Immer wieder wird von Politikern und Militärs über die Entsendung von Bodentruppen gegen den Islamischen Staat gesprochen. Wird es wirklich dazu kommen? Der Politologe Thomas Jäger hält das Szenario wegen der enormen Risiken für eine "theoretische Debatte".

Erst kam der Terror nach Paris, dann fielen die Bomben in Syrien. Frankreich hat nach den Anschlägen in der Millionenmetropole das militärische Engagement gegen den Islamischen Staat deutlich erhöht.

Mit dutzenden Luftangriffen gegen die IS-Hochburg Rakka demonstrierte Präsident Francois Hollande Entschlossenheit. "Die Republik wird den Terror besiegen", kündigte das Staatsoberhaupt an.

Das wird ohne den Einsatz von Bodentruppen allerdings nicht gelingen. Das weiss Hollande, das wiederholen auch andere Politiker und Militärs rund um den Globus gebetsmühlenartig. Denn mit Luftschlägen kann ein militärischer Gegner allenfalls geschwächt werden, wie die Erfahrungen aus früheren Kriegen lehren.

Warum hat dann bisher noch kein Staat Bodentruppen gegen den IS entsendet? Wieso wird so viel über eine Landoffensive gesprochen, aber nichts unternommen?

"Komplizierter als im Irak"

"Die Lage in Syrien ist sehr kompliziert. Es gibt die Regierungstruppen, es gibt die Freie Syrische Armee und zahlreiche Milizen, es gibt die kurdischen Truppen im Norden des Landes und es gibt verschiedene ausländische Unterstützerstaaten mit ganz unterschiedlichen Interessen", erklärt Prof. Thomas Jäger von der Universität Köln.

Eine simple Gegenüberstellung wie bei herkömmlichen, militärischen Entscheidungsschlachten zwischen zwei Kriegsparteien sei in Syrien nicht gegeben. Der Politikwissenschaftler schätzt die Situation im Lande für "gewalttätiger und komplizierter als im Irak" ein, den die USA unter dem Vorwand der Vernichtung von Massenvernichtungswaffen 2003 angegriffen hatten.

Danach war es zu konfessionellen Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten gekommen, mit Zehntausenden Toten. Die derzeitige Diskussion um einen Bodeneinsatz gegen den Islamischen Staat hält Jäger aus vielerlei Gründen für eine "theoretische Debatte".

Mindestens 300.000 Soldaten nötig

Um die Miliz zu besiegen und danach für Stabilität zu sorgen, wären nach Schätzungen von Militärexperten 300.000 bis 400.000 Soldaten nötig. Es wäre mit vielen Toten und immensen Kosten zu rechnen. Kein Staat hat bisher überzeugend glaubhaft gemacht, das Risiko eingehen zu wollen. Auch Deutschland hält sich beim Thema Kriegseinsatz bedeckt.

Dabei wäre es wahrscheinlich noch eine verhältnismässig einfache Aufgabe, den IS mit einer breiten Allianz militärisch zu besiegen. "Aber danach würden die Soldaten durch die Guerilla-Taktik, durch Selbstmordanschläge weiter unter Feuer stehen", sagt Thomas Jäger. Und eine Besetzung Syriens durch westliche Truppen würde radikalen Islamisten viele neue Anhänger in die Arme treiben, wie es schon im Irak und Afghanistan geschehen ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Islamische Staat einen Teil des Westiraks besetzt hat. Ein riesiges Rückzugs-, Aufmarsch- und Rekrutierungsgebiet, sollten tatsächlich Bodentruppen nach Syrien geschickt werden.

"Man müsste eigentlich in beiden Staaten gegen den IS vorgehen", betont der Nahost-Kenner. Die Folgen: noch grössere Risiken, noch grössere Kosten. Um überhaupt Erfolgschancen zu haben, sei ein gemeinsames Vorgehen der USA und Russland zwingend nötig.

Gefahr für die innere Sicherheit

Schon jetzt dienen die Luftschläge der Franzosen oder der Russen als Rechtfertigung für Terrorangriffe. Was hiesse das in Bezug auf den Einsatz von Bodentruppen?

"Wenn es zu einem grösseren Engagement europäischer Staaten kommt, wird auch die Gefährdungslage weiter wachsen", erklärt Thomas Jäger. Aber nur mit Bodentruppen könne der Islamische Staat auf lange Sicht besiegt werden. Er hält das künftige Vorgehen daher für eine Güterabwägung und wirft die Frage auf: "Nimmt man kurzfristig eine grössere Gefährdung in Kauf, um die Gefährdung langfristig zu beseitigen?"

Für eine Antwort kann nur die internationale Staatengemeinschaft sorgen.

Prof. Dr. Thomas Jäger ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik und Aussenpolitik an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in internationalen Beziehungen sowie amerikanischer und deutscher Aussenpolitik.