Am Montagabend diskutiert Moderator Frank Plasberg mit seinen Studio-Gästen bei "Hart aber fair" über die aktuelle Lage in der Ukraine und die Rolle des Westens. Müssen wir ohnmächtig danebenstehen oder gibt's noch weiteren Handlungsspielraum? Über weite Teile erstreckt sich die Sendung mit kaltem Kaffee, bis mit China, EU-Mitgliedschaft und Angebote an Wladimir Putin Themen auf den Tisch kommen, die Konfliktpotential bergen.

Eine Kritik
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Die erste Runde der Verhandlungen zwischen Delegationen aus Moskau und Kiew ist beendet – offenbar ergebnislos. Unterdessen sind laut UN bereits mehr als 500.000 Menschen aus der Ukraine geflohen, ukrainische Behörden melden mehr als 350 tote Zivilisten. Die Schweiz übernimmt die EU-Sanktionen gegen Russland, weltweit demonstrieren Menschen gegen den Krieg Putins. Ein Ende ist jedoch noch nicht in Sicht.

Das ist das Thema

Schreckliche Bilder gehen um die Welt: Panzer in der Hauptstadt Kiew, Rauchwolken nach Bombenexplosionen, überfüllte Bahnhöfe mit Menschen, die zu flüchten versuchen - und das mitten in Europa. Deutschland bekundet Solidarität, verhängt mit der EU scharfe Sanktionen – und liefert inzwischen sogar Waffen an die Ukraine.

Frank Plasberg wollte unter dem Thema "Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?" von seinen Gästen wissen: "Wie lange hält die Ukraine Putins Russland Stand?" und "Kommen die Waffen des Westens zu spät, schrecken die Sanktionen Putin nicht ab?". Und auch: "Leben wir nun in einer Welt, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt?"

Das sind die Gäste bei "Hart aber fair"

Michael Roth (SPD): Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses war sich sicher: "Putin hat die tapferen Menschen in der Ukraine und den Westen unterschätzt." Zwar drohe der Kreml-Chef mit Atomraketen, moralisch und politisch habe Putin aber längst verloren. "Die meisten Russen wenden sich zunehmend ab", analysierte Roth. Weil die ukrainische Regierung sich so verantwortungsvoll verhalte, wirke die "hässliche Fratze von Putin noch abscheulicher", befand der SPD-Politiker und plädierte dafür, der Ukraine eine EU-Perspektive zu eröffnen.

Udo Lielischkies: "Mit der Invasion hat Putin Europa gezwungen, sich wieder seiner Werte zu besinnen und danach zu handeln. Allerdings wirklich viel zu spät", sagte der ehemalige Leiter des ARD-Studios in Moskau. Er erwartet nun eine "sehr hässliche Phase" des Krieges. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin in irgendeiner Weise einlenkt und wirklich verhandeln will", sagte der Journalist. Man müsse ihm dennoch eine Chance geben, "halbwegs gesichtswahrend" wieder vom Baum herunterzukommen.

Sabine Fischer: Die Russland-Expertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) hält deutsche Waffenlieferungen für richtig, aber für zu spät. Die Gespräche zwischen Kiew und Moskau bezeichnete die Politologin als "Fake-Verhandlungen", Russland meine sie "in keinster Weise" ernst. "Russland ist vom ukrainischen Widerstand völlig überrascht worden", analysierte Fischer. Weil Putin innenpolitisch mit dem Krieg nicht punkten könne, wachse in Russland eine unzufriedene Minderheit.

Hans-Lothar Domröse: Der ehemalige Nato-General war überzeugt: "Putin scheint mit seinem Blitzkrieg stecken geblieben zu sein." Wer so früh das grosse Besteck rauslege, der müsse verzweifelt sein, sagte er mit Blick auf die Nuklearwaffen. "Das ist aber kein Grund zur Freude, denn ein Wahnsinniger, der in die Enge getrieben wird, ist leider unberechenbar", erklärte Domröse weiter. Wenn die Ukrainer sich offen auf dem Schlachtfeld stellten, seien sie gegen eine Hightech-Armee verloren. "Sie müssen partisanenartig immer wieder Stiche ausführen und damit den Angriffsschwung nehmen", sagte Domröse.

Gabor Steingart: Der Journalist war sich sicher: "Wir vergessen in vielen unserer Analysen die Chinesen." Xi Jinping könne Putin den Stecker ziehen. "China ist wichtigster Handelspartner und Ölabnehmer", erinnerte Steingart. Die Bundesregierung kritisierte er: "Wenn die Ukraine sagt, ihr tut mehr mit den Lippen als mit den Händen, dann hat sie recht." Schliesslich kämen die 100 Milliarden für die Bundeswehr der Ukraine nicht mehr zugute und die Energiebeziehungen mit Russland blieben bei den Sanktionen unberührt

Andrij Melnyk: "Wir sind nicht bereit zu kapitulieren oder zu Zugeständnissen, die unser Volk nicht tragen kann", sagte der ukrainische Botschafter in Deutschland. Bei den Sanktionen seien zu viele Schlupflöcher gelassen worden, die Waffenlieferungen hätten zu lange gedauert. "Man darf uns nicht so schnell aufgeben und abschreiben", forderte Melnyk. Die Themen, die bislang aus Moskau gekommen seien, seien für Kiew allerdings nicht verhandelbar.

Das ist der Moment des Abends

Gerade war die Diskussion ins Stocken gekommen, da stellte Journalist Lielischkies fest: "Wir reden im Grunde immer wieder über dasselbe Thema." Dabei wolle man stets aufs Neue herausfinden: "Was geht in diesem Putin vor? Was macht der? Gibt es noch Fragmente von Rationalität bei der Abwägung von Folgen?"

Lielischkies lieferte auch gleich das alternative Szenario mit: Es könne nämlich auch sein, dass Putin an einem Punkt sei, an dem er sage: "Das ist jetzt mein grosses Endspiel, ich will als 'Wladimir der Grosse' in die Geschichte eingehen" – und das bedeute für den Kreml-Chef mindestens die Wiedervereinigung von Russland mit der Ukraine und Belarus.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Eigentlich wollte Politologin Fischer direkt auf die Aussagen von Journalist Steingart eingehen, aber Plasberg grätschte ihr dazwischen und machte an einer anderen Stelle weiter. Schon während Steingart vorschlug, man müsse die Gebiete in der Ostukraine im Zweifelsfall als russisch anerkennen, schüttelte Russland-Expertin Fischer vehement den Kopf.

Als sich ihr dann endlich die Chance bot, holte sie aus: "Das, was Sie gesagt haben, was man Putin anbieten könnte, kann man so unmöglich stehen lassen", entgegnete sie Steingart. Es sei völlig inakzeptabel, "wenn von Berlin aus darüber nachgedacht wird, was man Russland anbieten könnte an Gebietseinheiten von Staaten, die zwischen Deutschland und Russland liegen", sagte sie.

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Ein wirklich roter Faden verlief nicht durch die Sendung am Montagabend und auch die grossen Reibereien blieben aus. Dabei hätte es durchaus Potential gegeben: Beispielsweise, als Journalist Steingart China als dritten Player ins Spiel brachte oder der mögliche EU-Beitritt der Ukraine auf den Tisch kam.

Anstatt das zu vertiefen, sprang Plasberg stets zu schnell zum nächsten Thema. "Ist der Begriff 'Friedensverhandlungen' zu optimistisch?" oder "In Deutschland fallen Tabus, beeindruckt das Putin?", wollte er beispielsweise wissen. Keine unwichtigen Fragen – aber anstatt Steingart über seinen Besuch in Putins Privatresidenz berichten zu lassen, hätte er lieber Politologin Fischer im entscheidenden Moment zu Wort kommen lassen sollen.

Das ist das Ergebnis

Die Frage nach Putins konkreter Motiv- und Interessenslage bleibt weiterhin offen, zumindest abseits der bereits breitdiskutierten Theorien. Russlands Angst vor Demokratie, Putins womöglicher Wunsch, in die Geschichtsbücher einzugehen, die Sicherheitsinteressen – all das wurde schon einmal durchgekaut.

Spannend wurde es, als es um die Angebote an Putin ging – hier herrschte nämlich Konfliktpotential. Mit China als Akteur und der EU-Mitgliedschaft der Ukraine wurden weitere Punkte angesprochen, die es sich auszuführen lohnt.

Verwendete Quellen:

  • ARD: "Hart aber Fair" vom 28.02.2022

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