Treffen mit der Mutter, einer Jugendfreundin und Ehemann Oskar Lafontaine - Sahra Wagenknechts Biograf Christian Schneider spricht im Interview über seine Arbeit an dem Buch über die prominente Linke und erklärt, warum Politikerin der falsche Beruf für Wagenknecht ist.

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Sie gehört zu den bekanntesten Politikerinnen Deutschlands. Aus der ersten Reihe will sich Sahra Wagenknecht aber bald zurückziehen. Ein Burn-out war der ausschlaggebende Punkt - aber zur Geschichte gehört mehr.

In der am 12. September erschienenen Biografie gibt die Linken-Politikerin tiefe Einblicke und erklärt die Beweggründe für ihren Rückzug.

Wir sprachen mit Christian Schneider, dem Autoren des Buches. Er erhielt während der Recherchen Zugang zu Wagenknechts engstem Kreis und verrät unter anderem, wie die Gespräche mit Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine verliefen, warum sie eigentlich keine Politikerin ist und warum der innerparteiliche Gegenspieler Gregor Gysi Vorbehalte gegen sie hatte.

Herr Schneider, wie wird man Biograf von Sahra Wagenknecht?

Christian Schneider: Ich habe zusammen mit dem Chefreporter der taz, Peter Unfried, vor Jahren eine kleine Reihe namens "Politiker-Check" angefangen. In diesem Format machte ich Porträts von Politikern - nach intensiven Gesprächen, in denen es nicht um politische Pläne und Vorstellungen ging, sondern um die Antriebe, Hoffnungen und Ängste, weshalb man Politik macht. Eine der Porträtierten war Sahra Wagenknecht. Und als der Campus-Verlag auf die Idee kam, für seine Autorin zu ihrem 50. Geburtstag eine Biografie anzufertigen, ist er bei mir gelandet.

Sie sind Sozialpsychologe und Psychoanalytiker. Zwei unabdingbare Bedingungen für Wagenknechts Biografen?

Keine unabdingbaren, aber ganz gute Voraussetzungen (lacht). Eine Biografie zu schreiben, ist schwierig – vor allem, wenn es sich um eine Person handelt, die noch keine 50 Jahre alt, aber umstritten und vielfältig ist. Psychologische Kenntnisse sind da nicht verkehrt.

Wagenknecht-Biograf Dr. Christian Schneider.

Frau Wagenknecht hat Ihnen viel Nähe ermöglicht: Gespräche mit ihrer Mutter, mit einer Freundin aus Kindertagen und mit ihrem Partner Oskar Lafontaine. Mussten Sie diese Nähe einfordern?

Nein, sie war erstaunlicherweise sehr offen und vertrauensvoll. Ich war darüber fast überrascht. Sie hat mir selbst alle Wege gebahnt und Türen geöffnet. Ich musste nicht um irgendetwas kämpfen.

Wie war das Treffen mit Lafontaine? Haben Sie sich einfach mit ihm hingesetzt und gesagt: "So, jetzt erzählen Sie mir mal was über Ihre Gattin?"

(lacht) Nun ja, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine wohnen gemeinsam in einem Haus an der französischen Grenze. Die meisten Gespräche mit ihr habe ich dort geführt. Daher kannte mich ihr Mann schon. Dann gab es einen separaten Termin, wo ich mit ihm allein gesprochen habe. Das war alles sehr locker. Ich konnte direkt fragen, wie sich die beiden kennengelernt haben, wie ihre Beziehung gelaufen ist et cetera. Er war auch in diesem Punkt sehr offen.

Wagenknecht beschäftigte sich intensiv mit Karl Marx

Immer wieder taucht in der Biografie die Frage auf, warum Frau Wagenknecht überhaupt den Weg in die Politik gegangen ist. Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Das ist sehr kompliziert. Ein wichtiger Punkt ist ihre ausgeprägte Beschäftigung mit dem Marxismus. Der berühmteste Satz von Karl Marx, der gerne zitiert wird, ist die 11. These zu Feuerbach und lautet: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern." Für den Theoretiker ist also die Aufgabe formuliert, nicht nur nachzudenken, sondern praktisch zu handeln. Das hat Frau Wagenknecht in gewisser Weise befolgt.

Wäre Frau Wagenknecht auch ganz ohne politische Karriere glücklich, vielleicht sogar glücklicher geworden?

Nein. Der Schritt in die Politik war für sie ein ethisch begründeter. Sie musste das einfach tun. Aber sie hat gesehen, dass ihre Möglichkeiten dort begrenzt sind und dass ihre wahren Fähigkeiten eigentlich in einem anderen Feld liegen.

Mit welchen drei Eigenschaften würden Sie Frau Wagenknecht beschreiben?

Intelligenz, ausgeprägter Eigensinn, grosse Energie und Ehrgeiz.

Parteifreundin Sevim Dağdelen wird in der Biografie zitiert, wonach Sahra Wagenknecht bei öffentlichen Auftritten "wie ein Messias verehrt" werde. Ihr psychologischer Berater Thomas Städtler nennt sie eine "Heilige". Wie findet Frau Wagenknecht selbst diese Beschreibungen?

Also mit der Heiligen kann sie selbst wenig anfangen, was nicht sonderlich verwundert. Aber in diesen Bezeichnungen steckt der Wunsch vieler Menschen, dass sie so etwas wie eine Erlösung schaffen könnte. Sie wird – anders als viele andere Politiker – wahrgenommen als jemand, der wirklich eine Tür zu einer anderen Welt aufstossen könnte, was damit zusammenhängt, dass sich viele Leute durch sie verstanden und ernst genommen fühlen und ihr abnehmen, dass sie etwas für sie tun will.

"Sahra Wagenknecht - Die Biografie" - erschienen im Campus-Verlag.

Sie schreiben, Wagenknechts erste Ehe mit Ralph T. Niemeyer zeigte ihre Treue und ihre Widersprüchlichkeit. Inwiefern?

Ralph Niemeyer ist ein komplizierter Mensch. Er hatte viele juristische Schwierigkeiten, ist wegen Betrugs angeklagt gewesen, hat eingesessen. Während dieser ganzen Zeit hat Sahra Wagenknecht absolut treu zu ihm gestanden, hat alles dafür getan, dass es ihm besser ging. Er wurde verhaftet, als sie beide zusammen in der Türkei waren. Sie wusste nichts von seinen Taten und dem Haftbefehl. Trotzdem hat sie alle Mittel in Bewegung gesetzt, um ihn aus der türkischen Haft zu kriegen.

Auch heute noch findet sie erklärende Worte für sein Verhalten und bezeichnet ihn nicht als Betrüger, sondern als Menschen, der zu gutmütig ist und sich in problematische Sachen hat reinziehen lassen.

Und worin besteht die Widersprüchlichkeit?

Niemeyer ist nach meinem Eindruck eine ausgeprägte Spielernatur, Wagenknecht hingegen in gar keiner Weise. Sie ist eine klar kalkulierende, scharf denkende Person. Das passte also vom Charakter absolut nicht zusammen.

Lafontaine zeigt Wagenknecht den "Weg zum Realismus"

Mit Oskar Lafontaine hat Frau Wagenknecht nun offenbar den richtigen Partner gefunden. Wie wichtig war beziehungsweise ist er für ihre politische Laufbahn?

Schon sehr wichtig. Es ist ja kein Geheimnis, dass die beiden zu Zeiten der Gründung der Partei Die Linke auf unterschiedlichen Flügeln gestanden haben. Wagenknecht hatte ursprünglich die Angst, Lafontaine könnte die Linke sozusagen sozialdemokratisieren. Es ist ein sehr interessanter Prozess, wie die beiden zusammengefunden und gemerkt haben, dass sie auch politisch eigentlich sehr ähnliche Positionen vertreten. Die Wichtigkeit von Lafontaine besteht sicherlich darin, dass er seine Frau von diesem "seminar-marxistischen" Blick auf die Welt abgebracht und ihr den Weg zum Realismus gewiesen hat. Er hat sie in einem sehr positiven Sinne verändert.

Von Gregor Gysi, einem ihrer innerparteilichen Hauptgegner, ist mehrfach die Rede in dem Buch. Was hat er gegen Sahra Wagenknecht? Geht es um Politik oder auch um persönliche Eitelkeiten?

Ich habe ihn angeschrieben und um ein Gespräch gebeten, aber er hat abgelehnt. Daher kann ich das nur mit Vorsicht aus der Ferne beurteilen. Mir scheint deutlich zu sein, dass auch narzisstische Werte eine Rolle spielen, also wer etwa den besseren Auftritt in den deutschen TV-Formaten hat. Gregor Gysi war immer der Medienmann der Partei, in diesem Punkt hat ihm Sahra Wagenknecht ein bisschen den Rang abgelaufen. Man kann da schon von Eifersüchteleien sprechen.

Im März 2019 verkündete Wagenknecht, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Führungsspitze der "Aufstehen"-Bewegung und aus dem Fraktionsvorstand zurückzuziehen. Sie schreiben offen von Burn-out, aber auch, dass zwischen den Zeilen noch weitere Gründe für den Rückzug zu lesen seien. Können Sie das genauer erklären?

Sie hat sehr realistisch wahrgenommen, wie gering die Chancen mit der Linkspartei sind, ihre Vorstellungen tatsächlich umzusetzen. Zudem ist sie gross geworden mit Goethe, mit der klassischen Philosophie, insbesondere der Hegels, und hat ihren Marx komplett studiert, sie kam also als Theoretikerin in die Politik. Sowohl ihre Mutter als auch Oskar Lafontaine sagen, Sahra sei eigentlich keine Politikerin. Sie kann gut analysieren und Dinge durchdenken, aber ihr fehlt die Fähigkeit, eine Fraktion zu führen und mit Leuten geschickt umzugehen. Das sagt sie auch selber.

Was ist sie dann?

Ihre eigentliche Welt ist die der Wörter. Im Alter von vier Jahren hat sie sich selbst das Lesen beigebracht. Und während der Zeit ihres politischen Engagements hat sie gemerkt, wie sehr ihr die intensive Beschäftigung mit Philosophie und Literatur fehlt. Zwar wird sie weiter in ihrer Partei bleiben, aber sie hat erkannt, dass das Leben als Politikerin für sie ruinös ist. Nicht nur physisch, sondern weil ihre Hauptressource fehlte, die Wörter, die Literatur, die Philosophie. Sie kehrt also nun in ihre alte Welt zurück.

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Christian Schneider, Dr. phil. habil., Sozialpsychologe und Führungskräftecoach, gilt als Begründer der Disziplin „psychoanalytische Generationengeschichte“. Er lehrte an den Universitäten Hannover, Kassel, CEU Budapest und LMU München. Seit 2001 betreibt er eine Praxis für psychoanalytisches Coaching. Der Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu psychoanalytischer Kulturtheorie und vieler Porträts von Politikerinnen und Politikern lebt in Frankfurt am Main. Das Buch "Sahra Wagenknecht - Die Biografie" (256 Seiten) ist im Campus-Verlag erschienen.
Teaserbild: © picture alliance/Britta Pedersen/dpa