Die Attacken und Übergriffe im deutschen Amateurfussball reissen nicht ab, auch wenn ein paar Statistiken eine andere Wahrnehmung vermitteln könnten. Dabei macht die Gewalt auch nicht mehr vor den Kleinsten Halt - und eine Besserung scheint nicht in Sicht.

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Die Schauplätze wechseln, das Problem bleibt aber immer dasselbe. Neulich in der 2. Kreisklasse, Region Hannover, Niedersachsen: Ein Spieler geht zu Boden, umringt von fast der gesamten gegnerischen Mannschaft, die ihn mit Tritten traktiert, mit den Stollenschuhen gegen den Kopf tritt. Der Spieler erleidet innere Blutungen und wird in ein Krankenhaus abtransportiert.

Dieselbe Mannschaft hatte zwei Wochen zuvor schon einen Spielabbruch provoziert. Es sei zu "krass sportwidrigen Handlungen gekommen", wie das Sportgericht später feststellte, von Schmähungen, Tätlichkeiten und Verbalattacken ist die Rede. Nach dem Abbruch des Spiels sei der gegnerischen Mannschaft dann auch noch aufgelauert worden, Gegenstände sollen geflogen sein.

13-Jährigen ins Krankenhaus geprügelt

Der Verband sperrte die Mannschaft bis zum 21. März 2020 vom Spielbetrieb aus, der Verein selbst - der TSV Burgdorf - ging noch einen Schritt weiter und meldete die Truppe vollständig ab. Nicht nur die rohe Gewalt auf dem Platz hat den niedersächsischen Club in die Schlagzeilen gebracht - für einen Aufschrei sorgte vor allen Dingen das Alter der Täter: Bei der sanktionierten Mannschaft handelte es sich nicht etwa um eine Seniorenmannschaft, sondern um die C-Junioren des Klubs. Zwölf- bis vierzehnjährige Kinder und Jugendliche. Die ihr 13-jähriges Opfer ins Krankenhaus getreten haben.

Die Episode von Burgdorf war der vorläufige Tiefpunkt einer an Tiefpunkten nicht eben armen Entwicklung im Amateurfussball, die sich nun offenbar mehr und mehr ausweitet - bis runter in den Jugend- und Kinderbereich. Wöchentlich dringen Geschichten wie die aus der Nähe von Hannover in die Medien. Das Gros von ihnen bleibt zwar eine Randnotiz im Lokalteil, in der Summe ergibt sich aber ein alarmierendes Bild. Jene Meldungen, die bundesweit für Aufsehen sorgen, sind die Spitze des Eisbergs.

Lange Liste der Gewalt

Tatort Duisburg: Im Sommer wird ein Schiedsrichter mehrfach gegen den Kopf geschlagen, geht zu Boden und wird mit Tritten malträtiert. Ein paar Wochen später jagen ein Spieler und ein Betreuer aus einem anderen Stadtteil bei einem Kreisligaspiel der Herren den Unparteiischen und einen Linienrichter über den Platz. Nach den Attacken verhängt das Sportgericht immerhin mehrjährige Spiel- und Platzverbote gegen den Spieler und den Betreuer.

Bei einem anderen Kreisligaspiel, ebenfalls in Duisburg, wird ein 26-Jähriger ins Krankenhaus geprügelt. Grund für die Schlägerei auf dem Feld soll eine Beleidigung gewesen sein: Ein Spieler habe den Zuschauern nach dem Abpfiff den Mittelfinger gezeigt. In Oberfranken wird ein Schiedsrichter von einem Spieler so heftig attackiert, dass er zu Boden geht und bewusstlos liegen bleibt. Der Unparteiische ist zur Tatzeit 71 Jahre alt.

Ebenfalls aus diesem Sommer: Beim Brandenburger Landespokalfinale zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus muss aus Sicherheitsgründen die Siegerehrung vertagt werden, beim Stadtderby in Koblenz werden drei Menschen durch Pyrotechnik verletzt, darunter ein sechsjähriger Junge.

Beim Berliner Pokalfinale der A-Junioren zwischen Tennis Borussia und dem SC Staaken randalieren betrunkene Zuschauer, Zeugen berichten von Hitlergrüssen und schwulenfeindlichen Parolen, später fliegen Fäuste. Eine Hundertschaft der Polizei rückt an, sieben Personen werden vorläufig festgenommen. Vor einigen Jahren ging ein jugendlicher Spieler mit einer abgebrochenen Glasflasche auf den Schiedsrichter zu.

Fast nur Männerfussball betroffen

Geschichten wie diese liessen sich beliebig fortsetzen, und sie zementieren ein Gefühl, das sich nicht erst seit ein paar Monaten aufdrängt: Den Amateurfussball durchdringt ein veritables Gewaltproblem. Immer wieder ist von "eruptiver Gewalt" die Rede, teilweise sogar von einem "kriminellen Gewaltpotenzial". Die Verbände scheinen machtlos gegen die ausufernden Übergriffe. Lebenslange Sperren mögen vielleicht das eine konkrete Problem lösen, an der Gesamtlage ändern drastische Urteile aber nichts - schon gar nicht, wenn sie nur vereinzelt ausgesprochen werden.

Auffällig ist: Gewalttätige Attacken kommen fast ausschliesslich im Männer- und Jungsfussball vor. Bei den Frauen und Mädchen sind Auswüchse dieser Art und Qualität bisher die absolute Ausnahme.

"Lagebericht Amateurfussball" mit klaren Kennzahlen

Vor einigen Wochen hat der Deutsche Fussball-Bund in seinem fünften "Lagebericht Amateurfussball" zahlreiche Statistiken veröffentlicht. Demnach seien nur gut 0,05 Prozent (685) der insgesamt mehr als 1,3 Millionen per Schiedsrichterbericht ausgewerteten Spiele betroffen gewesen. "Der Spielbetrieb in Deutschland mit bis zu 80.000 Spielen am Wochenende läuft weitgehend störungsfrei. Nur in einem sehr geringen Teil aller absolvierten Spiele meldeten die Unparteiischen in der vergangenen Saison eine Störung. Die Zahlen werden dabei immer aussagekräftiger, denn wir erfassen prozentual immer mehr Spiele", sagt DFB-Vizepräsident Rainer Koch.

Die Schiedsrichter sind angehalten, auch Gewalt- oder Diskriminierungsfälle zu melden, die nicht zu einem Spielabbruch führten. Bei etwa jedem 200. Spiel war das der Fall. Etwa 4.000 mal wurde Gewalt gemeldet, 2.725 mal Diskriminierung. Dazu kommen noch 2.906 An- und Übergriffe auf Schiedsrichter - eine leichte Steigerung gegenüber der Vorsaison (2.866), obwohl rund 50.000 Spiele weniger absolviert wurden.

Als Gewalthandlung werden Vorkommnisse gemeldet, bei denen ein Beschuldigter einen Geschädigten körperlich angreift - beispielsweise durch Schlagen, Treten oder Spucken. Eine Diskriminierung liegt vor, wenn die Menschenwürde einer Person oder Gruppe verletzt wird durch eine herabwürdigende Äusserung, Geste oder Handlung in Bezug auf Hautfarbe, Sprache, Herkunft, Religion, sexuelle Identität, Geschlecht oder Alter.

"Soziale Konflikte brechen auf dem Platz durch"

Täter und Opfer sind fast immer die Spieler untereinander - wenn also ein Spieler einen anderen angeht. Vermehrt werden aber auch die Schiedsrichter zum Ziel von Angriffen. "Die Belastung der Schiedsrichter ist enorm, wenn man sich vor Augen führt, dass die Schiedsrichter gerade im Amateurbereich oftmals alleine auf dem Platz stehen, Spieler hingegen gibt es in der Regel mehr als zwei Dutzend", sagt Björn Fecker, der Vorsitzende der DFB-Kommission Gesellschaftliche Verantwortung.

"Auch alle anderen Gruppenkategorien - also Zuschauer und Trainer, Vereinsverantwortliche oder Funktionäre - umfassen einen deutlich grösseren Personenkreis. Berücksichtigt man diesen Umstand, sind die Unparteiischen die mit Abstand grösste Geschädigtengruppe."

"Soziale Konflikte brechen hier auf dem Fussballplatz durch", sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann bei der Vorstellung des jüngsten DFB-Lageberichts zum Amateurfussball. Gewalt sei "absolut inakzeptabel": "Gegen jeden Täter muss konsequent gehandelt und im Schuldfall streng geurteilt werden. Und wir dürfen nicht nachlassen, gemeinsam mit Vereinen, Landesverbänden und Kreisen darüber nachzudenken, wie wir unsere Schiedsrichter noch besser schützen können." Einen Massnahmenkatalog gibt es nicht, nur ein paar Feldversuche einzelner Verbände.

Ein grösser werdendes Problem: die Eltern

Ein immer grösser werdendes Problem des Kinder- und Jugendfussballs können aber auch der DFB und seine Landesverbände nicht lösen: das mit den Eltern. Zu viele Mamas und Papas haben eigene Vorstellungen von Wettkampf und Fairplay, von Normen und Werten und nicht zuletzt auch davon, was der Verein alles leisten soll und was ihr eigenes Kind zu leisten imstande ist.

Nicht wenige sehen im Filius oder der Tochter einen kommenden Profispieler, fördern und fordern Aggressivität - und treten selbst am Spieltag impulsiv und aggressiv am Spielfeldrand auf. Da helfen dann auch Videobotschaften und Youtube-Clips wie "No to aggressive parents" nicht viel. An jedem Wochenende wird einfach munter weiter gepöbelt. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Verwendete Quellen:

  • dfb.de: 99,51 Prozent der Spiele im Amateuerfussball verlaufen störungsfrei
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