Was die Verbreitung und Bequemlichkeit betrifft, ist WhatsApp das Mass der Dinge. Wenn es um Datensparsamkeit geht, haben jedoch die Messenger-Dienste Threema und Signal die Nase vorn. Das sind die Hintergründe.

Rolf Schwartmann
Eine Kolumne
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Etwa 58 Millionen Deutsche nutzen WhatsApp, Threema nutzen 6 Millionen, Signal hat 3,6 und Telegram 7,8 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Wie unterscheiden sich die Dienste voneinander?

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Threema: Registrierung über Code

Threema zeichnet sich dadurch aus, dass man für die Nutzung nicht anhand der persönlichen Telefonnummer registriert wird, sondern anhand einer achtstelligen Buchstaben-Zahlen-Kombination. Es findet also eine Verschlüsselung statt, die weder für den Dienst noch für Nutzerinnen und Nutzer einen Rückschluss auf Personen zulassen. Man betritt den Kommunikationsraum unerkannt und offenbart sich erst danach anderen. Mit Blick auf die verwendete Verschlüsselungstechnik, die den Inhalt der Informationen auf dem Transportweg für alle ausserhalb des konkreten Kommunikationsraumes unzugänglich macht, unterscheiden sich die Dienste in ihrem Sicherheitsniveau nicht.

Metadatenauswertung möglich

Allerdings hat WhatsApp als Tochterunternehmen von Meta, dem auch Facebook und Instagram angehören, die Möglichkeit, etwa Häufigkeit, Dauer und Textlänge der Kommunikation zu erfassen. Wenn zwei Menschen in schneller Folge kurze Nachrichten austauschen, dann sind das vielleicht Lach- oder Kuss-Emojis. Lange Texte in schneller Folge deuten auf eine angeregte Diskussion, vielleicht einen Streit hin. Die Auswertung sogenannter Meta-Daten, also den Eckdaten der Kommunikation, ist für WhatsApp also möglich. Die Informationen sind etwa für Kundenansprachen wichtig. Worüber man konkret glücklich oder traurig ist, ist für Vermarkter nicht so wichtig wie die Kenntnis des Gemütszustandes.

Verbreitung ermöglicht Vernetzung

Weil etwa Threema viel weniger verbreitet ist, kann man sich nur mit weniger Menschen unkompliziert vernetzen. Das ist gerade für Eltern von Jugendlichen und Kindern oft schwierig. Gruppenchats zur Geburtstagseinladung oder die Abstimmung in der Schulklasse werden nämlich komplizierter. Bequemlichkeit geht vor. Reflexionen über den Wert der Privatsphäre fallen schwer, wenn man die Konsequenzen ihrer Durchleuchtung nicht spürt. Plausibel ist das nicht, denn wir alle wissen, dass man nicht alles spürt, was schadet. Die Wirkung des Zugriffs auf die Persönlichkeit ist so gesehen mit der Wirkung von Röntgenstrahlen vergleichbar. Die Durchleuchtung ist effektiv und schmerzfrei. Schädliche Folgen hat sie dennoch.

Threema bezahlt man mit Geld

Anders als die Konkurrenz verlangt Threema einmalig 5 Euro für die Nutzung. Das ist angemessen und dennoch abschreckend. Man bezahlt den Dienst also nicht mit Metadaten, sondern mit Lizenzgebühren. Er wird, anders als WhatsApp und Signal, die aus den USA kommen, aus der Schweiz betrieben. Deshalb kommt Threema ohne transatlantischen Datenverkehr aus und entwischt dem amerikanischen Gesetz, das dort ansässige Unternehmen dazu verpflichtet, den inländischen Behörden Zugriff auf Daten auch dann zu gestatten, wenn sie ausserhalb der USA gespeichert werden.

Signal: "Zero-Knowledge"

Mit Signal gibt es, unabhängig von Meta, auch eine kostenlose, datensparsame Alternative mit guter Datensicherheit. Allerdings gibt es einen Haken: Auch die Verwendung von Signal fusst auf der Handynummer. Signal unternimmt viele technische Anstrengungen, Metadaten erfolgreich vor dem Dienst zu verbergen. Auch Zugriffe von US-Behörden auf die Daten von Signal laufen aufgrund des "Zero-Knowledgde-Prinzips" der Stiftung wohl ins Leere.

Telegram kann mitlesen

Threema und Signal stehen im Wettbewerb zu Telegram. Hier haben Experten jedoch Zweifel an der Datensicherheit, weil Gruppenchats unverschlüsselt gespeichert werden. Telegram betreibt die Server, auf denen die Daten gespeichert werden, und kann deshalb sogar auf die Inhalte zugreifen, also die Korrespondenz lesen.

E-Mails: In der Regel unverschlüsselt

Inhalte mitlesen können übrigens auch Anbieter von E-Mail-Diensten, wenn diese, wie üblich, nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt sind. Die New York Times berichtet über zwei Väter, die einem konsultierten Arzt auf dessen Wunsch zu Zwecken der Diagnose Fotos des Genitalbereichs ihrer Kinder mailten.

Google: Strenger als die Polizei

Verbreitung illegaler Nacktaufnahmen der Kinder lautete der Verdacht der staatlichen Ermittler, die den Vorwurf aber nach Prüfung zurücknahmen. Die Polizei wiederum war über Hinweise des Anbieters über die Nutzung der Android-Handys auf den Fall aufmerksam geworden. Dort wurden die Aufnahmen automatisch unter Kindesmissbrauch verbucht. Google liess sich nicht von der Unschuld der Väter überzeugen. Laut des Berichts ist der Zugriff auf die Google-Konten dauerhaft gesperrt. Über Jahre gespeicherte E-Mails, Dokumente, Kontakte und Fotos sind verloren.

Kinderfotos unter Kontrolle

Der Vorgang kann deshalb Sorge bereiten, weil Strandfotos des Nachwuchses ebenso gefährlich sein können wie die Dokumentation von Krankheitsverläufen rund um die Gürtellinie von Kindern auf dem Smartphone. In der EU ist eine Chatkontrolle im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Tech-Giganten geplant, die zurecht auf breiten Widerstand stösst. Wer auch angesichts dieser Pläne die Gefahr für seine Privatsphäre noch nicht erkennt, der ist naiv. Einem europäischen Gesetz müssten sich übrigens auch datensparsame Messenger beugen und dem Staat den Zugriff auf Handybilder gewähren.

Jeder entscheidet für sich

Am Ende muss man für sich selbst abwägen, wie man das Verhältnis von Bequemlichkeit und Schutz der Privatsphäre austariert. Wer gerne sicher und datensparsam kommuniziert, ist mit Diensten wie Signal und Threema gut bedient. Welcher Dienst dabei den Vorzug bekommt, ist Geschmackssache.

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