Mehr als einen Handschlag für die Fotografen gab es für die Öffentlichkeit noch nicht vom zweiten Treffen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un mit US-Präsident Donald Trump. Nun aber beginnt der wichtige Teil abseits des Blitzlichtgewitters. Kim und Trump müssen auf politischer Ebene beweisen, dass ihr Treffen mehr zu bieten hat als reine Symbolik und Inszenierung.

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Das "Metropole" ist in Hanoi eine der allerersten Adressen, seit einem Jahrhundert schon. Wenn sich in Vietnams Hauptstadt der Nachmittag dem Ende zuneigt, kommen auch Leute in das Fünf-Sterne-Hotel, die sich die Zimmerpreise nicht leisten können.

Zur Happy Hour gibt es die Cocktails billiger. Auch den legendären "Martini Graham Greene", den Drink des Hauses, benannt nach einem der vielen berühmten Gäste, dem englischen Schriftsteller.

Am Mittwoch jedoch blieben Hanois Society und gewöhnliches Volk aussen vor. Pünktlich zur Happy Hour - Ortszeit 18.28 Uhr - traf sich im "Metropole" das schillerndste Paar der gegenwärtigen Weltpolitik: US-Präsident Donald Trump und sein neuer "Freund", Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un.

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Worüber Donald Trump und Kim Jong Un in Hanoi sprechen

Zum zweiten Mal nach Sommer 2018 treffen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un im Rahmen eines politischen Gipfels aufeinander. Zwei der mächtigsten - und somit auch gefährlichsten - Männer der Welt wollen Signale des Friedens aussenden.

Acht Monate nach dem ersten Gipfel in Singapur zelebrierten die beiden in Hanoi ihr grosses Wiedersehen. Gewissermassen auch eine glückliche Stunde.

Die Kulisse: sechs amerikanische, sechs nordkoreanische Flaggen. Der Auftritt: Trump von links, Kim von rechts. Der Handschlag: zehn Sekunden. Beide Gesichter: gerötet.

Trump will den Friedensnobelpreis

Anfangs wirkten die zwei ziemlich angespannt. Dann setzte Trump - 72 inzwischen, breite Krawatte in schwarz-pink, Pin mit US-Flagge am Revers - sein Haifisch-Lächeln auf. Aus der Hoffnung, ein Erfolg bei den Korea-Gesprächen könnte ihm den Friedensnobelpreis einbringen, macht er keinen Hehl mehr.

Kim - etwa halb so alt wie sein Gegenüber, genau weiss das niemand - trug seinen zugeknöpften Funktionärsanzug. Dann lächelte er sein Gegenüber an.

Es muss Ewigkeiten her sein, dass er Trump einen "kranken, dementen Greis" nannte. Schliesslich sprachen beide noch ein paar Sätze in die Kameras. Nichts Bedeutendes, aber immerhin. Trump hört man häufig, aber seinen Gegenüber nicht.

Der US-Präsident meinte: "Es ist grossartig, wieder mit Ihnen zusammen zu sein. Unser grösster Fortschritt bislang ist, dass wir eine echt gute Beziehung haben." Kim entgegnete, indem er den US-Präsidenten für dessen "mutige Entscheidung" pries, einen Dialog zu beginnen. Und fügte hinzu: "Ich hoffe, dass wir alles erreichen, was die Leute erwarten."

Dann zogen sich die beiden im Hotel für eine "1:1-Conversation" zurück, wie das im Vokabular des Weissen Hauses heisst. Nur die Dolmetscher sind dann noch dabei.

Bedenken, dass Kim Trump über den Tisch zieht

Für manche auf amerikanischer Seite sind das Momente der Sorge. Auch in der US-Regierung gibt es Leute, die befürchten, ihr oberster "Dealmaker" könnte sich im Einzelgespräch von dem Mann aus Pjöngjang über den Tisch ziehen lassen.

Anschliessend das Abendessen. Trump hatte Aussenminister Mike Pompeo und seinen amtierenden Stabschef Mick Mulvaney an der Seite.

Kim kam ebenfalls mit Aussenminister, Ri Yong Ho, und mit seinem Chefunterhändler, den berüchtigten früheren Geheimdienstchef Kim Yong Chol. Das sind die Leute, die seit Monaten den Boden für die Zweitauflage des Gipfels bereiteten.

Tatsächlich sind die Dinge sehr kompliziert. Auch wenn das nicht unbedingt sein müsste. Wenn es stimmt, was der Fernsehsender CNN in Erfahrung brachte, verhandelten beide Seiten in Hanoi bis zuletzt auch noch über die Menüfolge. Schliesslich wurde es eine Mischung von Speisen aus West und Ost.

Aber letztlich sind das nun wirklich nicht die Dinge, auf die es ankommt. Tatsächlich steht viel auf dem Spiel. Trump behauptet sogar, dass sich sein Land und Nordkorea inzwischen im Krieg befinden würden, "mit potenziell Millionen getöteten Menschen", wäre er nicht Präsident geworden.

So weit muss man gewiss nicht gehen. Aber die Gefahr eines Krieges ist gesunken. Und immerhin hat Nordkorea seit als 15 Monaten keine Atomwaffen oder Raketen mehr getestet.

In Singapur hatte sich Kim grundsätzlich zu atomarer Abrüstung bereit erklärt. Im Gegenzug bekam er nicht näher definierte Sicherheitsgarantien versprochen.

Was bedeutet "Denuklearisierung" jetzt genau?

Zudem stellte Trump eine Lockerung der massiven Sanktionen in Aussicht, unter denen der immer noch ziemlich isolierte kommunistische Staat leidet.

Über die wichtigsten Dinge ist man sich aber noch längst nicht einig - auch nicht darüber, was genau der Begriff "Denuklearisierung" bedeutet. Im weitesten Sinne des Wortes heisst das atomare Abrüstung.

Beiden Seiten ist klar, dass nach dem eher symbolischen Auftakt vor acht Monaten nun mehr erwartet wird. Was könnte das sein? Denkbar wäre, dass Trump und Kim den Koreakrieg (1950-1953) in einer grossen Geste für formell beendet erklären.

Man muss nicht unbedingt sofort verstehen, was das nach mehr als sechs Jahrzehnten soll. Tatsächlich befinden sich beide Länder völkerrechtlich aber immer noch im Krieg miteinander.

Dies wäre also eine vertrauensbildende Massnahme von historischer Dimension - die zudem wenig kostet. Für einen richtigen Friedensvertrag müssten noch China und Südkorea dazu..

Möglich wäre auch, dass die USA und Nordkorea im jeweils anderen Land sogenannte Verbindungsbüros eröffnen - gewissermassen die Vorstufe zu Botschaften. Für zwei Länder, die noch nicht einmal diplomatische Beziehungen miteinander haben, wäre das ein wichtiger Schritt.

Auch über eine Schliessung des nordkoreanischen Atomkomplexes Yongbyon, die Zulassung von internationalen Atom-Inspekteuren und die Wiederaufnahme innerkoreanischer Wirtschaftsprojekte wird spekuliert.

Für die vielen Leute, die am Mittwochabend draussen vor dem "Metropol" warten, ist das aber ferne Politik. Sie wollen einen Blick auf die beiden Hauptdarsteller erhaschen.

Alles ist auch eine grosse Show, bewacht von Tausenden Männern in Uniform, nicht viel weniger Geheimpolizei in Zivil und auch den Dutzenden persönlichen Leibwächtern, die Kim und Trump dabeihaben.

Über all den amerikanischen, vietnamesischen und nordkoreanischen Wipfel hängen in Hanois auch Plakate mit stilisiertem Handschlag. Das soll die Hände von Kim und Trump symbolisieren. Aber wer genauer hinschaut, erkennt: Es ist aus älterer, klassisch sozialistischer Produktion. (dpa/mwo)

Die plötzliche Nähe zwischen Nordkorea und den USA stösst im politischen Amerika nicht ungeteilt auf Begeisterung. Dass ausgerechnet ein US-Präsident den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un seinen "Freund" nennt, wie es nun Donald Trump tat, dürfte das Unbehagen nicht beheben.

Teaserbild: © dpa