• Angesichts gedrosselter Gas-Importe aus Russland wird über Alternativen diskutiert, um die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen.
  • Politiker von CDU/CSU und der FDP haben eine Debatte über die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken angestossen.
  • Energie-Experte Volker Quaschning sieht technische Hürden bei einer Verlängerung der Laufzeit der verbliebenen Kraftwerke.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung/Einschätzungen des Autors bzw. des zu Wort kommenden Experten einfliessen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Ende dieses Jahres soll es vorbei sein. Dann gehen in den letzten Atomkraftwerken Isar 2 in Bayern, Neckarwestheim in Baden-Württemberg und dem Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen die Lichter aus. So war es zumindest vereinbart worden, als 2011 der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen wurde. Damals hatte noch niemand mit einem Angriffskrieg in der Ukraine und der damit einhergehenden Energie-Krise gerechnet. Die Drosselung der russischen Gas-Lieferungen haben in Deutschland dazu geführt, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck vergangene Woche die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hat.

Seither wird in Berlin darüber diskutiert, wie die ausbleibenden Gas-Lieferungen aufgefangen werden können. CDU-Parteichef Friedrich Merz und CSU-Chef Markus Söder fordern, über eine Verlängerung der Laufzeit der verbliebenen Atomkraftwerke nachzudenken. Ihnen zufolge könnte die Atomkraft als Brückentechnologie dienen, bis die erneuerbaren Energien den Bedarf decken. Auch in der FDP gibt es Zustimmung für entsprechende Überlegungen. FDP-Chef Lindner forderte eine “offene Debatte“ über die Nutzung von Kernenergie. Die SPD und die Grünen wollen dagegen am Atomausstieg festhalten. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) gab zu bedenken, dass nach wie vor kein Endlager für den Atommüll gefunden wurde. Wirtschaftsminister Habeck will die Lücke in der Energieversorgung durch eine längere Laufzeit von Kohle-Kraftwerken auffangen.

Soweit die politische Debatte. In der Praxis stellen sich technische Fragen. Ist es überhaupt möglich, die Kernkraftwerke weiterzubetreiben?

Kraftwerkbetreiber erteilen Laufzeitverlängerung Absage

Die Betreiber der drei verbliebenen Atomkraftwerke sprachen sich gegen eine Laufzeitverlängerung aus. Gegenüber der Deutschen Presseagentur gab der Energie-Konzern RWE an: "Unser Kraftwerk in Emsland ist auf den Auslaufbetrieb zum Ende des Jahres ausgerichtet, zu dem Zeitpunkt wird der Brennstoff aufgebraucht sein. Ein Weiterbetrieb über den 31.12.2022 hinaus wäre mit hohen Hürden technischer als auch genehmigungsrechtlicher Natur verbunden."

Was das genau heisst, kann Energie-Experte Volker Quaschning von der HTW Berlin erklären: “Man müsste erst einmal passende Brennelemente beschaffen. Die lagern nicht bei Amazon im Regal. Und selbst wenn man das lösen könnte, wäre die nächste Schwierigkeit, passendes Personal zu finden“, so Quaschning. Darüber hinaus seien Wartungsfunktionen eingestellt worden, die wichtig sind, um den sicheren Betrieb der Reaktoren sicherzustellen. Auch hält Quaschning eine Laufzeit-Verlängerung für wenig hilfreich in der aktuellen Energiekrise: “Es wird immer so getan, als seien unsere Energieprobleme gelöst, wenn die Atomkraftwerke weiterlaufen. Das stimmt einfach nicht.“ Kernenergie decke derzeit lediglich 1,5 Prozent des Bedarfs am Gesamtenergieverbrauch. Eine längere Laufzeit würde daher kaum helfen.

Energie-Experte Quaschning: "Hätte, hätte, Fahrradkette-Diskussion“

Die aktuelle Debatte hält der Experte für regenerative Energiesysteme daher für politisch bedingt: “Bayern hat sehr wenig für die Energiewende getan. Das fliegt Herrn Söder jetzt um die Ohren. Damit er nicht haftbar gemacht wird, fängt er so eine unsinnige Diskussion an.“ Quaschning bezeichnet den Vorstoss des Bayerischen Ministerpräsidenten und des CDU-Chefs Merz als “hätte, hätte, Fahrradkette-Diskussion.“ Für ihn steht ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke nicht ernsthaft zur Debatte.

Anders sieht es hingegen beim Vorschlag von Wirtschaftsminister Habeck aus, die Kohlekraftwerke länger am Netz zu halten. Im Gegensatz zur Kernenergie sei es bei Kohlekraftwerken einfacher möglich, die Laufzeiten zu verlängern, so Quaschning. Diese hätten zwar einen hohen CO2-Ausstoss, aber angesichts der aktuellen Lage habe man die Wahl zwischen Pest und Cholera. “Auch Gaskraftwerke sind alles andere als klimaneutral.“ Die Lösung der Energie-Frage sei daher nur längerfristig zu finden: “Für den übernächsten Winter müssen wir schauen, dass wir die erneuerbaren Energien ausbauen, sonst stehen wir wieder vor demselben Problem.“

Über den Experten:

Volker Quaschning ist Professor für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin. Er ist Mitinitiator von Scientists for Future.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Volker Quaschning
  • Tagesschau.de: Koalition streitet über AKW-Laufzeit
  • WDR.de: Atomkraftwerk-Betreiber erteilen Laufzeitverlängerung Absage
  • Tagesschau.de: Habeck ruft Alarmstufe aus

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