Keine Ausbildung in Sicht oder bereits abgebrochen? Wer in Genf nach der obligatorischen Schule keine Zukunftspläne hat, bleibt ab sofort bis zu seinem 18. Lebensjahr in der Schule.

Ziel sei es nicht, diese jungen Menschen auf einem Abstellgeleis warm zu halten, sagte Anne Emery-Torracinta, Leiterin des kantonalen Erziehungsdepartements, anlässlich der Lancierung dieser Initiative, die Genf zu einer Schweizer Vorreiterin im Kampf gegen den Schulabbruch macht. Vielmehr gehe es darum, ihnen noch einmal eine Möglichkeit zu geben, eine Ausbildung abzuschliessen.

Denn im Kanton Genf brechen jedes Jahr 1000 Jugendliche ihre Ausbildung ab, darunter 550 Minderjährige. Ihre Lage ist oftmals prekär und auch wenn ihnen die Eltern während einiger Zeit unter die Arme greifen oder sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, sind sie auf lange Frist viermal häufiger arbeitslos und/oder von Sozialhilfe abhängig als ihre Kameraden mit einem Abschluss.

Schlusslicht Genf

Das Problem ist nicht neu. Laut Bundesamt für Statistik war Genf 2015 das Schlusslicht im Ranking der Kantone gemäss Quote der Erstabschlüsse junger Absolventen. Im Alter von 25 Jahren hatten nur etwas mehr als 30% der Genfer eine Berufsausbildung abgeschlossen, weniger als die Hälfte des nationalen Durchschnitts (65%). In den kleinen ländlichen Kantonen liegt dieser Anteil teilweise sogar über 80%, während die Städte und Kantone der Westschweiz eher im Rückstand sind. Aber auch Basel-Stadt, nach Genf der am zweitschlechtesten platzierte Kanton, liegt immer noch 15 Punkte vor Genf.

Dieses Problem der Schulabbrecher beschäftigte die 2008 zur Erneuerung der Grundordnung des Kantons gewählte Verfassungsgebende Versammlung. In der 2012 verabschiedeten neuen Verfassung sieht Artikel 194 daher eine Pflichtausbildung bis zum Alter von 18 Jahren vor, die zu Beginn des Schuljahres 2018 unter dem Akronym FO18 in Kraft tritt.

Schule oder Lehre

Das bedeutet nicht, dass alle jungen Menschen in Genf bis zum Alter von 18 Jahren in der Schule bleiben müssen. Verlangt wird, dass alle eine Ausbildung machen. Dies kann ein Hochschulabschluss sein, der deutlich länger als zwei Jahre dauert. Möglich ist auch eine Lehre in einem Unternehmen nach dem berühmten dualen System, das die Schweiz zu einem Vorbild für andere Länder macht.

Am 27. August kehrten in Genf unter FO18 400 "reintegrierte" Schüler und Schülerinnen zusammen mit 76'000 Klassenkameraden in die Schule zurück. Bis Ende des Jahres werden es doppelt so viele sein. Die Kosten der Reform, die auch Unterstützungsmassnahmen, Praktika, individuelle Ausbildung und die Schaffung von Lehrstellen umfasst, werden auf 16 Millionen Franken über vier Jahre geschätzt. Eine Investition, die als lohnenswert angesehen wird. "FO18 ist keine Wunderlösung, sondern ein starker Hebel im Kampf gegen den Schulabbruch", sagte Anne Emery-Torracinta.

Und die anderen?

Wird der Fall Genf Schule machen? In der Schweiz ist die Schulpflicht grundsätzlich Sache der Kantone. Was harmonisiert wird, geschieht durch Konkordate, die innerhalb der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ausgehandelt werden. Wie das Beispiel HarmoS zeigt, werden sie allerdings nicht unbedingt von allen Kantonen übernommen.

Die EDK hat sich vorerst nicht offiziell zum Versuch in Genf geäussert. In einem Interview mit der Tageszeitung NZZ sagte ihre Präsidentin Silvia Steiner aber, sie halte den Ansatz für "wichtig und fair". In Neuenburg hat der linke Flügel der Linken einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der die Ausbildung bis zum 18. Lebensjahr ebenfalls zur Pflicht machen will. Der Entscheid liegt beim Kantonsparlament.


(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)  © swissinfo.ch