In der kalten Jahreszeit nehmen viele Menschen zu, das scheint eine Art Naturgesetz zu sein. Doch setzen wir tatsächlich Winterspeck an, wie wir ihn aus dem Tierreich kennen, oder ist das ein Mythos, der sich hartnäckig hält? Wir haben mit dem Wissenschaftler und Medizinjournalisten Sven-David Müller darüber gesprochen.

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Herr Müller, stellt sich der Körper vom Stoffwechsel her wirklich auf die kalte Jahreszeit um und legt mehr Fettreserven an?

Sven-David Müller: Der Biorhythmus des Menschen wird von der Tageszeit und auch der Jahreszeit beeinflusst. Durch den Lichtmangel im Winter sind wir beispielsweise weniger fit, erkälten uns leicht, können uns schlechter konzentrieren und reagieren langsamer.

Durch einen Mangel an Vitamin D und Serotonin können ausserdem leichte Verstimmungen bis hin zu Depressionen entstehen. Denn diese körpereigenen Botenstoffe sind dafür zuständig, unsere Stimmung aufzuhellen. Schlechte Laune wiederum kann einen gesteigerten Appetit zur Folge haben.

Evolutionstechnisch betrachtet, war es früher ausserdem notwendig, im Vorfeld des Winters ausreichend viel Nahrung aufzunehmen, um mithilfe der zusätzlichen Speckreserven die Winterzeit zu überstehen. Der Aufbau der Fettpolster erfolgte allerdings nicht in der kalten Jahreszeit, sondern bereits davor – also im Sommer und Herbst.

Nehmen wir statistisch gesehen wirklich mehr im Winter zu und hat das körperliche oder doch eher ernährungstechnische Gründe?

Dass viele Menschen im Winter zunehmen hat keine körperlichen, sondern ernährungsbedingte Gründe. Da ist auf der einen Seite der bereits zuvor erwähnte gesteigerte Appetit, auf der anderen Seite fällt auch der Energieumsatz während der kalten Jahreszeit. Gleichzeitig treiben die meisten Menschen im Winter etwas weniger Sport und bewegen sich in ihrem Alltag weniger als im Sommer. Sie fahren zum Beispiel nicht mehr mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Am meisten Gewicht legen viele ausserdem während der Feiertage zu. Dann sind die meisten faul und essen mehr. Wir naschen zwischendurch viel und kennen keine Grenzen. Sprich: Statt nur einen Keks zu knabbern, wird schnell die ganze Packung leer gefuttert. Hinzu kommt der regelmässige Gang zum Weihnachtsmarkt, auf dem reichlich Alkohol und fettige oder süsse Speisen konsumiert werden.

Zwischen Weihnachten und Neujahr kann man Studien zufolge von einer durchschnittlichen Gewichtszunahme von 200 bis 400 Gramm ausgehen. Das ist auf den ersten Blick nicht viel. Geht man allerdings von einem Zeitraum von zehn Jahren aus, sind das schon ein paar zusätzliche Kilos, die alleine aus den Weihnachtspfunden entstanden sind.

Fakt ist aber: Wenn jemand in der kalten Jahreszeit nicht mehr isst, nimmt er auch nicht zu. Eine Gewichtszunahme resultiert schliesslich aus einem Kalorien-Überschuss.

Fasten für viele die Gelegenheit ist, dem Körper eine Ruhepause von Alkohol, Kaffee, Zucker oder anderen Schlemmereien zu gönnen.

"Winterspeck": Menschen werden dicker, aber legen keinen Speck an

Warum sprechen wir dennoch immer noch von "Winterspeck" – hat das geschichtliche Gründe?

Die Bezeichnung "Winterspeck", wie wir ihn aus dem Tierreich kennen, für den Menschen anzuwenden, ist leider Quatsch. Tiere futtern sich ihre Fettpolster bereits im Spätsommer an, um den Winter zu überstehen. Dadurch können sie während der kalten Jahreszeit ihren Stoffwechsel herunterfahren und von ihren Reserven zehren. Menschen hingegen werden im Winter dicker.

Darüber hinaus gibt es bei ihnen über die verschiedenen Jahreszeiten hinweg betrachtet keinen signifikanten Unterschied beim täglichen Grundumsatz an Energie, anders als bei den winterruhenden Säugetieren.

Können Sie abschliessend noch einen Tipp für die richtige Ernährung geben, damit man im Winter nicht zunimmt?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Wohnung nicht zu sehr geheizt wird, damit unser Körper Wärme produzieren muss. Das erhöht den Energieumsatz – hilft also beim Abnehmen.

Auch sollte man sich trotz der Kälte möglichst viel draussen aufhalten, um seine Haut dem Tageslicht auszusetzen. Denn durch das UV-Licht kann der Körper Vitamin D bilden. Zudem regt der Aufenthalt an der frischen Luft die Blutzirkulation, den Energiestoffwechsel und den Kreislauf an.

Behalten Sie die gewohnte Bewegung auch im Winter bei und überlegen Sie sich, ob es tatsächlich nötig ist, wirklich jeden Tag auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Versuchen Sie ausserdem, ausreichend Frischobst mit Schale und ballaststoffreiches Gemüse zu essen sowie viel Wasser oder ungesüssten Tee zu trinken.

Süssigkeiten müssen Sie sich nicht komplett verkneifen, allerdings sollten Sie lieber eine kleine Portion intensiv geniessen – und zwar ohne den Fernseher nebenbei laufen zu lassen oder Gespräche zu führen.

Sven-David Müller ist Medizinjournalist, Schriftsteller und Gesundheitspublizist.
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