Er lügt bis sich die Balken biegen und fährt bei seiner Anhängerschaft dennoch hohe Zustimmungswerte ein: Kein Präsident hat im Amt so viel gelogen, wie Donald Trump. Politikwissenschaftler Thomas Jäger erklärt, welche Strategie hinter Trumps lockerem Umgang mit der Wahrheit steckt und warnt: "Die USA könnten uns nur einen Schritt voraus sein."

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Schon bevor er im Juni diesen Jahres 500 Tage im Amt zählte, knackte US-Präsident Donald Trump einen traurigen Rekord: Er log mehr als 3000 Mal – durchschnittlich also rund sechs Mal am Tag. Zum Vergleich: Vorgänger Obama brachte es im Schnitt auf zwei falsche oder irreführende Aussagen täglich.

Wir erinnern uns: Bereits seine Amtseinführung startete mit einer dreisten Lüge. Es sei die meistbesuchte Inauguration überhaupt gewesen, liess sein Sprecher damals verkünden – vergleichende Fotoaufnahmen zu Obamas Amtseinführung 2009 offenbarten aber deutlich leerere Zuschauerränge.

Trump lügt immer häufiger

Doch das war nur der Auftakt. Für die Suchworte "Trump" und "Lüge" liefert Google in diesen Tagen innerhalb weniger Sekunden mehr als 5 Millionen Einträge. Ob Russland-Affäre, Klimawandel, Nordkoreas De-Nuklearisierung oder Arbeitslosenquote: Trumps lockeres Verhältnis zur Wahrheit kennt keine Schranken.

Die aktuellen Analysen belegen nicht nur sein notorisches Lügen, sondern zeigen auch, dass die Zahl der falschen Behauptungen sogar zunimmt.

Lügen als Politisches Marketing

Prof. Dr. Thomas Jäger ist Politikwissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik und Aussenpolitik an der Universität Köln. Er sagt: "Um Trump zu verstehen, reicht es nicht, seine einzelnen Falschaussagen zu betrachten. Man muss sie im Kontext seiner grossen Erzählung sehen, die da lautet: 'Ich bin der tollste Präsident, den die Vereinigten Staaten jemals hatten.'"

Denn Trump betreibe genau das, was er bereits sein ganzes Leben lang getan habe: Marketing. "Der Präsident baut sich kontinuierlich selbst als Marke auf. Wenn er lügt, dann ist das vergleichbar mit einem Immobilienmakler der seinem Kunden weismachen will, das Objekt biete den schönsten Meerblick, den es überhaupt nur gibt. Das stimmt natürlich objektiv gesehen auch nicht unbedingt", so Jäger.

Watergate bis Lewinsky-Affäre

In Trumps Augen sind "Lügner" natürlich immer die Anderen. Für Hillary Clinton und die Medien fand er bereits zu Wahlkampfzeiten Ausdrücke wie "crooked Hillary" oder "enemy of the American people", was so viel bedeutet wie "unehrliche Hillary" und "Feinde des Volkes".

Aber gehen die Medien mit Trump vielleicht tatsächlich zu hart ins Gericht? Schliesslich wurden auch ehemalige US-Präsidenten der Lüge überführt. Bill Clinton ist mit der Lewinsky-Affäre ebenso in die Geschichtsbücher eingegangen wie Richard Nixon mit dem Watergate-Skandal und George W. Bush mit erfundenen Massenvernichtungswaffen im Irak.

Trump schafft ein Gesamtkunstwerk

"Nein, Trump ist ein Präzedenzfall", meint Politikwissenschaftler Jäger. Die angeführten Lügen seien ganz anders gelagert, als Trumps leicht zu widerlegenden Unwahrheiten. "Egal, ob es um eine vermeintliche Sünde in den Augen von Katholiken ging oder um kriminelles Verhalten – es handelt sich um Einzelszenen", erläutert Jäger.

Es sei etwas Falsches getan worden, das man decken wollte. "Bei Trump geht es hingegen um die Vermittlung eines Weltbildes. Nicht um Einzelszenen, sondern um ein Gesamtkunstwerk", so der Experte weiter.

Abschied von "objektiver Wahrheit"

Abrücken müsse man auch von der Vorstellung, dass es eine objektive Wahrheit gäbe, von der die Präsidenten mal mehr und mal weniger häufig abwichen.

"Die USA sind eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Sie haben sich um das Jahr 2000 von seriöser Berichterstattung verabschiedet, was ein ungeheures Problem für die gesellschaftliche Meinungsbildung darstellt", lautet die Einschätzung des Experten.

Auf der rechten Seite existierten Medien wie Fox News, auf der linken Seite Sender wie MSNBC. "Wenn man die Sendungen – die nicht umsonst "Shows" heissen - parallel schaut, denkt man, man lebt auf unterschiedlichen Planeten", sagt Jäger. Es handelte sich somit um ein tiefgreifendes Problem, dessen Welle Trump als politisch geschickter Handwerker reite.

Trump bedient Weltbild seiner Wähler

Das erklärt auch die hohen Zustimmungswerte, die Trump trotz seiner Lügen verzeichnet. "Trump adressiert nicht "die Amerikaner", sondern liefert seiner Wählerschaft genau das Weltbild, das sie hören will. Er kreiert seine Wahrheit selbst", erklärt der Experte. Die Rede von "alternativen Fakten", wie sie Trump-Beraterin Kellyanne Conway vorbrachte, müsse man daher ernst nehmen.

Welchen Anteil Taktik und Kalkulation dabei ausmacht, ist schwer zu bemessen. Immerhin gelingt es Trump sein Narrativ so konsistent weiterzuerzählen, dass seine Wähler die politischen Ereignisse entsprechend einlesen und interpretieren können.

"Wichtig ist Trump am Ende, was bei den Wählern hängen bleibt – und das ist oft die von ihm geprägte Sicht auf die Dinge. Das interessiert ihn viel mehr als jeder Faktenchecker", so Jäger.

Warnung: USA sind uns nur voraus

Abhilfe schaffen könne nur sachliche Berichterstattung, bei der Trump weder zum Heiligen erklärt noch als Teufel stilisiert werde. "Das leistet der Polarisierung nur weiter Vorschub und die Diskursfähigkeit geht immer weiter verloren", zeigt sich der Experte pessimistisch.

Jäger befürchtet: "Die USA könnten uns nur einen Schritt voraus sein. Auch in Deutschland müssen wir endlich zu einem vernünftigen Diskurs zurückkommen!"

Zur Person: Prof. Dr. Thomas Jäger ist Politikwissenschaftler und studierte ausserdem Philosophie, Soziologie und Geschichte. 1999 wurde er zum Professor für Internationale Politik und Aussenpolitik an der Universität zu Köln berufen. Er ist ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Jäger ist Herausgeber der Zeitschrift für Aussen- und Sicherheitspolitik (ZfAS).
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Verwendete Quellen: