• Durch Dating-Apps und Praktiken wie Parallel-Dating ist die Beziehungswelt schnelllebiger geworden.
  • Beziehungsexpertin Sandra Neumayr rät zu Realismus bei der Partnersuche.
  • Und sie nennt die grösste Illusion, die es ihrer Ansicht nach in Beziehungen gibt.
Ein Interview

In TV-Sendungen wie "Der Bachelor" bekommen wir es vorgezeigt, über Dating-Apps wie Tinder erfahren wir es selbst: Beziehungen sind heute oft schnelllebig, geradezu austauschbar. Wir haben mit Beziehungsexpertin Sandra Neumayr gesprochen - über Dating-Apps, Parallel-Dating und warum Kinder kein Beziehungskitt sind.

Frau Neumayr, was sind Ihrer Erfahrung nach die gängigsten Probleme, die Singles bei der Partnersuche haben?

Sandra Neumayr: Viele Menschen sehen am Anfang der Beziehung ihren Partner durch eine rosarote Brille. Sie sind verliebt. Jeder Mensch hat jedoch Stärken und Schwächen. Nach einer gewissen Zeit kommt dann das Erwachen.

Wie sieht dieses Erwachen für die meisten Leute aus?

Die Menschen fühlen sich dann betrogen oder belogen, dabei haben sie von Anfang an nicht genau hingeschaut.

Man hat sich sozusagen in ein Ideal von jemandem verliebt?

Genau, man glorifiziert. Allerdings wird sich oft auch nicht damit auseinandergesetzt, was man in der nächsten Beziehung ändern könnte. Woran es lag, dass die alte Beziehung gescheitert ist.

Klassischerweise würde man jetzt wohl sagen, viele Beziehungen scheitern an Eifersucht.

Eifersucht ist immer eine Frage des Selbstwerts. Es ist nicht immer eine Unterstellung, dass der Partner fremd geht, sondern der Gedanke, es gäbe tausend bessere Optionen für ihn oder sie. Diese Annahme baut nach und nach immer mehr Druck auf.

Die Annahme, dass es tausend Optionen gibt, ist allerdings nicht weit hergeholt. Haben Online-Dating und das Aufkommen von Dating-Apps die Partnerfindung verändert?

Auf alle Fälle. Es ist jetzt natürlich ein viel grösseres Angebot da. Während man früher zum Tanztee ging und sich dort dann in jemanden verguckt hat und der Person real gegenüberstand, kann man sich heute online durch 100.000 Versionen von Arnold Schwarzenegger swipen. (lacht)

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Welche Vorteile sehen Sie beim Online-Dating?

Gerade die Generation ab etwa 45, die oft abends keine Clubs mehr besucht, profitiert davon. Die vorhin erwähnten Tanztees existieren ja kaum mehr. Auch Menschen, die stark beruflich eingespannt sind, haben so die Möglichkeit, auf eine andere Weise einen Partner kennenzulernen. Für Alleinerziehende, die abends auch nicht ständig ausgehen können, ergibt es ebenfalls Sinn.

Was würden Sie Leuten empfehlen, bevor sie mit der Partnersuche starten?

Wenn man einen Partner sucht, sollte man erst einmal seine Muster erkennen und sich überlegen: Wer passt zu mir? Wenn etwa eine Dame, die überhaupt keinen Sport macht, sich einen sportlichen Mann wünscht, sind die Probleme vorprogrammiert. Hier sollte man realistisch bleiben.

Kommt es öfter vor, dass sich Leute jemanden suchen, der gar nicht zu ihnen passt?

Genau, weil sie oft nicht realistisch sind. Viele Frauen wollen zum Beispiel einen Top-Manager, aber gleichzeitig auch einen Mann, der jeden Abend um 17:00 Uhr zu Hause ist.

Liebe per App: "Bei Tinder gibt’s ja genug Auswahl"

Auf Dating-Apps wie Tinder kommt es ja durchaus vor, dass man mit mehreren Leuten gleichzeitig matcht. Ist es Ihrer Meinung nach eine gesunde Herangehensweise, gleich mehrere Leute zu daten?

Es hat den Beigeschmack des Konsums. Ich denke am Anfang ist es okay, um eine grobe Auswahl zu treffen, aber dann sollte man sich schon auf eine Person konzentrieren. Wie soll sich sonst etwas entwickeln?

Ist das der Nachteil des Online-Datings?

Viele denken: Okay, die Beziehung läuft nicht, dann such ich mir eben eine neue - bei Tinder gibt’s ja genug Auswahl. Dabei wird gerne vergessen, wie wertvoll eine gewachsene Beziehung ist und, dass die Schwierigkeiten nicht immer nur vom Partner kommen, sondern auch oft mit einem selbst zu tun haben.

Ist dieses schnelle Dating ein Phänomen der vergangenen zehn bis zwanzig Jahre?

Auf alle Fälle.

Spielen bei dieser Auswechselbarkeit von Beziehungen auch TV-Shows wie "Der Bachelor" eine Rolle?

Mit Sicherheit auch ein bisschen, wobei die zum Teil natürlich auch glorifizierend wirken, wenn es dort zum Beispiel ganz toll läuft. Dann wird das als Vorbild genommen. Ich glaube, man muss eine gesunde Beziehung zur Realität und zu sich selbst behalten.

Sehen Sie beim Parallel-Dating auch Vorteile?

Am Anfang durchaus. Die Auswahl ist grösser. Aber dann sollte man einem Menschen auch mal eine Chance geben.

Sagen wir: Man geht Anfang der Woche mit Person A auf ein erstes Date, Mitte der Woche mit Person B und Ende der Woche mit Person C. Wie sehen Sie das?

Das ist kein Problem. Nur sollte man sich dann am Wochenende überlegen: Wo ist Sympathie und eventuell eine Basis? Das heisst ja nicht, dass man sich gleich von allen Plattformen abmelden muss. Aber es geht ja immer noch um eine Beziehung und Liebe. Vertrauen muss sich entwickeln.

Was macht man, wenn man dieses Vertrauen beim Kennenlernen zu mehreren Personen aufgebaut hat?

Man sollte sich fragen: Wer passt zu mir? Und nebenbei bemerkt: Trifft man sich selbst mit mehreren Personen, dann sollte man von seinen Dating-Partnern nicht erwarten, dass diese sich im Keller einsperren. (lacht)

Das heisst, man sollte von anderen nur das erwarten, was man auch von sich selbst erwartet?

In einer Beziehung eigentlich immer.

Kinder als Beziehungskitt? "Das ist die grösste Illusion, die es gibt"

Ab welchem Punkt würden Sie das Thema einer festen Beziehung ansprechen?

Ich denke, wenn man sich das eine oder andere Mal getroffen hat, sich schon näher gekommen ist und merkt, das passt, dann könnte man überlegen, so etwas dezent anzusprechen. Natürlich nicht mit dem Vorschlaghammer, dass man gleich heiraten und am besten noch drei Kinder in die Welt setzen möchte. (lacht)

Es scheint auf Dating-Plattformen üblich, dass vor allem Frauen ihren Kinderwunsch bereits innerhalb der ersten Nachrichten kundtun.

Teilt man das ohne Druck mit, ist das okay. Wenn der andere für sich entscheidet, Kinder sind für ihn kein Thema, dann weiss man gleich, dass es nicht funktionieren wird.

Das heisst, ein Kinderwunsch alleine ist kein Grund für eine Beziehung?

Nein. Mit Kindern bin ich ein Leben lang verbunden. Eine Beziehung braucht ein Fundament, bevor Kinder in die Welt gesetzt werden.

Kinder sind also nicht der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung?

Das ist die grösste Illusion, die es gibt. Ein kleines Kind grosszuziehen, ist natürlich etwas Wunderschönes, aber auch ein grosser Stressfaktor für eine Partnerschaft.

Woher kommt dieser Gedanke?

Ich glaube, diesen Gedanken gab es schon immer. Aber jemanden durch Kinder an sich zu binden, ist keine gute Idee.

Eine gute Beziehung benötigt also ein gutes Fundament.

Ja. Natürlich muss man nicht zwanghaft an einer Beziehung festhalten. Aber man sollte sich bewusst machen, dass Beziehungen Arbeit bedeuten. Das Kennenlernen ist Arbeit und eine gute Ehe aufrechtzuerhalten, ist lebenslange Arbeit, die immer auch etwas mit Selbstdisziplin zu tun hat.

Arbeit, die sich lohnt?

Das mag ich nicht beurteilen. Mir persönlich geht es so: Wenn man einen Menschen hat, dem man wirklich vertrauen kann, dann ist das die Mühe wert, die Beziehung aufrechtzuerhalten. Interessanterweise geht der Trend in den vergangenen Jahren wieder vermehrt zurück dahin, Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Ja?

Wir merken es auf alle Fälle bei uns in der Praxis. Früher hatten wir häufig Paartherapien kurz vor dem Scheidungsrichter. Jetzt haben wir viele Paartherapien kurz vor der Eheschliessung. Die wollen oft ein wirklich gutes Fundament bauen.

Also gibt es noch Hoffnung für die Liebe?

Auf alle Fälle.

Über die Expertin: Seit 25 Jahren betreut Sandra Neumayr Menschen in Beziehungskrisen. Sie ist leitende Dozentin an der Akademie für beratende Psychologie und Vizepräsidentin des Berufsverbands. Seit 22 Jahren ist sie auf Paare und Paarberatung spezialisiert. In ihrer Praxis in München bietet sie unter anderem Single-Coachings an.