Neben Pestiziden, Nitraten, Phosphaten und CO2-Emissionen sind Lebensmittel das wohl umweltschädlichste Konsumgut. Mit dem Startup-Unternehmen Beelong haben zwei junge Leute aus dem Kanton Waadt einen Indikator entwickelt, der es Produzenten, Händlern und Gastronomen ermöglicht, die negativen ökologischen Auswirkungen ihrer Produkte zu reduzieren.

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"Die Nahrungsmittel-Industrie führt zu unglaublichen Fehlentwicklungen. Man denke an Tomaten, die in Italien wachsen und dort geerntet werden, dann nach China verschifft und in Dosen verpackt werden, um schliesslich nach einer langen Rückreise in Europa auf den Tellern der Konsumenten zu landen. Ist das sinnvoll?", fragt Charlotte de La Baume.

Der jungen Frau aus dem Kanton Waadt liegen ökologische Anliegen sehr am Herzen. 2012 hatte sie ihr Studium an der Hotelfachschule von Lausanne (EHL) mit einer Arbeit zur nachhaltigen Ernährung abgeschlossen. Auf diese Arbeit folgte die Entwicklung eines Gradmessers, um die Nachhaltigkeit und den ökologischen Index von Lebensmitteln zu berechnen.

Aus diesem Projekt ging 2014 das Startup Beelong hervor. " Unsere Mission ist es, die Transparenz des Lebensmittelmarkts zu fördern und die Wirkung der Ernährung auf den Planeten aufzuzeigen, um das Gastgewerbe und die Lebensmittelindustrie dabei zu begleiten, ihren Umwelteinfluss zu reduzieren", heisst es auf der Website des Unternehmens. Der Beelong-Indikator ordnet fünf Kriterien für die Nachhaltigkeit zu: Herkunft, Jahreszeit, Produktionsweise, Klima und Ressourcen, Produktverarbeitung.

Innerhalb weniger Jahre ist dieses Instrument zur Erkennung des "ökologischen Fussabdrucks" von mehr als 120 Anwendern genutzt worden, von Lebensmittelproduzenten, Einkäufern, Gastwirten sowie Betreibern von Mensen in Spitälern, Schulen oder auch Gefängnissen.

Aufwertung eines Berufs

Beelong wird von Charlotte de La Baume und Mathias Faigaux geleitet, der ebenfalls die EHL abgeschlossen hat, eine der bekanntesten Hotelfachschulen der Welt. Doch wie kamen die beiden jungen Waadtländer auf die Idee, sich in das Abenteuer eines Startups zu stürzen statt eine vielversprechende Karriere als Hotelier einzuschlagen?

"Um die Welt zu retten", antwortet de La Baume. "Unser heutiges Agrar- und Lebensmittelsystem ist extrem intensiv. Es erlaubt nicht, dass sich alle Menschen auf dem Planeten auf gesunde und nachhaltige Weise ernähren. 2050 werden voraussichtlich zehn Milliarden Menschen zu ernähren sein: Wir müssen das System folglich ändern. Und wer soll sich darum kümmern, wenn nicht wir Jungen?"

Für Faigaux geht es auch darum, einen Berufsstand zu retten: "In der Gastronomie ist ein Trend feststellbar, immer häufiger mit vorgefertigten Produkten zu arbeiten. Ich stamme selbst aus einer Familie von Gastronomen und bin der Meinung, dass dieser Beruf wieder aufgewertet werden muss. Wir müssen zeigen, dass man mit frischen Produkten kostengünstig selber kochen kann und so auch die Umwelt schont. Ich bin überzeugt, dass es immer mehr Kunden gibt, die ein solches Angebot zu schätzen wissen."

Ernährung und Umwelt

"Unsere Ernährungsweise hat sehr grosse Auswirkungen auf die Umwelt. Wenn wir bestimmte Lebensmittel auswählen, sind wir uns dessen gar nicht bewusst", meint de La Baume. "Allein schon für den Anbau werden viele Ressourcen wie Wasser, Düngemittel oder Pestizide verwendet. Dann wird die Nahrung aufbereitet, behandelt und transportiert. Wenn bestimmte Speisen auf unserem Teller landen, ist uns der Lebenszyklus der verwendeten Lebensmittel nicht bewusst."

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) ist die Ernährung der Konsum- und Produktionsbereich mit den grössten Auswirkungen auf die Umwelt – vor Wohnen und Mobilität. 28% der in der Schweiz erzeugten Umweltverschmutzung geht auf Speisen zurück, die wir täglich verzehren. Um die Gesamtmenge an Nahrung herzustellen, die jede Person pro Monat konsumiert, braucht es 80 Liter Benzin.

Die Ökobilanz der Nahrung wird in erster Linie durch die Landwirtschaft determiniert. Denn diese verbraucht Ressourcen und erzeugt Emissionen, beispielsweise Phosphate, Methan, Pestizide und Schwermetalle.

Der Agrarsektor verursacht 70% der gesamten Luftemissionen von Ammoniak und Stickoxid, 20% der krebserregenden Russpartikel und 14% des CO2. Diese Umweltbelastungen werden durch den Transport, die Lagerung und die industrielle Verarbeitung vieler Lebensmittel noch verstärkt.

Die Produktebewertung

Beelong bietet Schweizer Gastronomen Beratung und Fortbildung an. Das Startup bewertet mit einem Indikator aber auch die Lebensmittel-Einkaufspolitik von Restaurants. Die entsprechende Analyse wird über sechs Wochen im Sommer und genauso lange im Winter durchgeführt, wenn je nach Jahreszeit die Verfügbarkeit einheimischer Produkte variiert.

Die Bestellungen werden in eine Datenbank eingegeben, welche die Herkunftsländer der Lebensmittel, ihre Produktions- und Anbaumethoden und die Transportwege analysiert. Die Ökobilanz wird dann auf Basis der CO2-Emissionen, der Bodenbelastungen und der allfälligen Wasserverschmutzung ermittelt.

Zu den Analyseergebnissen gibt es einen Bericht sowie eine Zusammenfassung, die mit einem Indikator den Umwelteinfluss der Lebensmittel basierend auf fünf Hauptkriterien bewertet.

So können ein Lebensmittel, ein Gericht oder die gesamten Einkäufe eines Restaurants eine Bewertung zwischen A und G erhalten, welche die Umweltleistung beschreibt. Die Skala erinnert sehr an die Energieetikette von Elektrogeräten. Die Gastonomen haben ihrerseits die Möglichkeit, ihr ökologisches Engagement den Kunden zu zeigen.

Ähnliche Dienstleistungen bietet das Startup-Unternehmen auch für die Nahrungsmittelindustrie an. "Anfänglich haben wir uns gefragt, ob es überhaupt sinnvoll ist, in diesem Sektor aktiv zu werden. Ideal wäre es natürlich, nur Produkte zu konsumieren, die nicht industriell verarbeitet wurden", betont de La Baume. "Doch auch in dieser Branche sind Verbesserungen möglich. Es gibt bereits heute vorbildliche industrielle Lebensmittel-Verarbeiter, die auf lokale Zutaten und wenige Zusatzstoffe setzen."

"Meiner Meinung nach wäre es ein Fehler, nicht auch die lebensmittelverarbeitende Industrie einzubeziehen, denn gerade diese stellt den Grossteil der Speisen her, die von den Leuten konsumiert werden", fügt Faigaux an. "Insofern ist es sinnvoll, mit ihnen zusammenzuarbeiten und mehr Transparenz in Bezug auf die Lebensmittel herzustellen". Dies komme letztlich den Konsumenten zu Gute.

Zu viel Fleisch auf dem Teller

Doch wie können die Konsumenten einen Beitrag leisten, um ihre Ernährung ökologischer und nachhaltiger zu gestalten? "Es gibt drei Hauptkriterien: Die Herkunft der Produkte, die Produktionsmethoden sowie die Auswirkungen auf Klima und Ressourcen", meint de La baume.

Diese Kriterien stimmen weitgehend mit den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung überein. Es sollten lokale Produkte sein, möglich saisongerecht, biologisch und vegetarisch. Sollten wir folglich auf den Verzehr von Fleisch verzichten, eines der Lebensmittel mit der schlechtesten Ökobilanz?

"Wenn wir Konsumenten und Fachleute aus dem Gastrosektor ansprechen wollen, sollten wir keine Extremlösungen anbieten", hält de La Baume fest. "Unsere Botschaft lautet: Der Fleischkonsum lässt sich reduzieren. Man bedenke, dass die Konsumenten in der Schweiz während ihren Mahlzeiten jede Woche neun Mal Fleisch essen. Das ist sicherlich zu viel."

In der Schweiz ist der Fleischkonsum pro Kopf in den letzten 20 Jahren unverändert geblieben. Er beträgt rund 50 Kilo pro Jahr. Mit diesem Konsum liegt die Schweiz im weltweiten Vergleich im Mittelfeld, angesichts der Tatsache, dass in einigen Ländern wie den USA der Fleischkonsum pro Kopf fast doppelt so hoch ist und in einigen Entwicklungsländern nicht einmal wenige Kilo pro Jahr erreicht.

Angesichts dieser Zahlen gibt es für die beiden Promotoren von Beelong noch eine weite Wegstrecke zurückzulegen, um eine nachhaltige und umweltverträgliche Lebensmittelproduktion und ein entsprechendes Konsumverhalten zu erreichen.

Kann man den Planeten Erde wirklich retten? "Ich glaube, dass unser Konsumverhalten wichtig ist, damit wir auch in Zukunft von den Ressourcen unseres Planeten profitieren können", sagt Faigaux.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)  © swissinfo.ch

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