• Die USA haben den Chef von Al-Kaida, Aiman al-Sawahiri, getötet.
  • Es gibt aber auch weitere international agierende Terror-Organisationen, von denen Gefahr ausgehen könnte.
  • Terrorismus-Experte Rolf Tophoven schätzt die grössten aktuell operierenden Terror-Organisationen ein.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen des Autors bzw. des zu Wort kommenden Experten einfliessen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

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Auch wenn islamistischer Terrorismus durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine kaum noch in den Schlagzeilen ist, sind nach wie vor zahlreiche Organisationen aktiv. Unsere Redaktion hat zusammen mit dem renommierten Terror-Experten Rolf Tophoven die fünf wichtigsten herausgesucht und analysiert.

Al-Kaida

"Die Basis", was der Name "Al-Kaida" übersetzt bedeutet, ist eine lose organisierte, weltweit operierende Terror-Organisation. Sie war unter anderem für die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 verantwortlich. Seit 1993 verübten die Mitglieder zahlreiche Anschläge, grösstenteils auf US-Amerikaner oder Angehörige von Verbündeten der USA, sowie auf so wahrgenommene Kollaborateure. Das Ziel von Al-Kaida ist es, einen Gottesstaat zu errichten. Hierfür soll der Westen bekämpft werden, der als Hindernis und Ursprung allen Bösen gesehen wird.

2011 war zunächst der bekannte Anführer von Al-Kaida, Osama bin Laden, durch US-Spezialeinheiten in Pakistan getötet worden. Nun wurde Ende Juli auch der neue Anführer durch einen Drohnenangriff getötet. Durch die Eliminierung von al-Sawahiri sei die Organisation nicht operativ geschwächt, bewertet Terror-Experte Rolf Tophoven die Lage. Der Anführer sei nur noch eine Art Symbolfigur gewesen. Er war neben Osama bin Laden der charismatischste Führer, weil er die Ideologie entwickelt hatte. Aber "eine stringente Führung war von ihm nicht mehr zu erwarten. Die Organisation ist aktuell nicht imstande zu einer grossen koordinierten Operation". Auch ein gross angelegter Terrorangriff wie am 11. September 2001 sei durch Al-Kaida derzeit unwahrscheinlich.

"Islamischer Staat" (IS)

Ebenso wie bei Al-Kaida handelt es sich beim IS um eine sunnitische Organisation. Im Gegensatz zu Al-Kaida hat der IS es allerdings zeitweise geschafft, einen "ersten" islamistischen Terrorstaat zu errichten. Das könnte auch an der Vorgehensweise liegen: Die Organisation sei laut Tophoven brutaler und radikaler als Al-Kaida. Interne Dokumente belegten, dass selbst Al-Kaida-Angehörige dem IS eine grössere Brutalität vorgeworfen haben. "Der IS hat seit seiner Herrschaft bei vielen Islamisten Al-Kaida im Ansehen getoppt", befindet Tophoven.

Entstanden ist der IS infolge des Chaos nach dem Abzug der US-Amerikaner aus dem Irak. Viele sunnitische Funktionsträger und Offiziere, die unter Saddam Hussein gedient hatten, hatten sich der Organisation angeschlossen und ihr geholfen, in Syrien und dem Irak ein eigenes Kalifat mit ansehnlichem Territorium zu errichten. Seit der Niederlage im syrischen Bürgerkrieg fehlt dem IS nun sein "Staatsgebiet", allerdings bedeute das nicht, dass er nicht mehr gefährlich sei, warnt Tophoven: "Der 'Islamische Staat' ist zwar geschlagen, nicht aber besiegt! Kämpfer und Ideologie existieren weiter." Ausschliessen könne man nichts, aber es sei unwahrscheinlich, dass der IS eine Grossoperation in Europa - wie die Anschläge in Paris 2015 - aktuell noch einmal durchführen könne. Vielmehr seien radikalisierte Einzeltäter, wie sie in den vergangenen Jahren immer wieder vorkamen, die eigentliche Gefahr durch den IS.

Taliban

Die Taliban sind aus den Mudschahedin entstanden, die in den 1980er-Jahren erfolgreich gegen die Fremdherrschaft durch die Sowjetunion gekämpft hatten. Ab 1996 bis zur Invasion durch die US-Armee 2001 regierten sie in Kabul und kontrollierten den Grossteil Afghanistans. Die Weigerung Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden an die USA auszuliefern führte zur Intervention und der Absetzung des Taliban-Regimes. Seit dem Abzug der internationalen Truppen haben die Taliban ihre Herrschaft über Afghanistan reaktiviert. Allerdings geben sie sich geläutert, um weiterhin Geld von der internationalen Gemeinschaft zu beziehen.

Terror-Experte Tophoven meint: "Die Taliban werden, wie es vorerst scheint, aktuell keine Trainingscamps in naher Zukunft dulden. Aber ihre Wurzeln im radikalen Islam sind unverkennbar und die alten Seilschaften zu Al-Kaida existieren weiter, besonders auch zum Haqqani-Netzwerk. Man muss skeptisch sein, ob die Taliban wirklich vom Terrorismus abgekehrt sind." Dass Al-Kaida-Chef al-Sawahiri ausgerechnet auf ihrem Staatsgebiet getötet wurde, schadet der Glaubwürdigkeit der Taliban. Allerdings glaubt Tophoven nicht, dass sie Anschläge im Westen verüben werden: "Sie sind eine lokale, regionale Macht."

Hamas, Hisbollah und Islamischer Dschihad im Gaza-Streifen

Rund um Israel und im Gaza-Streifen befinden sich zahlreiche islamistische Terror-Organisationen. Die einflussreichsten sind die Hamas, die Hisbollah und der Islamische Dschihad im Gaza-Streifen. Laut Rolf Tophoven ist dabei besonderes Augenmerk auf die durch den Iran unterstützte Hisbollah zu legen: "Die Hisbollah ist für Israel gefährlicher als die Hamas, weil sie weitreichende Raketen aus iranischer Produktion und eine perfekte Militärstruktur in unmittelbarer Nähe zu Israels Grenze besitzt. Zudem wird die Hisbollah massiv von iranischen Revolutionsgardisten unterstützt."

Die Hamas ist die grösste im Gaza-Streifen lokalisierte Gruppe. "Sie kontrolliert den Gaza-Streifen durch ihre Kader komplett. Durch die Raketen, die sie vom Gaza-Streifen aus unregelmässig auf Israel abschiesst, ist die Hamas ein ständiger möglicher Eskalations-Herd." Ähnliches gelte für die kleinere islamistische Terrorgruppe im Gazastreifen, den "Islamischen Dschihad", der für die jüngsten Spannungen mit Israel verantwortlich war. Für Europa stellen diese Organisationen laut Tophoven allerdings keine konkrete Gefahr dar, da ihr Augenmerk ganz klar auf Israel gerichtet sei.

Boko Haram

Die islamistische Terror-Organisation fühlt sich ebenfalls den Taliban verbunden und möchte die Einführung der Scharia in Nigeria durchsetzen, sowie das Verbot westlicher Bildung im Land. Die Terroristen sind bekannt dafür, andersgläubige Muslime und Christen zu töten. 2014 entführten sie in Nigeria 200 Schülerinnen, was zu einem internationalen Aufschrei unter dem Hashtag #bringbackourgirls führte. Im vergangenen Juli wurde ihr Anführer Abubakar Shekau getötet. Trotzdem ist die Terrorgruppe weiterhin aktiv.

Laut Terror-Experten Tophoven handelt es sich um eine regionale Gruppierung, die zwar entsprechend brutal im eigenen Land vorgehe, aber nicht gefährdend für Menschen in Europa oder über die Region hinaus sei. Boko Haram sei "eindeutig weniger relevant als die anderen hier gelisteten Terror-Organisationen".

Aktuell für uns in Europa seien vielmehr eher Einzeltäter gefährlich. "Der heutige Terrorismus weltweit hat durch die sozialen Medien einen perfekten Baukasten, um Anschläge zu planen, durchzuführen und anschliessend zu rechtfertigen", erklärt Tophoven. Die permanente Propaganda dort würde sehr effektiv funktionieren und sei ohne eindeutige Führung oder Strukturen durchführbar. So gesehen ist die Ideologie des Dschihadismus die grösste terroristische Gefahr für die Sicherheit von Bürgerinnen und Bürgern in Europa.

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Über den Experten: Rolf Tophoven ist seit den 1970er Jahren als Terrorismus-Experte gefragt und Autor zahlreicher Standardwerke über terroristische Organisationen. Er war Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Bonn.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Rolf Tophoven
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