• Gleichberechtigung und Diversität sind uns wichtig - aber an manchen Stellen sind wir als Redaktion noch von unseren Zielen entfernt.
  • Neben Diversität bei unseren Mitarbeitenden geht es uns auch darum, möglichst vielfältige Stimmen zu Wort kommen zu lassen.
  • Auch eine diskriminierungsfreie Sprache ist uns wichtig. Ein Überblick.

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"Von einer gleichberechtigten Vertretung im Parlament ist die weibliche Mehrheit der Gesellschaft damit noch weit entfernt", schreiben wir Anfang Oktober 2021 als Reaktion auf die Bundestagswahl. Zwar ist der Frauenanteil im neuen Deutschen Bundestag etwas gestiegen, mit 34,7 Prozent ist aber noch deutlich Luft nach oben.

Es ist unsere Aufgabe als Medien, solche Ungleichgewichte zu benennen. Aber wie sieht es eigentlich mit der Gleichberechtigung und Diversität innerhalb der eigenen Redaktion aus? Wie gehen wir mit Geschlechteridentitäten in der Sprache um? Und kommen bei uns wirklich alle gesellschaftlichen Gruppen zu Wort? Ein Überblick.

Diversität in der Redaktion

Der gemeinnützige Verein ProQuote analysiert seit 2012 regelmässig die Frauenanteile in journalistischen Führungspositionen. Auf Basis des Impressums wird dabei die Anzahl der Frauen gezählt und nach Hierarchie-Ebenen gewichtet – je höher die Position, desto grösser die Machtfülle. Bisher werden unsere eigenen Newsmarken nicht von ProQuote analysiert, aber wir haben das Regelwerk auf unsere Redaktion angewendet. Inklusive unserer Produktentwicklung kommt der Newsbereich auf etwa 43 Prozent Frauenmachtanteil – in der Kernredaktion bestehend aus Chefredaktion, Ressortleitung und Chefin vom Dienst liegt der Anteil derzeit allerdings nur bei 25 Prozent.

Diversität ist aber natürlich nicht nur eine Frage des Geschlechts. In weiteren Auswertungen haben wir daher erhoben, inwiefern unsere Redaktion bei Alter, Familienstand, Migrationshintergrund und Berufsabschluss dem Durchschnitt in der Bevölkerung entspricht – oder eben auch nicht. Ältere Mitarbeitende über 50 Jahren sind beispielsweise deutlich unterrepräsentiert, gleiches gilt für Alleinerziehende und Mitarbeitende mit Migrationshintergrund. Auch beim Bildungsgrad und dem fachlichen Hintergrund zeigt sich, dass Universitätslaufbahnen auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften stark übergewichtet sind.

All das hat Ursachen – dass sich Onlineredaktionen erst vor etwa 20 Jahren gebildet haben, führt beispielsweise zu einem nach wie vor jüngeren Altersschnitt, zudem bewerben sich aktuell leider weniger Menschen aus den unterrepräsentierten Gruppen auf offene Stellen. Allerdings würde man es sich zu einfach machen, den Status quo schlicht hinzunehmen. Wir werden daher bei Stellenbesetzungen neben der fachlichen Qualifikation auch Fragen der Diversität berücksichtigen. Ein Universitätsabschluss – wie vor einigen Jahren noch durchaus üblich – ist heute beispielsweise keine Voraussetzung mehr, eine Bewerberin oder einen Bewerber einzustellen.

Diversität in den Stimmen

Eines hat die Analyse und Beschäftigung mit dem Thema Diversität in der Redaktion schon geschafft: Wir sind uns möglicher "blinder Flecke" in der Berichterstattung bewusst geworden, die wir in der täglichen Arbeit berücksichtigen können – und müssen. Dazu gehört auch, verschiedene gesellschaftliche Gruppen in unseren Inhalten sichtbar zu machen.

Am einfachsten messbar ist dabei erneut das Verhältnis der Geschlechter. In einer Analyse der von unseren Redakteurinnen und Redakteuren sowie freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erstellten Inhalte haben wir Mitte 2021 festgestellt, dass 71 Prozent unserer Interviewpartner und befragten Experten männlich waren. In der Folge haben wir unsere eigenen Mitarbeitenden sowie freie Autorinnen und Autoren beispielsweise mit Schulungen sensibilisiert, auch gezielt weibliche Interviewpartnerinnen und Expertinnen zu befragen. Spezielle Datenbanken für weibliche Ansprechpartnerinnen helfen uns dabei. Im Oktober 2021 haben wir so bei unseren eigenrecherchierten Inhalten und den Texten unserer freien Autorinnen und Autoren erstmals einen 50-Prozent-Anteil weiblicher Stimmen erreicht. Da wir auch mit Inhalten von Nachrichtenagenturen arbeiten, gilt dieser Anteil noch nicht für alle unsere Inhalte.

Auch bei der Bebilderung unserer Themen sehen wir Handlungsbedarf. Zwar sind nach wie vor viele Menschen in Machtpositionen Männer, dennoch möchten wir Frauen deutlicher sichtbar machen und auf grössere Ausgewogenheit achten.

Die "Financial Times" arbeitet bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln, um Schieflagen bei der Bebilderung zu vermeiden. Dort wertet eine Gesichtserkennung den Anteil weiblicher Protagonisten auf der Nachrichtenwebsite aus und gibt der Redaktion eine entsprechende Rückmeldung. Auch unsere Produktentwicklung arbeitet an solchen Tools.

Geschlechterneutrale Sprache

2021 haben wir unsere Leserinnen und Leser gefragt, welche Form der Geschlechternennung sie in unseren Inhalten bevorzugen würden (Zufallsstichprobe, n=2.229). Über 30 Prozent der Befragten war es schlicht egal, fast 28 Prozent sagten, dass männliches und weibliches Geschlecht genannt werden sollte. Etwas über 15 Prozent votierten für eine alle Geschlechter und nicht-binäre Menschen einbeziehende Formulierung wie Gendersternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich. Nur etwas über 17 Prozent bevorzugten die rein männliche Form.

Interessant: Es gab dabei kaum Unterschiede in den Antworten von Frauen und Männern - mit einer Ausnahme: Jüngere Männer hatten sich noch etwas stärker für das Gendern ausgesprochen als junge Frauen. Allerdings liessen sich grössere Unterschiede zwischen den Altersgruppen erkennen: je jünger, desto offener für das Gendern. Die teilweise sehr emotional geführte Debatte über das Gendern ist also möglicherweise gar keine Frage des Geschlechts, sondern der Generation.

In unseren redaktionellen Leitlinien haben wir festgehalten: "Wir möchten alle unsere Leserinnen und Leser gleichermassen ansprechen. Deshalb verwenden wir – wo passend – geschlechtsneutrale Begriffe. Wir arbeiten mit Doppelnennungen, hinterfragen Rollenklischees und brechen sie auf. In unserer Berichterstattung sind Frau und Mann gleichgestellt. Das gilt auch für sprachliche Bilder, die wir erzeugen. Wir verzichten daher auf Formulierungen, die ein ungleiches Verhältnis zwischen Mann und Frau darstellen."

Im Grundsatz werden wir Sie also als "Leserinnen und Leser" ansprechen. Ausnahmen davon gibt es bei unseren Kolumnen. Kolumnen werden in besonderer Weise aus der Perspektive der Autorinnen und Autoren verfasst. Dazu gehört auch, dass unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten selbst entscheiden können, ob und wie sie gendern.

Zudem ist Sprache nicht statisch, sondern einer fortlaufenden Entwicklung unterworfen. Insofern diskutieren wir in unserer Redaktion regelmässig darüber, wo und wie wir uns an neue sprachliche Entwicklungen anpassen.