, um Erzieher auszubilden." Die Kapazitäten könnten gesteigert werden, sagt der pädagogische Leiter, aber das Geld dafür sei nicht da.

Ab 2026 soll der Rechtsanspruch zunächst für die 1. Klassen gelten

Als Schule in freier Trägerschaft muss die Fachschule in Siegburg anders als öffentliche Ausbildungseinrichtungen einen Teil der Kosten aus eigenen Mitteln tragen – eine finanzielle Belastung, die einen Ausbau behindere.

Woher die Fachkräfte nehmen? Das ist eines von mehreren Problemen, die es bei der Umsetzung des Ganztags-Rechtsanspruchs gibt. Wobei das Datum aber schon feststeht: Ab 2026 soll der Rechtsanspruch zunächst für die 1. Klassen gelten und dann stufenweise ausgebaut werden. Ab dem Schuljahr 2029/30 soll er dann für alle Klassen gelten.

Insgesamt sind laut der Bertelsmann-Studie in den westlichen Bundesländern bis zu 76.000 Fachkräfte nötig, "wenn bis Ende des Jahrzehnts für jedes Kind ein Platz mit einer Förderung von 40 Wochenstunden vorhanden sein soll". Das klingt alarmierend.

In die 40 Wochenstunden sind die Schulstunden eingerechnet, bei 8 Stunden pro Tag wäre das Kind also von 8:00 bis 16:00 Uhr in der Schule, davon etwa 3 bis 4 Stunden im Hort. Das klingt realistisch, aber ob nun wirklich jedes Kind diese 40 Wochenstunden braucht, ist durch Zahlen nicht überall belegt.

Auf diesen Punkt weist auch Kai Zentara vom Landkreistag Nordrhein-Westfalen hin: "Momentan ist noch völlig unklar, wie gross der Bedarf an Ganztagsbetreuung und folglich der Bedarf an Fachkräften ist." Er fordert deswegen: "Das Land sollte unbedingt jetzt ein Forschungsinstitut damit beauftragen, diese Zahlen zu erheben."

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung sei "ein Riesenprojekt" und einige Kommunen würden sich "sehr anstrengen müssen, um ein entsprechendes Angebot zu schaffen", sagte Zentara im Gespräch mit unserer Redaktion. Erstens beim Gebäudebestand, der vielerorts aufgestockt werden müsse – und dann eben beim Personal. "Sieht man sich an, wie knapp das Personal schon in den Kitas ist, kann man sich nur schwer vorstellen, wie das realisiert werden soll."

Sicher: Es wird nicht überall gleich schwierig sein. In Ballungsräumen mit vielen Kindern und hohen Mieten, die sich nicht alle Erzieher leisten können, wird es sicher schwieriger als in gut situierten Kommunen auf dem Land. "Bund und Land sollten sicherstellen, dass alle Kommunen die erforderlichen Investitionen tätigen und das benötigte Personal einstellen können", sagt Zentara.

Sozialpädagoge hält nicht viel von "Crashkursen" in der Erzieherausbildung

Damit es genug Personal gibt, wäre es aus seiner Sicht auch nötig, die Erzieherausbildung flexibler zu gestalten. "Natürlich sagen die Institutionen, die ausbilden: Erzieherin und Erzieher, das kann nicht jeder machen. Das stimmt sicher auch, aber es sollte möglich sein, Ausbildungen vorübergehend zu verkürzen oder für Menschen in einem ähnlichen sozialen Beruf eine Art 'Crashkurs' anzubieten, um sie schnell einsetzen zu können – wobei der Einsatz dann unter Aufsicht geschehen müsste."

Auch Ingo Junker von der Fachschule in Siegburg ist für mehr Flexibilität, aber von Crashkursen hält er wenig. Solche "Helfer" seien für die Erzieherinnen und Erzieher eher eine Belastung.

"Zusätzlich zur Verantwortung für die Kinder tragen sie dann noch die Verantwortung für die Helfer", sagt Junker, der aber einen anderen Vorschlag hat: nämlich, dass sich einige Schulen bei den Schul- und Praxistagen der Azubis so miteinander absprechen, dass diese Tage optimal ausgenutzt werden könnten. "Dann könnte man zwei Fachkräfte auf eine Stelle setzen und würde die Kapazität der Ausbildungsplätze sofort deutlich erhöhen."

Ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 umsetzbar?

Ideen für die Umsetzung gibt es also. Was aber bislang fehlt, ist ein übergeordneter Rahmen, in dem das diskutiert wird und in dem eine Art Masterplan entwickelt werden könnte. "Die Landesregierung sollte schnell Schulträger, Elternverbände und alle anderen Beteiligten an einen Tisch holen und ein Konzept ausarbeiten. Dass es dafür noch keine Einladung der Regierung gibt, ist irritierend", sagt Zentara.

Ingo Junker ist sogar dafür, den Rechtsanspruch so lange auf Eis zu legen, bis es diesen Masterplan gibt: "Momentan halte ich es für völlig unrealistisch, dass der Rechtsanspruch ab 2026 umgesetzt werden kann."

Über die Experten: Ingo Junker, pädagogischer Leiter der Fachschule für Sozialpädagogik in Siegburg. Dr. Kai Zentara, beim Landkreistag Nordrhein-Westfalen Beigeordneter unter anderem für Schule und Bildung.

Verwendete Quellen:

  • bertelsmann-stiftung.de: Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2022
  • bmfsfj.de: Gesetz zur ganztägigen Förderung von Kindern im Grundschulalter
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