Etwas bang hat Frankreich auf diesen Tag gewartet. Gewerkschaften haben zu einer Art Generalstreik aufgerufen, nun treten Tausende in den Ausstand. Fast alle Züge im Nah- und Fernverkehr stehen still.

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Massive Streiks gegen die geplante Rentenreform haben in Frankreich den öffentlichen Verkehr fast komplett lahmgelegt. Zehntausende Menschen gingen im ganzen Land auf die Strasse. In der Hauptstadt Paris fuhren am Donnerstag fast keine Metros, die meisten Linien wurden nicht bedient, Bahnhöfe waren geschlossen.

Auch Sehenswürdigkeiten wie der Eiffelturm blieben zu. Bei der Staatsbahn SNCF legten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter die Arbeit nieder. Etliche Lehrer traten ebenfalls in den Ausstand. Auch Reisende in Deutschland waren von den Streiks betroffen.

Zahlreiche Gewerkschaften hatten im Konflikt um die geplante Rentenreform zu den branchenübergreifenden Streiks aufgerufen. Auch im öffentlichen Dienst, in Krankenhäusern oder der Justiz waren Streiks geplant.

Behörden befürchteten Ausschreitungen

Mit der Rentenreform will die Mitte-Regierung die Zersplitterung in 42 Einzelsysteme für bestimmte Berufsgruppen beenden. Sonderregeln, die von anderen oft als Privilegien gewertet werden, gibt es zum Beispiel für Eisenbahner oder Mitarbeiter der Energiewirtschaft.

So können Bahnfahrer in Paris theoretisch mit Anfang bis Mitte 50 in Rente gehen; das normale Renteneintrittsalter liegt bei 62 Jahren. Künftig soll ein Punktesystem die Höhe der Rente mitbestimmen. Ausserdem soll es Anreize geben, länger zu arbeiten

In der Hauptstadt Paris sammelten sich am Mittag zahlreiche Demonstranten zu einem grossen Protest. Die Behörden befürchteten, dass sich Randalierer unter die Demonstranten mischen könnten und es wieder zu Ausschreitungen kommt. Allein in Paris waren 6.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Auch in anderen Städten des Landes versammelten sich die Menschen - etwa in Nantes oder Marseille.

Die französische Staatsbahn hatte angekündigt, dass nur rund einer von zehn Schnellzügen TGV am Donnerstag fahren werde. An grossen Pariser Bahnhöfen herrschte am Morgen gähnende Leere. Nach Angaben der SNCF haben knapp 86 Prozent der Fahrer und 73 der Schaffner die Arbeit niedergelegt. Auch im Luftverkehr kam es zu Behinderungen. Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP wollen ihren Ausstand bis mindestens Montag verlängern, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die Gewerkschaften berichtete.

Einschränkungen für Paris-Touristen

Der grosse Streik hat auch Auswirkungen auf Reisende in Deutschland. An Streiktagen fänden keine Zugfahrten von und nach Frankreich statt, teilte die Deutsche Bahn mit. Betroffen seien die ICE-Verbindungen von Frankfurt über Mannheim und Saarbrücken nach Paris sowie von München über Stuttgart und Strassburg nach Paris, ebenso die TGV-Verbindung Frankfurt-Mannheim-Strassburg-Marseille. Auch die Lufthansa rief Frankreich-Reisende auf, sich im Internet zu informieren.

Der Massenprotest trifft auch Paris-Touristen: Im Eiffelturm gibt es nicht ausreichend Personal, um die Touristenattraktion an der Seine zu öffnen, wie die Betreibergesellschaft Sete mitteilte. Der 130 Jahre alte Turm wird jährlich von rund sieben Millionen Menschen besucht. Pariser Museen wie der Louvre hatten bereits vor den Streiks vor Einschränkungen für Besucher gewarnt. Das Impressionisten-Museum Musée d'Orsay bestätigte via Twitter, es bleibe geschlossen.

Nach den "Gelbwesten"-Protesten ist die Rentenreform die nächste grosse Herausforderung für Präsident Emmanuel Macron und ein durchaus heikles Vorhaben. In Frankreich fürchten nun viele einen Streik wie zuletzt 1995. Damals wurde wochenlang gegen die Renten- und Sozialversicherungsreform des damaligen Premierministers Alain Juppé protestiert. Auch der aktuelle Streik könnte sich hinziehen.  © dpa

Mit gelben Westen gegen Macron

Vor einem Jahr, am 17. November 2018, begannen die ''Gelbwestenproteste'' in Frankreich. Jeden Samstag kommen tausende Menschen in verschiedenen französischen Städten zusammen und demonstrieren gegen die Politik der Regierung. Sie kämpfen gegen Sozialabbau und fordern mehr Bürgerbeteiligung.