Viele Flüchtlinge kommen inzwischen über die Westbalkanroute nach Europa – vor allem aus dem umkämpften Syrien. Doch auch in Afrika machen sich wieder mehr Menschen auf den gefährlichen Weg in die EU.

Noch im vergangenen Jahr beherrschten die Schreckensmeldungen von gekenterten Booten auf dem Mittelmeer die Schlagzeilen. Inzwischen hat sich die Aufmerksamkeit aber nach Osten verlagert.

So viele Menschen wie noch nie fliehen vor Krieg und Armut. Aus ihrer Not erwächst ein riesiger Wirtschaftszweig, der weltweit Milliarden umsetzt: Schlepper lassen sich für gefährliche Fahrten Tausende Dollar zahlen. Und sie behandeln ihre Kunden teilweise wie Vieh, wie Flavio di Giacomo von der Internationalen Organisation für Migration erzählt.

Dorthin, wo Flüchtlinge zu Zehntausenden über die Grenzen drängen – um Krieg und Verfolgung in Syrien und dem Irak durch die Terrormiliz Islamischer Staat zu entkommen.

Gründe für lebensgefährliche Reise

Doch noch immer riskieren Menschen ihr Leben, durchqueren die Sahara und setzten sich in überfüllte, nicht seetaugliche Schiffe, um von Libyen aus das Mittelmeer zu überqueren. Und das nicht ohne Grund.

Laut des Europäischen Unterstützungsbüros EASO sind allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 892.000 Flüchtlinge nach Europa gekommen.

Die Behörde rechnet damit, dass nach den Auswertungen der Zahlen von Oktober bereits die Ein-Millionen-Marke durchbrochen sein wird. Für die kommenden drei Jahre werden nach Angaben der EU-Kommission drei Millionen Flüchtlinge erwartet.

Ein grosser Teil kommt inzwischen über die sogenannte Westbalkanroute. Doch die Zahl der Menschen, die aus afrikanischen Staaten nach Europa kommen, steigt monatlich.

So nahmen die Anträge von Eritreern zwischen August und September um 65 Prozent zu, Nigerianer stellten 49 Prozent mehr Anträge.

15 Millionen Afrikaner auf der Flucht

Autokraten wie Robert Mugabe regieren ein Drittel der Menschheit.

Insgesamt sind in Afrika nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks etwa 15 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele werden von Nachbarstaaten oder in anderen Landesteilen aufgenommen. Aber ein Teil macht sich auch nach Europa auf.

"Die Lebensverhältnisse in vielen Ländern sind einfach katastrophal", sagt der Europaabgeordnete Norbert Neuser, in der SPD-Fraktion zuständig für Entwicklungspolitik.

Es fehlt an funktionierenden Gesundheitssystemen, Infrastruktur und Bildungssystemen. Doch oft sind Unterdrückung und Gewalt das viel grössere Problem.

Lebenslanger Militärdienst droht

So sind aus Eritrea seit 2012 etwa 100.000 Flüchtlinge nach Europa gekommen, etwa 220.000 sind in Nachbarländer geflohen. In Deutschland waren im vergangenen Jahr 13.000 angekommen. Ihre Anerkennungsquote liegt bei 77 Prozent.

Zwar ist das Land seit 1993 unabhängig, doch ebenso lange regiert Präsident Isayas Afewerki. Junge Männer müssen auf unbegrenzte Zeit Militärdienst leisten. Von ihrem Sold aber können sie weder leben, noch ihre Familien versorgen.

Auch Nigeria ist ein Sorgenkind Afrikas. Etwa 2,2 Millionen Menschen haben sich aus dem Nordosten des Landes, wo die Terrormiliz Boko Harram ihr Unwesen treibt, in andere Landesteilte geflüchtet.

Etwa 180.000 Nigerianer haben ihr Land verlassen. 20.000 kamen 2014 nach Europa. Für dieses Jahr werden deutlich höhere Zahlen erwartet.

Instabilstes Land der Welt

Wenig besser ist die Lage im Südsudan. Das Land wird von der Nichtregierungsorganisation "Fund of Peace" derzeit als instabilstes Land der Welt gehandelt. 2011 hat sich Südsudan für unabhängig erklärt. Doch ein Bürgerkrieg erschüttert das Land.

1,65 Millionen Menschen haben deshalb ihre Heimatorte verlassen, um anderswo im Land Schutz zu suchen. 775.000 sind in Nachbarländer geflohen.

Somalia, das zweitinstabilste Land der Welt, gilt als "gescheiterter Staat". Denn seit 1991 die Diktatur gestürzt wurde, ist es nicht gelungen, eine Zentralregierung zu bilden.

Seit 2012 steht Präsident Hassan Sheikh Mahmoud an der Spitze des Landes, doch gegen die Unruhen, die die Al-Shabaab-Miliz immer wieder verursacht, ist er machtlos.

Unzählige Todesopfer, unsägliches Leid

Eine Million Menschen ist vor der anhaltenden Gewalt in ihrer Heimat geflohen, aber auch vor dem Hunger: Während der Hungersnot zwischen 2010 und 2012 hat eine Viertelmillion Menschen ihr Leben verloren. Wer fliehen konnte, lebt heute in Kenia, Äthiopien oder dem Jemen.

Brennpunkte sind aber auch die Zentralafrikanische Republik, wo es immer wieder zu Kämpfen kommt. Ebenso wie der Kongo, in dem Gewalt und Gesetzlosigkeit herrschen.

Innerhalb der Landesgrenzen sind 2,75 Millionen Menschen auf der Flucht, eine halbe Million hat sich in Nachbarländer abgesetzt. Gambia, der kleinste Staat des afrikanischen Festlandes, wird seit einem unblutigen Putsch 1994 von Präsident Yahya Jammeh regiert.

In den vergangenen Jahren nahmen Festnahmen und Folter von Oppositionellen stark zu, Homosexuelle müssen mit Verfolgung und Gewalt rechnen. Die EU hat die Entwicklungshilfen für das Land bereits auf Eis gelegt.

Entwicklungshilfe soll Perspektiven schaffen

Doch beim aktuellen EU-Afrika-Flüchtlingsgipfel auf Malta geht es darum, die Entwicklungshilfe in Afrika zu verstärken, um für Stabilität zu sorgen und vor allem wieder Perspektiven zu schaffen.

Denn die Bevölkerung wächst in vielen Staaten sehr schnell, die Arbeitslosigkeit ist besonders unter jungen Menschen hoch.

Deshalb sehen es viele Staatschefs lieber, dass ihre junge Bevölkerung auswandert, anstatt im eigenen Land gegen den Status quo zu demonstrieren.

Zudem profitieren die Machthaber vom Devisengeschäft: Denn wer es bis nach Europa geschafft hat, überweist meist Geld nach Hause. 27 Milliarden Euro wurden nach Angaben der Weltbank allein im vergangenen Jahr aus Europa nach Afrika überwiesen.

Kritische Geldpolitik

Nigeria alleine profitierte von 17 Milliarden Euro – was vier Prozent seiner Jahreswirtschaftsleistung entspricht. Da lockt ein Treuhandfonds, den die EU mit 1,8 Milliarden Euro ausgestattet hat, und in den die Mitgliedsstaaten noch einmal denselben Betrag einbringen sollen, wenig.

Zugleich sehen Menschenrechtsorganisationen die Geldpolitik mit Afrika kritisch. Amnesty International befürchtet, dass über bilaterale Abkommen mit afrikanischen Staaten Menschenrechtsverletzungen gefördert werden könnten, da sie nur ungenau in den Verträgen behandelt werden.

Human Rights Watch warnt davor, dass Gelder Institutionen und Behörden zugutekommen, die eine Missbrauchsvergangenheit haben.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz forderte deshalb, die Entwicklungsarbeit von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit abhängig zu machen. Noch aber ist nicht bekannt, wie die Gelder genau verwendet werden sollen.

Klar ist für den Europaabgeordneten Neuser, dass "Geld nur langfristig eine Lösung sein kann".