Lange Zeit hat es offiziell keine Corona-Fälle im Iran gegeben. Dann wurden Mitte Februar plötzlich die ersten Toten vermeldet, seitdem sind die Zahlen dramatisch angestiegen. Iran-Experte Behrouz Khosrozadeh erklärt, wie ernst die Lage im Land ist – und welche Rolle die Regierung spielt.

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Iradsch Harirtschi wischt sich immer wieder das Gesicht ab. Mit einem Taschentuch tupft sich Irans Vize-Gesundheitsminister und Coronavirus-Beauftragte den Schweiss von der Stirn. Immer wieder muss er husten.

Das alles passiert vor Kameras auf einer Pressekonferenz, während er die Corona-Krise wie schon in den Tagen zuvor schönzureden versucht. Die Situation sei fast stabil im Land, erklärte Harirtschi den anwesenden Journalisten.

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Iran hart getroffen wie kaum ein anderes Land

Nur einen Tag später, am 25. Februar, muss Harirtschi öffentlich eingestehen, was angesichts der sichtbaren Symptome bereits zu vermuten war: "Ich bin seit gestern Abend auch ein Coronaer", sagte Harirtschi in einer Videobotschaft im Staatsfernsehen. Der 54-Jährige wurde nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA selbst positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

Seitdem ist kaum ein anderes Land so hart vom Coronavirus getroffen worden wie die Islamische Republik Iran. Stand Dienstagmittag sind dort bereits 8.042 Menschen erkrankt, 291 gestorben – nach offiziellen Angaben sind darunter auch sieben Politiker und Regierungsbeamte.

Doch wie glaubhaft sind diese Zahlen? Wie geht das autokratische Regime mit der Corona-Krise um? Und wie reagieren die Menschen im Land? Das haben wir Politikwissenschaftler und Iran-Experte Behrouz Khosrozadeh gefragt.

"Angesichts der Corona-Krise wird die Inkompetenz der Regierung deutlich"

Lange Zeit gab es offiziell keine Corona-Fälle im Iran, dann plötzlich Mitte Februar die ersten Toten. Das Land ist nach China und Italien am stärksten von der Epidemie betroffen. In den vergangenen Tagen sind die Zahlen dramatisch angestiegen. Wie reagiert die Regierung auf das Coronavirus?

Behrouz Khosrozadeh: Um eine weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen, hat die Regierung landesweit Schulen und Universitäten geschlossen sowie grosse Kultur- und Sportveranstaltungen und die Freitagsgebete abgesagt – das war aber viel zu spät!

Die Regierung der Islamischen Republik ist gerade mit Blick auf die Sicherheit und den Schutz der eigenen Bürger äusserst sorglos, in Krisen reagiert sie sehr chaotisch. Angesichts der Corona-Krise wird eine masslose Inkompetenz deutlich. Die Verantwortlichen bleiben auch bei dieser menschlichen Tragödie ihrer Tradition treu: Lügen, Vertuschen, Verharmlosen und Verleugnen so lange, bis es nicht mehr anders geht.

Ein Plakat einer Präventionskampagne gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus Covid-19 in Teheran.

Haben Sie ein Beispiel?

Offiziell verkündete das Gesundheitsministerium die Ankunft des Coronavirus im Iran am 19. Februar. Allerdings hatte bereits am 10. Februar – also über eine Woche vorher – ein Krankenhaus in Teheran den Verantwortlichen den Tod einer 63-jährigen Frau mit Verdacht auf das Coronavirus gemeldet.

Erste Berichte über die Ankunft des Virus verbreiteten sich sogar noch früher, spätestens ab Ende Januar, in den sozialen Medien. Doch die Behörden verschwiegen sehr hartnäckig bis Mitte Februar alle Warnungen von Ärzten, bestritten das Problem und verhafteten sogar Journalisten, die über das Virus berichteten.

Scheinbar wollte man die grossen Veranstaltungen zum 41. Jubiläum der Islamischen Republik am 11. Februar nicht stören. Das Gesundheitsministerium wollte die Bekanntgabe der Virusfälle sogar wegen der Parlamentswahlen am 21. Februar verschweigen.

Unglaubwürdig war auch das Versprechen von Präsident Hassan Rohani, dass ab dem 22. Februar alles wieder zur Normalität zurückkehren würde. Die Regierung diskreditiert sich angesichts dieser permanenten Widersprüche und Lügen selbst.

Wie sehr kann man den offiziellen Coronavirus-Zahlen aus dem Iran glauben?

Überhaupt nicht, die Zahlen liegen mit Sicherheit weit höher. Mittlerweile hat das Coranavirus alle 31 Provinzen Irans erreicht. Es verbreitet sich mit rasantem Tempo, auch was die Anzahl der Toten angeht.

Teherans Krisenmanager, Vize-Gesundheitsminister Iradsch Harirtschi, dementierte im Rahmen einer Pressekonferenz vehement die Berichte und Statistiken über die Verbreitung des Coronavirus. Er erklärte, dass bis dato nur 15 Infizierte gestorben seien.

Allerdings hatte zum gleichen Zeitpunkt ein Abgeordneter aus der Stadt Ghom, dem Zentrum der Verbreitung des Virus, verkündet, dass allein dort 50 Infizierte gestorben seien. Es kursiert auch ein Video aus Ghom, das die Leichenhalle der Stadt voller Tote zeigt.

Viele vermuten, es seien Coronaopfer. Man geht auch davon aus, dass etliche Iraner an dem Virus sterben, ohne überhaupt getestet worden zu sein. Viele Krankenhäuser des Landes haben keine oder nur sehr wenige Testkits zur Verfügung.

Der stellvertretende iranische Gesundheitsminister Iradsch Harirtschi (links) wischt sich den Schweiss vom Gesicht. Zusammen mit Regierungssprecher Ali Rabiei sprach er am 24. Februar auf einer Pressekonferenz über die Ausbreitung des Coronavirus im Iran. Einen Tag später bestätigte Harirtschi, positiv auf das Virus getestet worden zu sein.

"Die Iraner sind sich selbst überlassen"

Wie ist generell die Gesundheitsversorgung im Land?

Die Gesundheitsversorgung ist miserabel. Das Personal der Krankenhäuser hat kaum Schutzkleidung. Vor allem fehlt es massiv an Testkits. Schutzmasken sind Mangelware und werden auf dem Schwarzmarkt zu einem vielfach erhöhten Preis gehandelt. Man könnte sagen, die Iraner sind in diesen gefährlichen Zeiten sich selbst überlassen.

Gibt es grosse Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung?

Die Bevölkerung hat kein Vertrauen in die Verantwortlichen. Sie fürchtet die Inkompetenz und das Missmanagement der Regierung mehr als das Virus selbst. Dazu kommen die üblichen Verschwörungstheorien.

So behaupteten Ajatollah Ali Chamenei und Präsident Hassan Rohani, dass die USA hinter dem Virus steckten. Die Vereinigten Staaten und die Gegner der Parlamentswahlen hätten die Gelegenheit genutzt, um die Wahlbeteiligung zu verringern, sagte etwa Chamenei. Wenn das Coronavirus weiter andauert, sollte die Weltgesundheitsorganisation sich dringend und direkt dem Iran widmen, um dort eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.

"Virus hat sich auf alle Provinzen ausgebreitet"

Unter den iranischen Corona-Toten sind unter anderem auch Ex-Vizeaussenminister Hussein Scheicholislam und die Parlamentsabgeordnete Fatemeh Rahbar. Zahlreiche weitere Offizielle sind ebenfalls gestorben oder infiziert. Wie kommt es zu dieser auffälligen Häufung?

Ghom ist das Corona-Ausbruchszentrum im Iran. Von dort hat sich das Virus mittlerweile auf alle Provinzen ausgebreitet. Der Grund für den Corona-Ausbruch in Ghom sollen Hunderte chinesische Theologiestudenten am dortigen Theologischen Zentrum gewesen sein.

Wie auch immer: Aufgrund der Parlamentswahl haben Politiker überall im Land – aber insbesondere auch in Ghom, dem religiösen Zentrum des Landes – Wahlkampfveranstaltungen abgehalten. Sie sind überall hingereist, nicht wissend, dass das Coronavirus vielleicht ganz nah bei ihnen ist. Das unselige Prinzip der Verheimlichung und Täuschung ist damit wie ein Bumerang zu den Verantwortlichen zurückgekehrt.

Die Regierung stellte etliche iranische Städte faktisch unter Quarantäne. In der nordiranischen Provinz Masanderan am Kaspischen Meer drohten die Bewohner gar: Entweder sperrt ihr die Zufahrtsstrassen oder wir blockieren sie selbst. Aber Ghom steht weiterhin nicht unter Quarantäne. Warum?

Dass keine Quarantäne-Verordnung über Ghom verhängt wurde, liegt am Widerstand der Grossajatollahs und der Geistlichen der Stadt.

Sie – allen voran Ajatollah Saidi, Vertreter von Ajatollah Ali Chamenei in der heiligen schiitischen Stadt Ghom – sind strikt dagegen, die Stadt unter Quarantäne zu stellen. Sie halten es für eine Beleidigung, da der dortige Schrein ein Heiligtum sei und somit Wunder bewirken würde.

Pilger müssten deshalb die Möglichkeit haben, immer nach Ghom kommen zu können. Die ideologische Ausrichtung der Islamischen Republik ist damit folgenschwer.

Behrouz Khosrozadeh ist Lehrbeauftragter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er wurde 1959 in Buschehr (Iran) geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. Zu den Forschungsschwerpunkten des Politikwissenschaftlers und Publizisten gehören demokratisch-zivilgesellschaftliche Transformationsprozesse im Nahen Osten und die Rolle von Religion in Staat und Politik. Khosrozadeh arbeitet schwerpunktmässig zum Iran.

Drei Fakten über den Virus sind noch nicht geklärt

Vor allem die Basisreproduktionszahl R0 des Coronavirus kann man bisher nur schätzen.