• Der britische Journalist Dom Phillips war gemeinsam mit dem Indigenen-Experten Bruno Pereira unterwegs in einem Schutzgebiet unkontaktierter Völker in Brasilien.
  • Seit Ende letzter Woche werden die beiden vermisst - ihre Spur verliert sich, nachdem sie einen einschlägig bekannten Ortschef getroffen hatten, der in Übergriffe gegen Indigene verwickelt sein soll.
  • Brasilianische Behörden stehen in der Kritik: Suchaktionen verliefen schleppend, die Öffentlichkeit werde mangelhaft informiert.

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Von dem am vergangenen Sonntag im Amazonasgebiet verschwundenen britischen Journalisten, Dom Phillips, und seinem Begleiter, dem Indigenen-Experten Bruno Pereira, fehlt weiter jede Spur. Indizien deuten jedoch darauf hin, dass die beiden Opfer eines Verbrechens geworden sein könnten.

Was ist geschehen? Zu Recherchen für ein Buchprojekt waren Phillips und Pereira vergangene Woche in das Gebiet Vale do Javari im Dreiländereck zwischen Peru, Kolumbien und Brasilien gereist. Pereira, ehemaliger Mitarbeiter der Indigenen-Behörde Funai, wollte Phillips anscheinend die Arbeit der Organisation Univaja zeigen. Das ist eine Organisation von Indigenen, die illegale Eindringlinge in die Schutzgebiete überwacht und dokumentiert. Am vorgesehenen Zielort, der Basis Lago do Jaburu, wurden sie zwar erwartet, kamen aber nie an.

Das Vale do Javari, mit einer Grösse von rund 85.000 Quadratkilometern in etwa so gross wie Österreich, ist eines der grössten zusammenhängenden Gebiete, in denen noch rund 6.000 bislang unkontaktierte Indigene der Stämme Marubo, Matsés, Matís und Kubulo leben. Immer wieder kommt es dort vor, dass illegale Holzfäller, Goldsucher oder Fischer in das Gebiet eindringen, um Raubbau zu betreiben.

Unterwegs im Schutzgebiet für unkontaktierte Völker

Wie die Nachrichtenagentur Amazonia Real berichtet, stammt das letzte Lebenszeichen der Vermissten aus dem Ort São Gabriel , etwa zwei Bootsstunden von der nächstgrösseren Siedlung Atalaia do Norte entfernt, die wiederum rund 1.100 Kilometer westlich von Manaus liegt. Dort sollen sie mit dem Ortschef namens Churrasco zusammengekommen sein. Churrasco steht laut der Agentur im Verdacht, illegalen Fischfang zu betreiben und in Übergriffe in Indigenengebieten verwickelt zu sein. Wie die Agentur weiter berichtet, soll ein anderer Mann, "Pelado" genannt, die beiden bedroht haben. Anschliessend verliert sich die Spur.

Pereira ist ein anerkannter Indigenen-Experte, der schon häufiger den Akteuren vor Ort und den Behörden unangenehm auf die Füsse getreten war. So hatte er Druck auf die brasilianische Bundespolizei gemacht, entschlossener gegen illegale Fischerei in der Region vorzugehen.

Druck entsteht über die sozialen Netzwerke

Die Nachricht über das Verschwinden der beiden wurde zunächst über die sozialen Netzwerke verbreitet. Die Behörden hielten sich zunächst bedeckt. Erst als sich Verwandte und Kollegen Phillips‘ zu Wort meldeten, begannen die Behörden langsam zu reagieren. Am Montag liess das örtliche Militärkommando verkünden, man könne durchaus bei der Suche helfen, warte jedoch auf das Go der Bundesregierung. Erst am Dienstag wurde ein einzelner Hubschrauber in die Suche eingebunden.

Präsident Jair Bolsonaro sagte dazu: "Zwei Menschen alleine in einem Boot in der Wildnis ist kein empfehlenswertes Abenteuer. Da kann viel passieren. Sie könnten einen Unfall gehabt haben, sie können aber auch getötet worden sein", zitiert ihn ein CNN-Bericht.

Phillips und Pereira sollen ohne Bootsführer und lokalen Guide aufgebrochen sein. Dass sich die beiden verirrt haben könnten oder einen Unfall hatten, schliesst der deutsche Journalist Thomas Fischermann, Korrespondent der Wochenzeitung die Zeit, selbst Kenner der Amazonasregion und Mitglied des Advisory Committee des Pulitzer Amazon Rainforest Journalism Fund, praktisch aus: "Die kannten sich beide vor Ort gut aus", sagt er auf Anfrage.

Schwester des Journalisten kritisiert Bolsonaro

Phillips‘ Schwester Sian sieht in Bolsonaros Verweis auf eine "Abenteuerreise" den Versuch, die Schuld am Verschwinden der beiden Männer auf ihren Bruder abzuwälzen: "Es war kein Abenteuer, er ist Journalist, er befand sich auf einer Recherche."

Phillips arbeitete an einem Buch, in dem er die Zerstörung des Regenwalds und den Widerstand indigener Völker gegen diese Bedrohung beschreiben wollte.

Auf Twitter veröffentlichten zahlreiche Journalisten und Organisationen Stellungnahmen zu dem Fall. Reporter ohne Grenzen veröffentlichte am Dienstag mit zehn weiteren Organisationen eine Stellungnahme, in der sie eine dringende Anhörung bei der brasilianischen Regierung forderten. In dem Brief an Justiz- und Verteidigungsminister kritisierte Reporter ohne Grenzen die schleppend verlaufende Suchaktion und einen Mangel an Information.

"Einmal mehr erleben wir, wie sich die derzeitige brasilianische Regierung angesichts der eskalierenden Gewalt gegen indigene Völker und Menschenrechtsverteidiger in Brasilien ihrer Verantwortung entzieht", zitiert die in Brasilien bekannte Umweltjournalistin Eliane Brum die Organisation Univaja auf ihrem Twitteraccount.

Wachsende Gewalt gegen Journalisten in der Region

Gut möglich, dass der Vorfall nun die Konflikte in der Region weiter anheizt. "Ich bin sehr beunruhigt über die Zunahme an Gewalt gegenüber Journalisten, besonders in der Amazonas-Region", sagte Angelina Nunes dem us-amerikanischen Investigativportal The Intercept. Sie ist von der brasilianischen Vereinigung investigativer Journalisten. Als Beispiele für besonders sensible Themen nennt sie Brandrodungen, Eindringen in indigene Siedlungen durch illegale Goldgräber, Holzfäller oder solche, die die Indigenen gleich von ihrem Land vertreiben wollen. So wurde 2019 ein Mitarbeiter der Indigenen-Schutzbehörde Funai in derselben Region getötet, in der die beiden nun vermisst werden.

Gewalt gegen Journalisten, Menschenrechtler oder Umweltschützer haben in Brasilien seit Amtsantritt von Jair Bolsonaro am 1.1.2019 deutlich zugenommen. Journalisten werden zwar nicht zensiert oder eingesperrt, aber vor allem von Bolsonaro und seinen Anhängern heftig bedroht. Der bekannten Zeitungsjournalistin Patricia Campos Mello (Folha de Sao Paulo) hat ein Gericht eine Entschädigung nach Beleidigungen durch den Präsidenten zugesprochen. Sie, aber auch ausländische Journalisten wie Glenn Greenwald, den Bolsonaro einst nach Enthüllungen des Landes verweisen wollte, zahlen für ihre Courage einen hohen Preis. Sie können das Haus kaum noch ungeschützt verlassen, Morddohungen gehören zur Tagesordnung.

Umweltschützer leben in Brasilien besonders gefährlich

Noch gefährlicher leben in Brasilien Menschen, die sich für Menschenrechte oder den Umweltschutz einsetzen. Im Jahr 2020 zählte die NGO Global Witness insgesamt 20 Morde an Umweltschützern alleine in Brasilien. Weltweit gab es 227 Morde. Damit rangiert Brasilien auf Rang 4 der gefährlichsten Länder.

Schuld an dieser Entwicklung ist die Politik Bolsonaros, die überwiegend die Interessen von Grossgrundbesitzern und illegalen Goldsuchern vertritt. Keinen einzigen Quadratzentimeter wolle er für neue Schutzgebiete ausweisen, hatte Bolsonaro einst gesagt. Während seiner Regierung haben Waldbrände und illegaler Landbesitz Besorgnis erregende Höchststände erreicht. Die entsprechenden staatlichen Schutzbehörden, etwa die Urwaldschutzbehörde IBAMA oder die Weltraumorganisation INPE, deren Satellitenbilder 2020 erst das verheerende Ausmass der Waldbrände dokumentierten, wurden im Gegenzug von der Regierung finanziell ausgetrocknet.

Dem Reporter Dom Phillips war Bolsonaro am 19. Juli 2019 bei einem Pressetermin in Brasília persönlich begegnet.

Bolsonaro auf PK im Jahr 2019

Am 19. Juni 2019 gab brasiliens Präsident Bolsonaro einen Pressetermin bei dem er einem Journalisten, angesprochen auf den Umweltschutz, antwortete: "Amazonia gehört Brasilien und nicht Ihnen. Wir schützen mehr als irgendein anderes Land der Welt." © YouTube

Damals hatte Phillips gefragt, wie Bolsonaro der Welt glaubhaft versichern wolle, dass die Regierung den Schutz der Amazonasregion ernst nehme. Bolsonaros Antwort: "Amazonia gehört Brasilien und nicht Ihnen. Wir schützen mehr als irgendein anderes Land der Welt."

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete am Donnerstag, dass die Polizei offenbar Blutspuren in dem Boot eines im Zusammenhang mit dem Verschwinden festgenommenen Verdächtigen gefunden haben soll. Das Material werde nun untersucht, hiess es.

Verwendete Quellen:

  • Amazoniareal.com: Marinha e Polícia Federal buscam jornalista e indigenista desaparecidos
  • CNN: Dom Phillips' sister reacts to Bolsonaro's comment on missing brother
  • Twitter-Account Eliane Brum
  • Correiobraziliense.com: Bolsonaro é condenado a pagar R$ 100 mil por dano moral coletivo a jornalistas
  • DW: Brasil é o 4º país mais perigoso para ambientalistas

Nach Recherche im Amazonasgebiet: Britischer Journalist in Brasilien vermisst

Seit letztem Wochenende werden ein britischer Journalist und ein brasilianischer Mitarbeiter der Behörde für indigene Angelegenheiten (FUNAI) im Amazonasgebiet vermisst.
Teaserbild: © imago stock&people