Luc Montagnier, französischer Virologe und Mit-Entdecker des HI-Virus, soll angeblich in einem Interview erklärt haben, dass jeder, der sich gegen COVID-19 impfen lässt, unweigerlich binnen zwei Jahren sterben werde. Das stimmt nicht. Aber Montagnier äusserte einige andere Falschbehauptungen.

Eine Kolumne
von CORRECTIV.Faktencheck - Fakten für die Demokratie

Angeblich sieht es düster aus für jene, die sich gegen COVID-19 impfen lassen: "Alle geimpften Menschen werden innerhalb von zwei Jahren sterben", sagte der französische Virologen Luc Montagnier angeblich in einem Interview. Das wird zumindest in Sozialen Netzwerken behauptet. Es gebe "keine Überlebenschance". Zu den Behauptungen wird meist ein Video geteilt, das ein Interview mit Montagnier zeigt.

Der CORRECTIV.Faktencheck zeigt: In dem Interview sagt Montagnier nichts davon. Er äussert sich lediglich über eine "Antikörper-abhängige Verstärkung". Dieses Phänomen der "infektionsverstärkenden Antikörper" ist jedoch bei den COVID-19-Impfstoffen laut Paul-Ehrlich-Institut bisher nicht aufgetreten.

Die Stiftung, die das Video produziert hat, widerspricht

In dem Interviewausschnitt, der auf Facebook und Telegram verbreitet wird, ist neben Luc Montagnier das Logo der Rair Foundation zu sehen. Dahinter verbirgt sich eine amerikanische Stiftung, die Filmemachern Stipendien zur Umsetzung ihrer Projekte anbietet. Im Interview wird der 88-jährige Virologe Luc Montagnier, der 2008 den Nobelpreis für die Isolierung von HIV erhielt, zu den Impfstoffen gegen COVID-19 befragt.

Weder im Original-Video noch in der elf-minütigen Langfassung, die im Mai 2021 veröffentlicht wurde, behauptet er, dass in zwei Jahren alle Geimpften gestorben sein werden. Auch die Rair Foundation stellte das am 25. Mai auf Twitter klar.

Die angeblichen Zitate sind aller Wahrscheinlichkeit nach frei erfunden.

In der langen Version des Interviews fragt der Moderator ab Minute 7:49, was in zwei oder drei Jahren sei. Montagnier sagt kurz darauf: "Man weiss es nicht."

Virologe Luc Montagnier
In einem Interview stellt der Virologe Luc Montagnier mehrere unbelegte Theorien über Impfungen gegen COVID-19 auf:

Montagnier äussert mehrere unbelegte Behauptungen zu Impfstoffen

In dem auf Facebook und Twitter verbreiteten, kurzen Videoausschnitt äussert Montagnier die These, dass die Impfungen die Virusmutationen überhaupt erst auslösen würden. Ausserdem behauptet er, dass die Kurve der Todesfälle in den Ländern der Anzahl der Impfungen folge, und dass die durch das Virus produzierten Antikörper eine stärkere Infektion verursachen würden.

Für keine dieser Aussagen gibt es wissenschaftliche Belege.

Vier der sieben aktuell als besorgniserregend eingestuften Virusvarianten wurden schon vor der weltweit ersten Impfung am 8. Dezember 2020 entdeckt. Dass Mutationen durch die Impfungen verursacht werden, wäre daher unlogisch. Auch die anderen Varianten wurden noch im selben Monat entdeckt. Gross angelegte Impfkampagnen waren zu dem Zeitpunkt noch gar nicht angelaufen.

Zudem müssten neue Mutanten dann vor allem in den Ländern auftreten, die hohe Impfquoten haben – was jedoch nicht der Fall ist. Eine Variante, die etwa in Israel neu aufgetreten wäre, gibt es zum Beispiel nicht. Im Gegenteil: Mutationen treten nach Einschätzung mehrerer Wissenschaftler vor allem dort auf, wo sich das Virus ungehindert verbreiten kann, also gerade nicht dort, wo viel geimpft wird.

Nichts deutet darauf hin, dass Todeszahlen durch COVID-19-Impfungen steigen

Dass in einigen Ländern die Todesfallzahlen im Zuge der ersten Impfkampagnen stiegen, stimmt zwar, aber die Ursache dafür sind nicht die Impfungen. Bleiben wir beim Beispiel Israel: Auch dort stiegen sowohl die Corona-Fälle als auch die Todesfälle nach Beginn der Impfungen an. Das kann passieren, weil der dort verwendete Biontech-Impfstoff seine volle Schutzwirkung erst sieben bis 14 Tage nach der Zweitimpfung entfaltet, die wiederum mehrere Wochen nach der Erstimpfung verabreicht wird.

Unmittelbar nach Beginn der Impfkampagnen bestand also noch kein Schutz, weshalb die Infektionszahlen trotzdem steigen konnten und damit auch die Todesfallzahlen.

Während des Verlaufs der Impfkampagne sanken die Corona-Fallzahlen in Israel deutlich. Aktuell gibt es dort kaum neue Fälle. Fast 60 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft.

Delta breitet sich aus: Biontech-Impfung in Israel weniger wirksam

Israel verwendet für seine Impfkampagne vor allem den Pfizer/Biontech-Wirkstoff, der bisher sehr effektiv vor einer Infektion mit dem Coronavirus geschützt hat. Neuste Zahlen zur Wirksamkeit des Vakzins geben allerdings Anlass zur Sorge. Gleichzeitig breitet sich die Delta-Variante im Land aus.

Infektionsverstärkende Antikörper sind bislang bei COVID-19 nicht beobachtet worden

Dass es Hinweise auf sogenannte infektionsverstärkende Antikörper (ADE) gebe, wie Montagnier behauptet, stimmt ebenfalls nicht. Diese Antikörper können bei einer Impfung oder auf natürlichem Weg durch die Infektion entstehen. Sie machen den Patienten dann nicht immun, sondern bewirken das Gegenteil und begünstigen die Vermehrung der Viren bei einer erneuten Infektion.

Das Phänomen der infektionsverstärkenden Antikörper gibt es zwar tatsächlich, etwa beim Dengue-Fieber. Dort ist das Phänomen aber auf natürlichem Weg, folglich nicht durch Impfungen, aufgetreten. Bei COVID-19 wurde es bisher nie beobachtet.

Das bestätigt auch das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Webseite: Es gebe bei mRNA-Impfstoffen, wie etwa Biontech und Moderna, "keinerlei Hinweise auf eine verstärkte COVID-19-Erkrankung bei geimpften Personen". Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Entwarnung: "Bei mRNA- und Vektor-Impfstoffkandidaten gegen andere Infektionskrankheiten wurde ein ADE bisher nicht beobachtet."

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