Gesunde Ernährung und regelmässige Bewegung können nicht nur körperliche Beschwerden beeinflussen, sondern auch unser Leben verlängern. Und trotzdem kostet es die meisten im Alltag Überwindung. Gesundheitsexperte Prof. Dr. Thomas Kurscheid erklärt im Interview, warum es so wichtig ist, den inneren Schweinehund zu besiegen und was einen gesunden Lebensstil wirklich ausmacht.

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Professor Kurscheid, manche Menschen interessieren sich wenig für einen gesunden Lebensstil – bis sie plötzlich krank werden. Kann man sagen, wie hoch der Anteil an Krankheiten ist, denen man durch einen entsprechenden Lebensstil hätte vorbeugen können?

Prof. Dr. Thomas Kurscheid: In der Medizin gibt es Schätzungen, dass man durch einen gesunden Lebensstil etwa 70 Prozent aller Krankheiten nach hinten verschieben kann. Zum Beispiel: Wenn ich rauche, habe ich ein hohes Risiko, vor dem 60. Lebensjahr an einer schweren Krankheit zu versterben. Wenn ich nicht rauche, liegt das Risiko eher bei der Altergruppe 75 plus. Durch solche Entscheidungen hat man 70 Prozent der eigenen Gesundheit selbst in der Hand.

Sport- und Ernährungsmediziner Prof. Thomas Kurscheid ist Experte für gesunden Lebensstil.

Was macht denn einen gesunden Lebensstil aus?

Stressmanagement, Bewegung, Ernährung – das sind sicherlich die drei Hauptkomponenten.

Aber dass gesunde Ernährung und Sport wichtig für die Gesundheit sind, ist ja heutzutage kein Geheimnis mehr.

Ja, absolut. Und trotzdem macht es ja nicht jeder.

Aus Bequemlichkeit? Oder was denken Sie, woran das liegt?

Ich glaube, dass viele Menschen über Krankheiten denken: "Das passiert mir schon nicht!" Zum Beispiel: Ich rauche zwar, aber ICH kriege schon keinen Lungenkrebs. Ich rauche zwar, aber ICH kriege keinen Herzinfarkt.

Oder sie sagen: An irgendetwas muss man ja sterben. Dabei stellen sie sich das Sterben ganz leicht vor. Als würde jeder plötzlich einfach tot umfallen!

Aber das ist ja oft nicht der Fall …

Genau. Zum Beispiel beim Herzinfarkt: Die meisten Menschen werden gerettet. Sie überleben zwar, aber vielleicht nur mit eingeschränkter Herzfunktion. Ähnliches auch beim Hirnschlag – den überlebt man möglicherweise auch, aber danach ist man vielleicht halbseitig gelähmt. Letztendlich wird die Lebensqualität stark eingeschränkt. Dass man sofort tot ist, ist selten der Fall. Trotzdem stellen sich das viele Menschen genauso vor.

Ausserdem stellen viele, wenn es um ihre Gesundheit geht, das Jetzt in den Vordergrund. Der Gedanke dahinter: Man hat jetzt den Genuss von der Zigarette oder irgendwelchem Fast Food – und die Folgen spürt man erst in 20 oder 30 Jahren. Die sind vielen Menschen dann nicht so wichtig.

Und wenn man sich all dessen bewusst ist, es aber vielleicht nicht so richtig schafft, einen gesunden Lebensstil in den Alltag zu integrieren?

Also wenn ich mir anschaue, dass der Deutsche locker dreieinhalb Stunden am Tag Fernsehen schauen kann, aber keine 20 Minuten für einen Spaziergang hat, ist das schon bedenklich.

Klar, das ist der innere Schweinehund, der lieber auf dem Sofa sitzt, als sich zu bewegen. Auch wenn man eigentlich weiss, dass man was tun sollte. Wir haben mittlerweile so eine grosse Komfortzone, aus der wir nicht mehr raus wollen. Alles ist zu anstrengend, alles ist zu mühsam. Wir sind faul geworden. Dabei ist Bewegung das Allerwichtigste. Und kann auch richtig Spass machen!

Noch wichtiger als gesunde Ernährung?

Es ist ein idealer Start in ein gesünderes Leben. Es gibt Studien, die zeigen, dass wenn ich am Tag 10.000 Schritte mache, gewinne ich drei gesunde Lebensjahre. Und wenn ich darüber hinaus dreimal die Woche durch Training ausser Atem komme, dann gewinne ich sechs gesunde Lebensjahre.

Und wenn ich mich so bewege, dann merke ich auch besser, was ich essen sollte, was mir gut tut und worauf ich Appetit habe. Dann kommt auch die Ernährung nach und nach in die richtige Bahn.

Gerade in Sachen Ernährung wird ja immer viel diskutiert, was letztendlich gesund ist und was nicht. Was genau heisst denn für Sie gesunde Ernährung?

Gesund ist für mich vor allem eine Low-Carb-Ernährung. Wir können nicht an Fetten sparen, da unsere Nervenzellen daraus bestehen. Wir können auch nicht an Proteinen sparen, da unsere Muskeln daraus bestehen. Was wir nicht brauchen, sind Kohlenhydrate wie Reis, Kartoffeln, Nudeln, Brot und Süsses. Unser Körper kommt auch hervorragend ohne sie aus. Auf Kohlenhydrate zu verzichten, ist daher das ideale Diätmittel.

Bei ketogener Ernährung verzichtet man nahezu komplett auf Kohlenhydrate.

Also nicht nur für die Gesundheit, sondern auch zum Abnehmen?

Ja. Durch eine Keto-Ernährung, also eine sehr kohlenhydratarme, dafür aber fettreiche Kost, werden die Fettsäuren vom Körper in kleine Schnipsel, die sogenannten Ketone, gehackt. Davon kann unser ganzer Körper profitieren. Mit weniger Kohlenhydraten haben wir auch weniger Tendenz zuzunehmen.

In meiner Praxis habe ich sehr gute Erfahrungen mit Keto-Ernährung gemacht. Zu vielen Erkrankungen, wie etwa Multiple Sklerose oder Demenz, gibt es Beobachtungen, die Besserungen durch eine entsprechende Ernährung belegen. Wichtig ist nur, die Ballaststoffe nicht zu vernachlässigen. Die sind sehr wichtig für unsere Darmbakterien und unser Immunsystem. Wenn wir zusätzlich auf den Eiweissgehalt und reichlich gesunde Fette achten, sind wir auch länger satt – ganz ohne Kohlenhydrate.

Auf Ernährung und Bewegung haben wir direkten Einfluss, auf Stressauslöser im Leben manchmal weniger. Wie geht man damit am besten um?

Stress an sich macht ja nicht krank, sondern die Art und Weise, wie wir ihn handhaben. Wir haben immer schon Stress gehabt: Früher, wenn man ums Überleben kämpfen musste, wenn wir uns verteidigen mussten, wenn wir weglaufen mussten. Heute sind wir schon gestresst, wenn der Computer mal nicht funktioniert. Da bleiben wir aber weiter sitzen und bauen das Adrenalin eben nicht ab.

Genau deshalb ist Bewegung auch so wichtig. Wenn man den Umgang mit Stress klug angehen möchte, zieht man sich eben nach einem stressigen Tag abends die Turnschuhe an, anstatt ein paar Flaschen Bier zu trinken.

Aber darf man sich denn dann im Alltag gar nichts mehr gönnen – und auch einfach mal nichts tun und Burger und Bier geniessen?

Das geht schon. Ausnahmen oder kurze Phasen bügelt der Körper ja super aus. Wenn man mal eine Zeit lang keinen Sport macht, ein paar Wochen, ein paar Monate, ist das kein Problem. Mal ungesund essen ist auch kein Thema. Aber wenn ich 50 Jahre lang keinen Sport mache, 50 Jahre lang ungesund esse, dann merken meine Arterien das einfach – und verkalken dann eben schneller. Und Verkalkung heisst: Der Hirnschlag oder der Herzinfarkt kommt schneller.

Unabhängig von einem gesunden Lebensstil – was ist denn noch wichtig, um lange gesund zu bleiben?

Viele Krankheiten machen anfangs kaum Beschwerden. Beginnender Bluthochdruck, erste Verkalkungen, hoher Cholesterinspiegel oder ein kleiner Tumor – das sind alles Dinge, die man nicht sofort bemerkt. All das kann man nur herausfinden, wenn man regelmässig Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt.

Leider nutzen das die meisten Menschen viel zu wenig. Die stecken den Kopf in den Sand und wollen oft auch gar nicht wissen, dass was nicht stimmen könnte. Doch das ist das Schlimmste, was man machen kann. Denn wenn man einen Tumor aussitzt, bis er riesengross ist, hat man sehr schlechte Chancen.

Prof. Dr. med Thomas Kurscheid zählt zu den bekanntesten Mediziner Deutschlands. Der Arzt für Sport- und Ernährungsmedizin sowie Naturheilverfahren betreibt eine eigene Praxis in Köln. Er ist regelmässig als Experte im TV zu sehen und Autor mehrerer Ratgeber-Bücher. Vor Kurzem erschien sein "Mein Bleib-Gesund Buch" beim GU Verlag.

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