• Die russischen Truppen verwenden, Berichten zufolge, auch Landminen im Krieg gegen die Ukraine.
  • Landminen finden sich in 64 Ländern der Erde. Auf 110 Millionen schätzt die UN die Zahl der verlegten Sprengsätze.
  • Die Hilfsorganisation "Mine Mark" versucht vor allem Kinder zu sensibilisieren und zu schützen.

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Landminen gehören zu den heimtückischsten Waffen der Welt, darum werden sie auch von mehr als 160 Ländern geächtet. Dennoch schätzt man ihre Zahl auf 110 Millionen weltweit in 64 Ländern. Opfer sind in erster Linie Zivilisten und vor allem Kinder. Das will Nils Hegel aus Frankfurt ändern. 2018 gehörte er zu den Gründern der Hilfsorganisation "Mine Mark". Ihr Ziel: Kindern in den Krisengebieten der Welt vor der fatalen Begegnung mit Landminen bewahren. Der 4. April ist der Internationaler Tag zur Sensibilisierung für Minen, ausgerufen von den Vereinten Nationen (UN).

Alma Al Osta ringt noch ein wenig nach Fassung. Warum Landminen weltweit so populär bei den Regierenden zu sein scheinen, hatte die Frage an die Frau geheissen, die für die Organisation Handicap International in Belgien arbeitet. "Hätten wir vor drei Tagen miteinander gesprochen", sagt sie, "hätte ich geantwortet, dass es genau eine Regierung auf der ganzen Welt gibt, die offiziell den Gebrauch von Landminen einräumt – und das ist Myanmar." In anderen Ländern werden Minen zwar auch eingesetzt, jedoch nicht offiziell von Regierungstruppen, sondern eher von Rebellen oder anderen Gruppierungen.

Russische Landminen in der Ukraine

Doch inzwischen hat sich der Informationsstand überlebt, hatten Nachrichten der NGO Human Rights Watch die Runde gemacht: Russische Truppen haben in der Ukraine begonnen, Landminen zu verwenden. Al Osta stammt aus Bosnien, einem Land, in dem bis heute, fast 30 Jahre nach dem Krieg, rund 200.000 Landminen mehr als 1200 Quadratkilometer Flächen praktisch unbewohnbar machen – das ist 2,2-mal die Fläche des Bodensees.

Russische Truppen verwenden nun, laut den Berichten, Landminen vom Typ POM3. Diese werden nicht einzeln in die Landschaft gesetzt und im Idealfall kartiert. Sie werden aus fünf bis 15 Kilometer Entfernung mit Raketen ins Zielgebiet befördert. Explodiert die Rakete in der Luft, werden die kleineren Sprengkapseln mit Fallschirmen sanft zu Boden gebracht.

Besonders perfide: Die Minen reagieren bereits auf Erschütterungen in der Umgebung, man braucht gar nicht genau darauf zu treten. Und: Die Sprengkraft ist so stark, dass man in einem Radius von 16 Metern Gefahr läuft verletzt zu werden. "So werden sie unkontrolliert über grosse Gebiete verteilt", sagt Al Osta. Und noch etwas macht die POM3 gefährlich: Mit ihren Standbeinchen und Fallschirmchen sehen die Minen fast aus wie ein Spielzeug.

Kinder sind besonders gefährdet

Und genau das ist das Problem, das Nils Hegel nicht mehr loslässt. Denn: 7.200 Menschen werden pro Jahr und nach den eigentlichen Kriegen und Konflikten durch Landminen verletzt oder getötet. Offiziell. 78 Prozent davon sind laut dem deutschen Bundesverteidigungsministerium Zivilisten, davon die Hälfte Kinder. "Die sind besonders neugierig und rennen dann auch gleich hin", sagt er und zeigt sein Smartphone. In einer Whatsapp-Gruppe erreichte ihn das Foto eines Blindgängers, der sich, offenbar in der Ukraine, in Sichtnähe eines Spielplatzes teilweise in den Boden gebohrt hat, aber nicht detoniert ist.

Man kann sich vorstellen, was geschehen könnte, würden Kinder mit einem Stock oder gar den Händen das Kampfmittel inspizieren wollen. Bilder wie diese sind kein Zufall. Gerade umkämpfte urbane Gebiete gehören zu den am meisten kontaminierten Gebieten. "Man kann davon ausgehen, dass die echten Zahlen der Opfer viel höher liegen", sagt Hegel. Aus Afghanistan und anderen Konfliktgebieten gebe es kaum valide Zahlen. "Die Opfer dort wird man Jahre später hinzuzählen müssen."

2018 lebte der frühere Zeitsoldat noch in Den Haag, arbeitete bei einer anderen NGO mit Projekten im Rahmen der Nachhaltigkeitsziele der UN, als er auf Lala van der Kolk-Mustafazade traf. Sie wurden auf das Thema Landminen aufmerksam und beschlossen, die gemeinnützige Organisation Mine Mark zu gründen. Inzwischen ist Mine Mark zu einer jungen engagierten Truppe aus unterschiedlichen Ländern herangewachsen, die sich zum Ziel gesetzt hat, etwas dagegen zu tun, dass es immer wieder hauptsächlich Kinder sind, die nach Kriegen zu Opfern von Landminen werden.

Junge Organisation mit grossen Zielen

Hegel hatte sich nach seiner Zeit bei der Bundeswehr mit humanitären Hilfsprojekten im Bereich der Landminenausbildung auseinandergesetzt, Lala stammt aus Aserbaidschan und hatte Verbindungen zu Organisationen, die ein erstes Pilotprojekt möglich machten. Darum gehört Aserbaidschan – neben Bosnien und der Ukraine – zu den Schwerpunktgebieten von Mine Mark.

Die Idee war schnell klar: Da Kinder häufig den ersten Kontakt mit Minen haben, müssen sie aufgeklärt und geschult werden. Das geschieht altersgerecht mit Comics und Online-Spielen wie Memory oder Puzzles. Alles gibt es auf vier Sprachen: Ukrainisch, Bosnisch, Aserbaidschanisch und Englisch. Durch Spiele und Comics leitet ein Superhelden-Paar. Die stammen aus der Feder der Grafikdesignerin Christine Ball.

Die Zeichnerin aus Mannheim designte die Heldenfiguren und schenkte sie der Organisation – seither gehört sie zu Mine Marks Unterstützern. Beim Erstellen ihres Unterrichtsmaterials orientiert Mine Mark sich an den Vorgaben des Geneva Humanitarian Centre for Humanitarian Demining (GICHD). Gemeinsam mit dem United Nations Mine Action Service (UNMAS) wurden dort Standards definiert, wie man Menschen, vor allem Kinder, didaktisch am besten schult.

Und so geht es mit vielen Dingen. Alle Mitstreiter bringen eine Fähigkeit mit, die sie in der Organisation einbringen können – seien es Fähigkeiten im Marketing, im Entwickeln von Software oder den Spielen oder im Fundraising. So entstand eine Organisation, die existiert, ohne einen grossen Kostenrahmen zu produzieren. Einen festen Sitz mit Büros gibt es nicht, die Helfer arbeiten ehrenamtlich. "Dadurch haben wir kaum Ausgaben für Personal oder Miete und können jeden Cent in die Projekte stecken", sagt Hegel.

"Momentan suchen wir noch einen Mobile Game Entwickler, der uns mit einer neuen App helfen könnte." Denn zu tun gibt es genug. "Wir haben grosse Ziele", verrät er. Für die Ukraine entwickeln sie zurzeit ein grösseres Projekt. Zunächst planen sie, grosse Banner aufzustellen, auf denen sie auf die Gefahr von Minen hinweisen. An Schulen wollen sie anschliessend Lehrer ausbilden, damit sie Kinder dauerhaft über die Gefahren vom Spielen mit Minen und Munition aufklären können – Train The Trainer lautet das Prinzip. Der Bedarf ist und bleibt hoch, auch weil immer wieder Kinder heranwachsen, während die Minen weiter im Boden schlummern.

Grosse Mächte unterschrieben Ottawa-Konvention nicht

Weltweit haben 164 Staaten 1997 die sogenannte Ottawa-Konvention der Vereinten Nationen zur Ächtung von Landminen unterzeichnet. Deutschland gehört zu den Unterzeichnern – Russland, USA, China, Indien und auch Israel unterschrieben die Charta nicht. Seit 1999 gibt es die Internetseite The Monitor, die jährlich einen Statusbericht veröffentlicht. 1999 ging man noch von 88 Ländern aus, die mit Landminen teilweise verseucht sind, 2009 waren es noch 66, 2022 sind es 64.

Der breiten allgemeinen Ächtung steht die grosse Zahl der Minen jedoch entgegen. Kein Wunder: Landminen sind vergleichsweise billig, kosten in der Herstellung oft nur wenige Dollar. Im Gegenzug sind sie hocheffizient. Es dauert allerdings ewig, sie hinterher wieder zu beseitigen. "Die UN hat errechnet, dass es mit den derzeitigen Ressourcen 1100 Jahre dauern würde, alle Minen zu beseitigen", sagt Hegel. Nicht weniger irre sind die Kosten, die die Räumung verschlingt. Auf etwa 3000 Dollar je Mine werden diese geschätzt – bei 110 Millionen Sprengkörpern eine gewaltige Summe.

Es gibt im Wesentlichen drei Arten, wie man Minenfelder räumen kann. Bei der manuellen Räumung wird das Gelände von Menschen abgelaufen. Zentimeter für Zentimeter tasten sie sich mit Stäben voran – immer Gefahr laufend, erwischt zu werden. Maschinell geht es im Prinzip auch und schneller. Aber: "Das funktioniert nur in sehr ebenem Gelände", sagt Alma Al Osta.

Als dritte Möglichkeit werden speziell trainierte Tiere - Ratten und Hunde – eingesetzt, die Waffen aufzuspüren. Im Tschad werde zudem zurzeit der Einsatz von Drohnen getestet. "Aber sie können sich vorstellen, dass Drohnen bei Menschen, die gerade einen Krieg erlebt haben, Angst und Misstrauen hervorrufen können", erklärt Al Osta. Darum bleibe die Finanzierung der Räumung und Ausbildung wohl auch in Zukunft das entscheidende Problem.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Nils Hegel
  • Gespräch mit Alma Al Osta
  • Human Rights Watch: Ukraine: Russland setzt verbotene Tretminen ein
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