Ein Cent Gewinn für ein Kilo Kartoffeln - Bauer "Willi" Schillings "hat die Schnauze voll" und schreibt einen Wutbrief an die deutschen Verbraucher. Günther Jauch nimmt das zum Anlass, um in seiner Sendung über Lebensmittelpreise zu diskutieren. Die Debatte zeigt: Landwirte und Handel liegen in ihren Vorstellungen weit auseinander.

Was ist das Thema?

"Lieber Verbraucher! Du hast keine Ahnung und davon ganz viel. Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Landwirte von unserer Hände Arbeit leben müssen? Heute habe ich dermassen die Schnauze voll." Mit diesen Worten beginnt der Wutbrief von Ackerbauer "Willi" Schillings auf seiner Internetseite. Er richtet sich direkt an die Verbraucher. Seine Botschaft: Nur, weil ihr immer noch günstigere Lebensmittel wollt, verdienen wir nicht mehr genug Geld zum Leben. Offenbar steht er mit seiner Haltung für die Meinung vieler Kollegen. Auch unter den Bürgern polarisiert seine Ansage - sie wird innerhalb kürzester Zeit hunderttausendfach abgerufen. Arbeit, die sich für Landwirte nicht mehr lohnt? Sind die Deutschen nicht bereit dazu, mehr für Lebensmittel zu bezahlen? Und ist Bio die Lösung? Günther Jauch diskutiert diese Fragen in seiner Talk-Sendung in der "ARD".

Hart aber fair diskutiert, ob Promis es vor Gericht leichter haben.

Wer sind die Gäste?

Zum einen ist da Ackerbauer "Willi" Schillings. Und der hat offenbar wirklich die Schnauze voll. Er nennt die Verbraucher schizophren, weil sie sich über Massentierhaltung und Kunstdünger beschwerten, um dann zum Discounter zu gehen und Hühnchen für 2,79 Euro zu kaufen. Wie sollte es anders sein: eine Grünen-Politikerin ist mit dabei. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Sie redet mitunter ganz schön am Thema vorbei. Handelsexperte Prof. Dr. Thomas Roeb wirkt dagegen wie ein Lobbyist. Er erklärt, dass in jedem Land, in dem der Wohlstand steige, die Ausgaben für Lebensmittel sinken - für die Bauern hat er wenig Zuspruch übrig. Ebenso wenig Unternehmer Jürgen Abraham, der schildert, wie einst sein Bio-Schinken scheiterte, weil die Konsumenten dafür nicht 40 Prozent mehr bezahlen wollten. Und dann ist da noch Buchautorin Tanja Busse. Sie geht von Beginn an auf Konfrontationskurs. Jauch dürfte dankbar dafür sein. Denn Bauer Schillings kommt im TV vor Millionenpublikum mehr schüchtern als wütend rüber.

Was war das Rede-Duell des Abends?

Abraham gegen Busse, lautet dieses. Künast ist eigentlich prädestiniert für sowas. Doch die Bundestagsabgeordnete verliert sich in Forderungen nach einheitlicher Kennzeichnung, woher die Lebensmittel stammen. Dabei ist das gar nicht das Thema. Also liegt es an Busse, für Zündstoff zu sorgen. Sie geht für Schillings voran, weil sich dieser offenbar eine zu diplomatische Strategie zurecht gelegt hat. Sie attackiert Abraham. Sie wirft ihm vor, die Arbeitgeber aus der Branche würden Preisabsprachen treffen. "Bauern nicht für ihre Arbeit bezahlen. Das ist doch nicht normal", meint sie harsch. "Da müssen Sie jetzt aber aufpassen", entgegnet ihr Abraham und unterstellt ihr eine schlechte Recherche. Busse wehrt sich, Abraham fällt ihr ins Wort. "Ich lasse Sie auch ausreden", meint sie sauer. Hitzig wird es, als Abraham erklärt, dass die Bauern selbst schuld an der Preisspirale seien. Demnach würden die Genossenschaftsmolkereien der Landwirte mit den Discountern billige Preise verhandeln. Busse wettert nun in einem Monolog über Burnout bei Kühen, dass diese heruntergemolken würden und dies direkt auf die Schlachtbank führe. "Solch eine Milch wollen die Kunden nicht."

Was war der Moment des Abends?

Schillings braucht Zeit, wagt sich dann aber doch aus der Deckung. Er schildert, wie dumm die Bauern manchmal vor ihren Abnehmern stünden. "Der Händler sagt dann: Was bringst du mir hier für einen Scheiss", erzählt er. Wilde Diskussionen brechen los. Für wenige Sekunden ist es ein heilloses Durcheinander. Der Moment ist so markant, weil Schillings, der sonst sehr redegewandt ist, dezent die Contenance verliert. Es dürfte beispielhaft für die Stimmung unter den Bauern sein. "Welches Gehirn hat sich ausgedacht, Preise für Milch um vier Cent zu senken", sagt er und wird deutlich. Er wettert in Richtung Roeb und Abraham - unterstützt von Busse. Würde man das Standbild festhalten, es stünde symptomatisch dafür, wie weit die Positionen auseinander liegen. "Den Bauern fehlt das Geld, das sind die entscheidenden vier Cent", meint Busse.

Wie hat sich Jauch geschlagen?

Offenbar ist dem 58-jährigen Entertainer die Sendung zeitweise zu lasch. Deswegen bringt er Würze rein. "Laut, nicht flüstern", meint er zu Schillings, als dieser seinen Standpunkt vertreten will. "Künast ist nicht romantisch und legt wert darauf", sagt er, als die Grünen-Politikerin abschweift. Dennoch: Die Diskussion folgt keinem roten Faden, ist mitunter konfus, weil die Eingangsfrage aus dem Blick gerät. Das kennt man von Jauch anders. "Ich möchte noch mal zum Kern unserer Debatte zurückkommen", sagt er, als er merkt, dass die Sendung nur noch wenige Minuten dauert.

Was ist das Ergebnis?

Keine klare Linie, kein Resultat. Der zwischenzeitlich interviewte Landwirt Theo Wessels, der im Publikum sitzt, fragt nach einem Mindestpreis für Lebensmittel. Antwort bekommt er keine. Künast rät ihm: "Machen Sie den Leuten vom Bauernverband Feuer unterm Hintern." Auch, ob Bio die Lösung sei, wird nicht beantwortet. Wirtschaftswissenschaftler Roeb verneint, diese Produkte machten nur 7,5 Prozent des Gesamtmarktes aus, schildert er. Er und Abraham haben offenbar kein Interesse daran, dass das Thema zu sehr aufgebauscht wird. Die Gegenseite aber wirkt mehr resigniert denn kämpferisch. Es gebe keine realistische Chance auf Bio umzustellen, meint Schillings. "Nur, wenn sich am Verbraucherverhalten was ändert." Wie gross seine Hoffnung sei, wird er von Jauch abschliessend gefragt. "Nach diesem Abend relativ gering", antwortet er. "Es ist nicht nur über den Preis zu reden. Es reicht nicht, nur einen Erkenntnisgewinn zu haben. Das hat auch schon Adenauer gesagt."