Der Konflikt in der Ukraine wird immer undurchschaubarer. Welcher der Protagonisten steht wofür und wer hat überhaupt noch etwas zu sagen? Wir geben einen Überblick über die derzeit wichtigsten Akteure in der Ukraine-Krise.

Waldimir Putin setzt aktuell anscheinend auf Entspannung. Die prorussischen Separatisten forderte er auf, die für Sonntag geplante Abstimmung über eine Abspaltung der Verwaltungsbezirke Donezk und Luhansk zu verschieben. Nach einem Treffen am Mittwoch mit dem Präsidenten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Didier Burkhalter, sagte Putin, Kiew und die Separatistenführer im Südosten des Landes müssten zur Bewältigung der Krise in einen Dialog treten.

Russlands Präsident Wladimir Putin

Doch Wladimir Putins Worte sind verhallt, das Referendum über die Unabhängigkeit in der Ostukraine soll wie geplant stattfinden, erklärten die Separatisten am Donnerstag. Zahlreiche Beobachter sind zuvor davon ausgegangen, dass sich die moskautreuen Kräfte nach Putins Willen richten werden. Dass das nun nicht geschehen ist, wirft erneut die Frage auf, wie viel Einfluss Putin auf die Separatisten tatsächlich hat. Offiziell hatte der Kreml stets bestritten, den prorussischen Aufstand in der Ostukraine zu kontrollieren.

Beim heutigen Auftritt bei der Militärparade anlässlich des russischen Sieges über Nazi-Deutschland in Moskau sowie auf der gerade erst annektierten Krim demonstrierte Putin noch einmal seine Macht. Für die Regierung in Kiew ist das eine weitere Provokation.

Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow

Einer der gefährlichsten prorussischen Aktivisten ist der selbst ernannte Bürgermeister von Slawjansk. Seit dem 12. April haben Wjatscheslaw Ponomarjows Gefolgsleute die Kontrolle in der Provinzstadt übernommen. Am vergangenen Freitag gab sich Ponomarjow gönnerhaft und liess nach einer Woche Geiselhaft die festgehaltenen Militärbeobachter der OSZE frei. "Ich kämpfe hier gegen Faschisten, die haben Kiew eingenommen und sollen es nicht bis nach Donezk schaffen", sagte der ehemalige Leiter der städtischen Seifenfabrik vergangene Woche auf einer Pressekonferenz.

Auf wessen Kommando Ponomarjow hört, ist unklar. Ebenso wenig, welche und wie viele Leute für den Seperatistenführer arbeiten oder woher er das Geld nimmt, um diese zu bezahlen. Wahrscheinlich ist aber, dass Moskau Ponomarjow unterstützt – auch wenn er das bestreitet.

Der ukrainische Interimspräsident Alexander Turtschinow

"Die wichtigste Aufgabe ist es, den Terror zu stoppen", mahnte der ukrainischen Interimspräsident Alexander Turtschinow. Wenn er von der Krise spricht, sagt er "Krieg", und dass man darin aufkeimende Aggressionen abwehren müsse. Doch Turtschinow gab zu, dass Kiew insbesondere die ostukrainischen Gebiete rund um Donezk und Luhansk kaum mehr unter seiner Gewalt hätte.

Blasser als Turtschinow ist nur der derzeitige Übergangs-Regierungschef Arseni Jazenjuk. Sein wiederholter Appell an die beidseitigen paramilitärischen Milizen, ihre Waffen abzulegen, blieb bislang unerhört. Auch seine Kritik an Russlands "Plan zur Zerstörung der Ukraine" zeigt sich wirkungslos. Beide treten bei der für den 25. Mai geplanten Präsidentschaftswahl nicht an und werden anschliessend wohl wieder in die zweite Reihe treten.

Der Milliardär Petro Poroschenko

Er ist einer der reichsten Männer der Ukraine: Petro Poroschenko. Bei der Wahl zum neuen Präsidenten am 25. Mai gilt der 48-Jährige als aussichtsreicher Kandidat. Mehr als 30 Prozent der befragten Ukrainer würden dem Unternehmer ihre Stimme geben. Geht es nach den Separatistenführern von Donezk und Luhansk, wird die Abstimmung zumindest in diesen Gebieten jedoch gar nicht erst stattfinden.

Poroschenkos Selbstbewusstsein schadet das auf den ersten Blick kaum. "Die Assoziierung mit der EU – das ist das Programm der Modernisierung", lautet sein Wahlkampfslogan, ohne von einer EU-Mitgliedschaft zu sprechen. Die Proteste Anfang des Jahres hat er mitgetragen, in einer Reihe mit Oppositionsführer Vitali Klitschko stand er jedoch nie. Über Putin schweigt er sich aus. Dafür traf er sich am heutigen Mittwoch mit Angela Merkel.

Vitali Klitschko

Einst als hoffnungsvolle Oppositionsfigur gestartet, ist Vitali Klitschko mittlerweile nur noch eine Randfigur. Auf seine Präsidentschaftskandidatur Ende Mai verzichtet er zugunsten Poroschenkos. Nur noch bei den anstehenden Bürgermeisterwahlen in Kiew will der frühere Profiboxer antreten. Auch in der momentanen Übergangsregierung wollte seine Partei keine Verantwortung übernehmen.

Kritiker nennen Klitschkos Verhalten deshalb feige. Klitschko scheint das nicht zu stören, er lobt stattdessen Oligarchen wie Poroschenko. Dem Magazin "Der Spiegel" sagte er: "Viele haben sich den neuen Machtverhältnissen angepasst. Für sie ist aus wirtschaftlichen Gründen die Öffnung nach Westen unabdingbar. Zudem schaffen sie Arbeitsplätze und sind effektive Manager." Welche Rolle Klitschko in nächster Zukunft spielen wird, ist noch offen. Er selbst hofft, mit seiner Partei "nach für uns erfolgreichen Präsidentschaftswahlen unser Programm zu realisieren."

Julia Timoschenko

Auch ihr Stern scheint langsam zu verglühen: Julia Timoschenko kommt Umfragen zufolge momentan auf nur rund 9 Prozent der Wählerstimmen. Trotzdem ist sie Poroschenkos grösste Rivalin. Sie attackiert ihn regelmässig mit scharfen Worten, sagt, Poroschenko sei der "gemeinsame Kandidat der Oligarchen" und wegen seiner Geschäftsinteressen abhängig von Russland. Mit Poroschenko zusammenzuarbeiten, kommt für Timoschenko aufgrund "völlig unterschiedlicher ideologischer Positionen" nicht in Frage.

Die scharfe Rhetorik der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin ist nicht neu. Zurzeit fehlt ihr jedoch jede Zurückhaltung. Die Aktivisten, die für den verheerenden Brandanschlag auf ein Gewerkschaftshaus in Odessa verantwortlich sind, nannte sie "friedliche Demonstranten". Anteilnahme für die ums Leben gekommenen Opfer hatte Timoschenko nicht übrig. Ob ihr ein Imagewechsel helfen kann, doch noch Staatschefin zu werden, ist fraglich.