Die Hilfsorganisation der Weisshelme rettet im Syrienkrieg Menschenleben. Jetzt mussten 98 von ihnen selbst aus dem Krieg gerettet werden. Einige von ihnen sollen nach Deutschland kommen. Wer sind die Helfer, die ihr eigenes Leben gefährden - und warum stehen sie dennoch in der Kritik?

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Die Nachricht kam überraschend und machte weltweite Schlagzeilen: In einer geheimen Aktion rettete die israelische Armee unter der Koordination der Vereinten Nationen Ende Juli 98 syrische Weisshelme und 324 ihrer Familienangehörigen aus dem syrischen Kriegsgebiet und brachte sie nach Jordanien.

Von dort sollen die zivilen Helfer in den kommenden drei Monaten nach Grossbritannien und Kanada reisen. Auch Deutschland hat sich bereiterklärt, 48 Personen aus der Gruppe aufzunehmen.

Die Rettungsaktion war nötig geworden, weil die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad zuletzt auch im Süden Syriens nahe der Grenze zu Israel grosse Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Da Assad die Weisshelme beschuldigt, Terroristen zu sein, die es zu bekämpfen gelte, befanden sich die Mitglieder der Organisation durch das Vorrücken seiner Truppen zuletzt in unmittelbarer Lebensgefahr.

"Weisshelme haben das Leben in der Hölle ermöglicht"

Die Hilfsorganisation, deren offizieller Name Syrischer Zivilschutz lautet, besteht aus freiwilligen Helfern und wurde 2012 gegründet. Damals schlossen sich Zivilisten zusammen, um in den von der syrischen Opposition kontrollierten Kriegsgebieten erste Hilfe zu leisten.

Da es für internationale Hilfsorganisationen wie den Roten Halbmond oder das Rote Kreuz zu gefährlich war, in diesen Regionen zu arbeiten, füllten die Weisshelme diese Leerstelle: Nach Angriffen mit Bomben oder Chemiewaffen retteten sie die Opfer aus den Trümmern, leisteten medizinische Erstversorgung und organisierten lebensnotwendige Infrastruktur.

"Die Weisshelme haben der Zivilbevölkerung in von Rebellen kontrollierten Gebieten das Leben in der Hölle von Dauerluftangriffen ermöglicht", sagt Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer der im Nahen Osten tätigen Hilfsorganisation Wadi, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Zu ihren Hochzeiten hatten die Weisshelme fast 3.000 Mitglieder, die nach eigenen Angaben über die Jahre 115.000 Menschen das Leben gerettet haben.

Unterstützer der Weisshelme

Grosse Bekanntheit erlangten die Weisshelme, weil sie ihre Rettungseinsätze dokumentieren und Fotos sowie Filme davon verbreiten. "Was Menschenrechtsverletzungen angeht, waren sie eine der wichtigsten Quellen für internationale Organisationen und Medien, weil sie die einzigen vor Ort waren", erklärt der Nahostexperte.

Diese Aufmerksamkeit führte dazu, dass die Weisshelme auf finanzielle Unterstützung westlicher Länder zählen konnten: Neben den USA, Grossbritannien und Japan unterstützte auch das deutsche Aussenministerium die Hilfsorganisation seit 2016 mit zwölf Millionen Euro.

Für ihr Engagement erhielten die Weisshelme den sogenannten Alternativen Nobelpreis. 2017 gewann eine Netflix-Produktion über ihre Arbeit einen Oscar als bester Dokumentarkurzfilm.

Kritik an den Weisshelmen

Doch dem Assad-Regime ist die Hilfsorganisation ein Dorn im Auge: Es unterstellt den Weisshelmen, die Filmaufnahmen ihrer Rettungseinsätze zu fälschen und verkappte Al-Kaida-Extremisten zu sein. Mit dem Kriegseintritt Russlands 2015 erhielt das Thema eine neue Brisanz.

Bente Scheller, Leiterin des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: "Aus Russland wird beobachtet, was in westlichen Medien Platz findet und in dem Moment, in dem es im Syrien-Krieg eine Partei gab, die klar zu den Guten gehörte, wurde das Feuer in den sozialen Medien gegen sie gerichtet."

Russische Staatsmedien wie Russia Today (RT) und Sputnik verbreiten seit Jahren gezielt Falschinformationen über die Weisshelme. So vermeldete etwa RT Deutsch den Oscar-Gewinn der Dokumentation im Februar 2017 mit der Schlagzeile: "Oscar für Dschihadisten-Propaganda: Hollywood zeichnet Weisshelme aus".

Ein anderes Beispiel für eine gezielte Fehlinformation ist die Argumentation, die Weisshelme seien Islamisten, weil sie nur in den von Rebellen kontrollierten Gebieten arbeiten.

Sie ist etwa bei Sputnik in einem Artikel mit der Überschrift "Immer da, wo Islamisten kämpfen: Weisse Helme mit viel Unterstützung" zu finden. Dort heisst es zur Tätigkeit der Weisshelme: "Sie helfen vor Ort, keine Frage, allerdings sind sie nur dort aktiv, wo auch die islamistischen Milizen tätig sind."

Warum die Weisshelme keine Terroristen sind

Das sei eine absurde Unterstellung, erklärt von der Osten-Sacken: "Natürlich müssen die Weisshelme sich mit den Stellen vor Ort koordinieren – auch in Gebieten, die von radikalislamischen Milizen kontrolliert werden. Aber deshalb sind sie noch lange keine Terroristen." Schliesslich sei ihr Einsatz ausschliesslich in den Gebieten nötig, die von Rebellen kontrolliert werden.

Die Falschinformationen finden ihren Weg auch in die öffentliche Debatte hierzulande: So äusserte etwa die Linken-Politikerin Heike Hänsel Kritik an der geplanten Aufnahme der Weisshelme: "Die Weisshelme sind in der Vergangenheit mehrfach als Propagandisten im syrischen Krieg enttarnt worden und stehen nachweislich islamistischen Terrorgruppen nahe", sagte sie im Bundestag.

Die Politikwissenschaftlerin Scheller kritisiert Hänsel scharf: "Ich finde solche Äusserungen unverantwortlich, weil sie Menschenleben gefährden."

Es sei wichtig zu sehen, dass die Weisshelme von Stellen unterstützt würden, die extrem vorsichtig seien, wenn es irgendwo Terrorismusvorwürfe gebe. Etwa vom deutschen Aussenministerium und der Right Livelihood Stiftung, die den Alternativen Nobelpreis vergibt, sagt Scheller. "Aber sie sind von diesen Institutionen auf Herz und Nieren geprüft und für gut befunden worden."

Verwendete Quellen:

Baschar al-Assads Macht in Syrien ist so gefestigt wie lange nicht - vor allem militärisch. Das zeigen die Geschehnisse in der Region Daraa. Dort hat das Regime einen Sieg errungen, gleichzeitig kam es zu einer humanitären Krise. Am Ende nutzt dem Assad-Regime auch das Leid der Flüchtlinge, erklärt eine Expertin.