Schon einmal kamen Millionen Migranten in die Bundesrepublik. Sie halfen mit, die nach dem Krieg am Boden liegende Wirtschaft wieder ans Laufen zu bringen. Worin der Unterschied zur aktuellen Flüchtlingskrise - und was die "Zuwanderungswellen" verbindet.

Die Flüchtlingskrise als Chance. Davon sprechen die deutsche Politik, die Wirtschaft und die Industrie immer wieder. Sie monieren einen absehbaren Fachkräftemangel. Aber lässt sich diese Lücke einfach so mit Flüchtlingen schliessen? Eine Milchmädchen-Rechnung, sagen Kritiker.

Dennoch: Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie Deutschland schon einmal von Migranten profitierte. Das war in den 1950er und 1960er Jahren. Die Wirtschaft in der noch jungen Bundesrepublik kam nach dem Zweiter Weltkrieg und den anschliessenden Milliardeninvestitionen im Zuge des sogenannten Marshall-Plans langsam wieder ins Laufen.

Arbeitsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg essentiell

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Das Problem: Es fehlten Arbeitskräfte. "Zwischen 1955 und 1973 kamen 17 Millionen Arbeitskräfte nach Deutschland", schildert Prof. Dr. Jochen Oltmer im Gespräch mit unserer Redaktion. Oltmer ist Historiker an der Universität Osnabrück und für "Internationale Migration und Interkulturelle Studien" zuständig.

Er hat sich hinreichend mit Arbeitsmigration beschäftigt, kann vergleichen - zwischen damals und heute. Seine Erkenntnis: Früher lief die Migration das ganz anders als heute.

Bis 1973 wurden aktiv Arbeitskräfte im Ausland angeworben. Es gab einen Riesen-Bedarf an Arbeitskräften in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft. Italiener, Spanier, Portugiesen, Griechen und Türken kamen. Sie nutzten die Chance, in Deutschland Geld zu verdienen "und dann wieder zurückzukehren. Elf Millionen gingen wieder".

Die Gastarbeiter "waren im hohen Grade leistungsbereit, weil sie wussten, dass sie in kurzer Zeit viel Geld erarbeiten konnten", erklärt Oltmer.

Deshalb hätten sie auch Stellen angenommen, die Deutsche abgelehnt hätten. Jobs, wie es sie vor allem in der Metallindustrie gab. In dieser herrschten miserable Arbeitsbedingungen bei hohen Temperaturen und Schichtdienst. "Deutsche waren angesichts der Vollbeschäftigung nicht mehr bereit dazu", sagt er.

Ende der 1960er Jahre hätten die Gastarbeiter dann eine stärkere Neigung entwickelt, zu bleiben. Und genau hier liege der entscheidende Unterschied zu heute.

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Die damalige Bundesregierung blockierte anschliessend den Zuzug durch Massnahmen wie den Anwerbestopp oder Rückkehrprämien. Den Arbeitskräften sollte gezeigt werden, dass sie nur auf Zeit geholt worden waren. "Diese politische Entscheidung wirkte sehr stark in die Gesellschaft", erklärt er.

Die Folge: Eine vielerorts überschaubare Akzeptanz oder sogar eine offener Ablehnung der Zuwanderer. "Ihnen wurde gezeigt: Wir wollen Euch nicht auf Dauer!" Viele hätten sich deshalb nicht anerkannt gefühlt.

Der Unterschied heute: "Das Engagement und die Hilfsbereitschaft machen deutlich", sagt Oltmer, "dass es nun die Bereitschaft dazu gibt, auf die Migranten zuzugehen". Warum? Nicht zuletzt sei Deutschland sehr vielfältiger geworden als es noch in den 1960er Jahren war.

Die deutsche Gesellschaft habe sich gegenüber anderen Lebensstilen und Identitäten, gegenüber Fremden geöffnet, führt Oltmer weiter aus. Häufig werde dabei sogar übersehen, "dass es ganz viele soziale Aufstiege" ehemaliger Gastarbeiterfamilien gebe. "Die zweite, dritte Generation ist teils sehr erfolgreich, übernimmt verantwortungsvolle Positionen."

Dennoch: Noch die Elterngeneration sei zwar an den Arbeitsplätzen schnell integriert gewesen. In Vereinen oder Verbänden sehe das bis heute aber anders aus, ganz zu schweigen etwa bei Themen wie der Wohnungssuche.

Welche Chancen heute in der Zuwanderung liegen

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Unabhängig davon könne die Arbeitsmigration von damals in ihrem Ursprung nicht mit der Flüchtlingskrise von heute verglichen werden. "Damals wurden Arbeitskräfte in Kooperation mit den Herkunftsländern bewusst angeworben", sagt er. "Jetzt resultiert die Zuwanderung vor allem aus dem Bürgerkrieg in Syrien."

Ersten Erhebungen zufolge hätten viele der aktuellen Flüchtlinge und Asylsuchenden - gerade kam der Millionste nach Deutschland - einen geringeren Bildungsstand. Unklar sei zudem, wie viele überhaupt bleiben dürften - und auch wollen.

Dennoch sieht Oltmer auch heute eine Chancen in der Zuwanderung: Erstens sind laut Oltmer viele Flüchtlinge Kinder und Jugendliche mit "erheblichen Potenzialen". Und der drohende Fachkräftemangel ist nun einmal ein Fakt.

Zudem zeige zeige die Hilfsbereitschaft vieler Millionen, dass sich die deutsche Gesellschaft tendenziell noch weiter öffnet. "Seit Jahren ändert sich fundamental, was es heisst, Deutscher zu sein", erklärt er.

Es ist wohl das bemerkenswerteste Ergebnis von Zuwanderung nach Deutschland. Und vielleicht auch das, wodurch Deutschland am meisten profitiert.

Prof. Dr. Jochen Oltmer, Jahrgang 1965, habilitierte 1995 in Neuerer und Neuester Geschichte. Seit 2006 arbeitet er als Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Seit 2011 ist er Studiendekan des Masterstudiengangs "Internationale Migration und Interkulturelle Studien". Der Historiker dient deutschen Meinungsmedien seit Jahren als Experte zum Thema Arbeitsmigration.