• Die Schweiz geht in der Pandemiebekämpfung einen Sonderweg: Schliesst spät, lockert früher und verzichtet bei der Impfung auf die Vorgabe einer Impfquote für die Gesamtbevölkerung.
  • Nur die Risikopatienten nehmen die Schweizer mit einer Zielvorgabe von 75 Prozent in den Fokus.
  • Kann diese Strategie aufgehen oder birgt sie vielleicht sogar Gefahren?

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Im Kampf gegen das Corona-Virus geht der Blick auf der Suche nach den besten Rezepten für die Pandemiebekämpfung häufig nach links und rechts: In Richtung der deutschen Nachbarländer. Auf die Schweiz blickten viele Deutsche dabei zeitweise neidisch: Denn während Deutschland noch im Lockdown war, lockerten die Nachbarn schon deutlich früher.

Restaurant- und Unibesuche, Sport in Innenräumen – das war in der Schweiz schon im April wieder möglich. Und das, obwohl Bern damals steigende Fallzahlen verzeichnete. Gegen strikte Lockdowns hatten sich die Schweizer zuvor lange gewehrt.

Sonderweg bei Impfquote in der Schweiz

Auch jetzt geht die Schweiz in Sachen Impfung wieder einen Sonderweg: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) setzt kein Impfziel für die Gesamtbevölkerung fest, sondern strebt nur eine Impfquote von 75 Prozent für die Risikogruppen an. In Deutschland hält das Robert-Koch-Institut (RKI) vor dem Hintergrund der hochansteckenden Delta-Variante derweil eine vollständige Impfung von mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und mindestens 90 Prozent der Älteren für nötig.

In den USA hatte Präsident Joe Biden sein gesetztes Impfziel zuletzt verfehlt: Er plante bis zum Nationalfeiertag am 4. Juli 70 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal zu impfen. Gelungen ist das nicht. 173 Millionen, also nur 67 Prozent der Amerikaner, bekamen bis zum Stichtag mindestens eine Impfdosis.

Nur Risikogruppe im Visier

China hatte als weltweit erstes Land mehr als eine Milliarde Impfdosen verabreicht. Bis Ende des Jahres will Peking 70 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Corona impfen lassen. Auch die Briten haben ein erstes gesetztes Impfziel bereits erreicht: Es gelang ihnen bis Mitte April mehr als 60 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal zu impfen.

Das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit verzichtet allerdings auf Impfziele in Bezug auf die Gesamtbevölkerung. In einem Papier über seine COVID-19-Impfstrategie von Ende Juni heisst es: "Um die übergeordneten Ziele zu erreichen, sollen analog der Influenzaimpfstrategie mehr als 75 % der besonders gefährdeten Personen geimpft werden und so viele Angehörige des Gesundheits- und Betreuungspersonals wie möglich."

Angst, zu scheitern

Befürchtungen, das könnte zu wenig sein, wurden bereits laut. So forderte der Schweizer Politiker Lorenz Hess von der Bürgerlich-Demokratischen Partei in der Zeitung "20min": "Das BAG muss dringend klare Ziele setzen". Man sehe derzeit, dass viele Leute impfmüde seien. "Eine Impfquote, die erreichbar ist, würde sicher die Impfbereitschaft in der Bevölkerung steigern", so der Mitte-Politiker.

Der Virologe Thomas Krech glaubt zu wissen, was dahintersteckt: "Ich vermute, das BAG will einfach nicht scheitern. Die Empfehlungen passen sich der Realität an: Zum Start der Impfkampagne war die Erwartungshaltung noch, dass man 85 Prozent der Bevölkerung impft und die magische Schwelle der Herdenimmunität erreicht. Jetzt, wo die Älteren durchgeimpft sind, stösst man bei jüngeren Leuten auf ein schlechtes Echo, sodass man die Ziele eben anpasst", sagt er.

"Abflachung der Kurve" blieb aus

Anfänglich habe man durch Lockdown- und Quaratäne-Massnahmen alles unternommen, um das Virus aufzuhalten, später habe man auch auf politischer Ebene erkannt, dass sich das Virus nicht einbremsen lasse.

Die anfänglich oft genannte "Abflachung der Kurve" habe nicht stattgefunden. "Nach wie vor ist es aber wichtig, dass Risikopersonen geschützt werden, indem auch Nicht-Risikopersonen durch Impfung und Gesichtsschutz dafür sorgen, dass diese nicht angesteckt werden", betont Krech.

Quote nötig für Herdenimmunität

Für das Gesundheitsministerium selbst teilt Danièle Bersier mit: "Es ist richtig, dass die Impfstrategie für die besonders gefährdeten Personen eine Impfquote von 75 Prozent festhält. Für die gesamte Bevölkerung ist keine Impfquote vorgesehen." Das primäre Ziel sei der Schutz der besonders gefährdeten Personen, nicht eine Herdenimmunität oder eine bestimmte Impfquote.

"Schlussendlich ist jede Impfung wertvoll, sie trägt dazu bei, das Virus in der Gesellschaft einzudämmen und eine nachhaltige Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen", heisst es. Eine genaue Antwort, warum man sich gegen eine Quote für die Gesamtbevölkerung entschieden hat, gibt es jedoch nicht.

"Herdenschutz kaum erreichbar"

Genau die hielte Krech unter dem Aspekt der Herdenimmunität aber für notwendig. Gleichzeitig erinnert der Experte aber: "Man hat bei einem Erkältungsvirus noch nie eine Herdenimmunität erreicht. Durch Mutationen ist es immer wieder zu Wellen gekommen, so etwa auch bei Influenza."

Der Experte führt weiter aus: "Je höher die Übertragungsraten von neuen Virusvarianten im Vergleich zur ursprünglichen Variante, umso schwieriger wird eine Herdenimmunität zu erreichen sein". Ein absoluter Herdenschutz und die Viruselimination sei daher kaum zu erreichen und auch kein Impfziel.

Konform mit WHO-Empfehlung

Die Schweizer Impfstrategie sei insgesamt jedoch konform mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Unterschied zu einigen internationalen Impfstrategien werde in der Schweiz aber die Impfung von besonders gefährdeten Personen in der Hierarchie höher als die Impfung von Gesundheitspersonal priorisiert.

Krech erklärt die Argumentation, die dahintersteckt: "Die nicht-pharmazeutischen Schutzmassnahmen reduzieren das berufsbedingte, erhöhte Expositions- und Übertragungsrisiko, zumindest für das Personal in Akutspitälern".

Impfung auch für junge Menschen

Weil beim Coronavirus auch bei hoher Durchimpfungsrate kein Herdenschutz – also ein "Austrocknen" des Virus in der Bevölkerung - erreicht werden könne, sei es wichtig, möglichst viele vor Erkrankung zu schützen. "Und das macht man auch dadurch, dass sich Junge impfen, um die Alten vor Ansteckung zu schützen", so Krech.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Corona-Impfung für 12- bis 17-Jährige nur bei bestimmten Vorerkrankungen, spricht aber keine generelle Empfehlung aus. Gesundheitsminister Spahn (CDU) will die individuelle Entscheidung Eltern, Kindern und Ärzten überlassen. Krech gibt zu Bedenken: "So kommt man wohl auch in Deutschland nicht auf 80 Prozent Durchimpfung, wenn man die Adoleszenten und Kinder auslässt."

Folgen der Impfstrategie

Der Mediziner weiss aber auch, welche Folgen es haben könnte, wenn die Schweiz an ihren niedriggesteckten Zielen festhält. "Die Übersterblichkeit bei Corona könnte im Vergleich zu schweren Grippe-Wintern im kommenden Winter nochmals doppelt so hoch sein", sagt er.

Die Übersterblichkeit sei das einzig harte Kriterium, an dem man sich orientieren könne. Die Sterblichkeits-Zahl beschreibt die tatsächlichen Todesfälle im Verhältnis zu den erwarteten Todesfällen.

Länder im Datenvergleich

Dass die Impfstrategie der Schweizer wirtschaftliche Folgen – etwa durch fernbleibende Touristen – haben könnte, glaubt der Experte allerdings nicht. "Die Schweiz liegt ungefähr im europäischen Durchschnitt", sagt er. In der Schweiz sind aktuell knapp 36 Prozent (Stand 6. Juli) der Bevölkerung vollständig geimpft, in Österreich sind es knapp 38, in Deutschland 39 Prozent.

Auch wenn diese Werte nah beieinander liegen: In anderen Bereichen schneidet die Schweiz deutlich schlechter ab als ihre Nachbarn. Mit 704.000 Infektionen haben sich in der Schweiz im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung (8,5 Millionen) die meisten Menschen mit Corona infiziert. Das beste Verhältnis im Vergleich der drei Länder weist Deutschland auf.

Vergleich schwierig

Die Schweiz hat auch das schlechteste Verhältnis von Todesfällen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, Deutschland wiederum das Beste. In der Schweiz sind im Vergleich zu den Gesamtfallzahlen noch die meisten Menschen mit Corona infiziert. Während in Deutschland und Österreich die 7-Tage-Inzidenzen mittlerweile bei 4,9 pro 100 000 Einwohner beziehungsweise 7,4 liegen, geben die Schweizer Gesundheitsbehörden sie mit 12 pro 100 000 Einwohner an – also mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Krech aber meint: "Die Daten sind immer nur so gut, wie die Meldungen über die Fälle und die Diagnostik. Je mehr zum Beispiel bei verstorbenen Patienten auf COVID getestet wird, desto häufiger gehen Coronatote in die Statistik ein." Die Vergleichbarkeit zwischen Ländern und selbst innerhalb eines Landes sei deshalb nicht immer gegeben. "Man darf nicht zu viel um die statistischen Daten geben, auch wenn man natürlich zweifelslos Trends erkennen kann", sagt Krech.

Kritik an der Impfstrategie

Die Kritik, die in der Schweiz an der Corona-Strategie komme, beziehe sich kaum auf die mangelnde Impfquote für die Gesamtbevölkerung. "Die Hauptkritikpunkte waren, der schleppende Impfstart und dass zu wenig Impfstoff da war oder ist", so der Mediziner. Insgesamt sei die Corona-Strategie stark politisch gesteuert und beruhe zu sehr auf politisch-strategischen Überlegungen anstatt auf Fachwissen und harten Fakten. Bei der nächsten Welle oder Pandemie sei deshalb mehr Sachlichkeit gefragt.

Dennoch: "Frühe Lockerungen", so wie es vielleicht im Schweizer Ausland wahrgenommen wurde, habe es aus Sicht der Schweizer nicht gegeben. "Aus Schweizer Sicht hat man mit den Verordnungen immer noch überreagiert und sie zu lange aufrechterhalten", sagt Krech. Wenn es nach den meisten Schweizern gegangen wäre, hätte man unter kontrollierten Bedingungen, samt Testen, Abstand und Maske, noch früher und schneller öffnen können.

Öffnungen trotz hoher Inzidenz

Schon im Mai durften Restaurants in Innenräumen Gäste bewirten, Veranstaltungen mit 100 Personen in geschlossenen Räumen waren wieder erlaubt, die Home-Office-Pflicht wurde aufgehoben und bis zu 300 Personen konnten Veranstaltungen im Freien besuchen. Damals lag die 7-Tage-Inzidenz noch bei 78. Bereits im April hatte es trotz steigender Fallzahlen erste Öffnungsschritte gegeben.

Gesundheitsminister Alain Berset hatte den Schritt damals mit der Stimmung in der Bevölkerung und dem Vertrauen, das man in sie setze, begründet. "Es ist uns allen klar, dass wir heute nach dreizehn, vierzehn Monaten in dieser Situation wirklich an der Grenze sind. Wir können nicht mehr", hatte Berset im April gesagt.

Über den Experten: Prof. Dr. Thomas Krech ist Arzt für Allgemeine und Innere Medizin sowie Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Er ist emeritierter Professor für Mikrobiologie und Virologie der Universität Düsseldorf und Geschäftsführer der "MiSANTO AG", einem Telemedizin-Anbieter mit Corona - Test- und Impfzentren.

Verwendete Quellen:

  • "20min.ch": BAG scheut sich vor Impfziel – Politiker machen Druck.
  • Robert-Koch-Institut (RKI): Welche Impfquote ist notwendig, um COVID-19 zu kontrollieren? Epidemiologisches Bulletin.
  • Schweizer Eidgenossenschaft: COVID-19 Impfstrategie.
  • Our World in Data und Johns Hopkins University: Corona-Fallzahlen für Deutschland, Österreich und Schweiz.
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