Seit der Orangen Revolution vor zehn Jahren gilt die Ukraine als tief gespalten. So mancher Experte bezweifelt die Entzweiung des Landes jedoch. Warum wollen aber dann gerade so viele Ostukrainer zu Russland gehören?

Im Fall der Krim ist die Situation eindeutig. Sechs von zehn Bewohnern sind russischer Abstammung. Auch wenn die Schwarzmeerhalbinsel seit 60 Jahren formell zur Ukraine gehört, stand sie nie unter ukrainischer Verwaltung, sondern behielt auch nach der Sowjetzeit den Status einer autonomen Republik bei.

Eine Frage der Identität

Das Votum ist klar, trotzdem herrscht Chaos. Wie geht es jetzt weiter?

In den südostukrainischen Gebieten stellen Ukrainer gut die Hälfte der Bevölkerung. Die Russen kommen auf ein Drittel. Sie konzentrieren sich vor allem in den Ballungszentren. In Louhansk sind es etwa 40 Prozent, in Charkiw macht ihr Anteil nur ein Viertel aus.

In Donezk gaben bei einer Volkszählung 2001 mehr als 70 Prozent der Bewohner Russisch als ihre Muttersprache an – wie auch auf der Krim. In Charkiw waren es nur ungefähr die Hälfte. Aber: Der Anteil der russischsprachigen Muttersprachler ist jeweils höher als der ethnischer Russen. Russisch wird seit dem Zuzug vieler Russen während der Industrialisierung von vielen dort als Verkehrssprache eingesetzt – auch von den Ukrainern. In der Ukraine leben also sowohl ukrainischsprachige Ukrainer als auch russischsprachige Ukrainer und russischsprachige Russen. Wobei der Übergang zwischen den Identitäten aufgrund der Mehrsprachigkeit fliessend ist. Zumindest bisher.

Kein Ende der Sowjetnostalgie?

"Russen haben keine Mehrheit in der Ostukraine", schreibt der Journalist Alexej Dubatow. Ostukrainische Gebiete seien das, was man früher "Kleinrussland" nannte. Immerhin war die Westukraine von der Mittelukraine bis 1939 durch die alte k.u.k.-Grenze getrennt. Das Bekenntnis der lokalen Bevölkerung zu Russland lässt sich laut Dubatow auf ein friedliches Nebeneinander von Ukrainisch und Russisch seit der Unabhängigkeit nach 1990 zurückführen. Sogar Altpräsident Leonid Kutschma begann erst richtig Ukrainisch zu lernen, nachdem er 1992 zum Präsidenten gewählt worden war.

Dennoch sehnen sich viele in Donezk nach der Stabilität, die das Kohlerevier zu Sowjetzeiten genoss. Dabei entwickelt sich die ostukrainische Grossstadt in den letzten Jahren wieder zu einem aufstrebenden Wirtschaftszentrum. Viele Bewohner wie der ehemalige Kfz-Mechaniker Wladimir Gurjew aus Donezk glauben trotzdem, dass ihnen nur ein Anschluss an Russland ein besseres Leben beschert. "In letzter Zeit haben sich zu viele gegen uns verbündet. Wir sollten uns auf unsere alten Freunde besinnen", sagte er dem ZDF.

Den Separatistenführer Denis Puschilin nennt Gurjew einen "Patrioten". Am Montag bat Puschilin offiziell um die Aufnahme der "Donezker Republik" durch Russland, "um die historische Gerechtigkeit wieder herzustellen". "Die Volksrepublik Donezk und gleich nebenan die Volksrepublik Louhansk entstehen im Geist der Sowjetunion", warnt dagegen die ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf in ihrem Blog.

Wirtschaftliche Zerrüttung

"Die Ukraine befindet sich seit 2009 in einem ökonomischen Sturzflug", erklärt Peter W. Schulze, Honorarprofessor an der Georg-August-Universität in Göttingen. "Das geht auf die Einkommen, auf die Arbeitsplatzsicherheit und wirkt sich natürlich auch negativ auf die Zukunftshoffnungen von grossen Teilen der Bevölkerung aus." Obwohl die fünf östlichen Regionen mit den Industriezentren Donezk und Dnjepropetrowsk deutlich über ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts des Landes erwirtschaften, ist auch der "reiche Osten" verhältnismässig arm. "Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr liegt in Russland zwischen 9.000 und 21.000 US Dollar, in der Ukraine in der Regel nur bei 6.000", sagt Schulze.

Seit den eingestellten russischen Hilfszahlungen verschlechtert sich die finanzielle Lage der Ukraine täglich. Das vom Internationalen Währungsfonds bereitgestellte Rettungspaket gibt es allerdings nur, wenn das Budgetdefizit durch Sparmassnahmen abgebaut wird. Dazu gehören Pensionskürzungen, Erhöhungen der Energiepreise oder Einschnitte in das Gesundheits- und Schulwesen. Massnahmen, die die alte Regierung unter Wiktor Janukowitsch nicht angegangen ist.