Interviews sind immer aufregend, vor allem, wenn sich in letzter Minute der Gesprächspartner ändert. Anders als geplant, wurde aus einem Einzelinterview mit Nora Tschirner ein Mehr-Parteien-Gespräch mit Regisseurin und Schauspielerin Karoline Herfurth. Es ging um ihren neuen Film "Wunderschön", um Kindererziehung, Rollenbilder und um zehn angefutterte Kilo.

Eine Kritik
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Mein Gott, ich hätte wirklich was gegen meine Augenringe tun müssen, bevor ich mit einer der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen ein Video-Interview führe. Aber bei meinem WLAN verabschiedet sich das Bild ohnehin bei spätestens Frage zwei.

Ich sitze also vor meinem Rechner und warte auf mein Gespräch mit Karoline Herfurth. Am 3. Februar wird ihr Film "Wunderschön" in die Kinos kommen. Und der Film ist wirklich wunderschön. Herfurth spielt nicht nur sehr authentisch die Rolle einer zweifachen, unzufriedenen Mutter, sie ist auch Regisseurin und Autorin des Films. Im Zentrum der Geschichte stehen fünf Frauen, die alle mit sich und den gängigen Schönheitsidealen kämpfen.

Aus Nora Tschirner wird Karoline Herfurth

Akribisch habe ich mir die 131 Filmminuten angeschaut und streberhaft mein Interview vorbereitet. Und um ehrlich zu sein, habe ich ein Interview mit Nora Tschirner vorbereitet, die in Herfurths Film die Rolle der unabhängigen und taffen "Vicky" spielt. Ich wollte mit ihr über die grossen Themen sprechen: über Gleichberechtigung in Familien, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Körperdruck und absurde Schönheitsideale. Wenn Tschirner gut gelaunt gewesen wäre, hätte ich sie auch gefragt, ob sie wirklich nicht als Kommissarin Kira Dorn zum "Tatort" zurückkommen wird. Aber sie war nicht gut gelaunt, sie war krank.

"Leider müssen wir das Interview mit Frau Tschirner absagen, aber Sie können nach wie vor am 'Round Table' mit Karoline Herfurth teilnehmen", sagt der PR-Agent am Telefon. "Das ist schade, aber kein Problem", erwidere ich. "So ein Mist, alles umsonst vorbereitet", denke ich.

So kommt es also, dass ich zu einer für mich unmöglichen Uhrzeit (um 16:45 Uhr ... wie war das mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch gleich?) versuche, mich in den sogenannten "Round Table" mit Karoline Herfurth einzuwählen. Dieses Gesprächsformat – mehrere Journalisten befragen einen Promi – ist schon im echten Leben eine, sagen wir, Herausforderung. In digitaler Form erinnert das Ganze sehr an einen Zoom-Elternabend des Kindergartens: Alle reden durcheinander, keiner sieht und/oder hört das, was er sehen oder hören soll. Wir sind drei Journalistinnen beziehungsweise Journalisten. 20 Minuten haben wir mit Herfurth, los geht’s.

Karoline Herfurth: "Ich habe auf sehr viel Genuss verzichtet"

Eine freundliche, bestimmte Moderatorin fordert uns der Reihe nach auf, unsere Fragen zu stellen. Ich fange an. Jetzt nur nicht verplappern: "Hallo Frau Herfurth. Ich leg direkt los. Besonders eindrücklich fand ich die Szene nach dem Rückbildungskurs ..." - das Bild friert ein, Karoline Herfurth kann mich nicht hören. Das geht ja gut los. Das WLAN findet zum Glück schnell zu alter Stärke zurück und ich beende meine Frage, in der es darum geht, warum Mütter gerade mit anderen Müttern so hart ins Gericht gehen, statt sich zu unterstützen. "Ich glaube, dass sich miteinander zu verbinden, sich zu unterstützen grundsätzlich etwas ist, was für Frauen erstaunlicherweise nicht selbstverständlich ist", sagt Herfurth. "Kindererziehung ist eine wahnsinnig grosse Aufgabe und Herausforderung und auch Überforderung für die Eltern" - wie recht sie hat. "Es ist ein Phänomen, dass Paare bis zur Elternschaft noch gleichberechtigter dastehen als danach. Die Aufgabe, Kinder grosszuziehen, lastet sehr einsam auf den Schultern der Eltern und da hauptsächlich auf der Mutter und das ist eine Überforderung. Ich glaube, aus dieser Überforderung entsteht ein grosser Druck, alles perfekt zu machen." Ich nicke zustimmend.

Normalerweise würde ich jetzt einhaken und sie fragen, wie Paare es schaffen können, gleichberechtigt zusammenzuleben, auch ein grosses Thema im Film. Aber jetzt ist meine Kollegin dran. Sie will wissen, warum Herfurth einen Film zum Thema Schönheit gemacht hat. Herfurth berichtet über ihre eigenen Erfahrungen und erklärt, dass sie schon als Kind angefangen hat, sich mit Idealen zu vergleichen. "Ich habe auf sehr viel Genuss verzichtet, mich sehr kontrolliert, sehr viel Sport gemacht, vieles nicht gegessen."

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so wichtig

Mein Kollege will wissen, wie Herfurth es findet, wenn sich Menschen einer Schönheitsoperation unterziehen. "Ich finde, es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Ich finde die öffentliche Diskussion, ob jemand richtig oder nicht richtig aussieht, nicht in Ordnung." Bäm. Herfurth führt ihre Gedanken zum Thema noch weiter aus, ich bin in meinen Gedanken aber schon bei meiner nächsten Frage. Das Gespräch hat sich mittlerweile weg von Familien- und hin zu Schönheitsidealen entwickelt. Da habe ich auch was in petto: "Um möglichst authentisch eine junge Mutter zu spielen, haben Sie für Ihre Rolle als 'Sonja' zehn Kilo zugenommen. Wie wohl haben Sie sich in Ihrem Körper gefühlt?"

Mittlerweile sind Ton und Bild bei Herfurth nicht mehr synchron, die Lippen bewegen sich, der Ton folgt hoffentlich bald: "Ich habe mich nicht unwohl gefühlt, ich habe mich anders gefühlt. Es war jetzt aber auch nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich zehn Kilo zugenommen habe, deswegen war es keine neue Erfahrung für mich." Diese Erfahrung teile ich. "Damit ich zehn Kilo zunehme, musste ich alle drei Stunden etwas essen und sollte mich nicht so viel bewegen. Das war für mich eher schwierig." Für mich klingt das traumhaft. Meine beiden Kollegen fragen auch noch etwas, ich kann dem aber nicht mehr folgen. Um ungestört und ohne Kinder auf dem Schoss sprechen zu können, habe ich meine Zimmertür abgeschlossen. Gegen selbige hämmern meine drei Kinder mittlerweile. Der Hungertod scheint nah.

"Danke, eure Zeit ist jetzt um", die Moderatorin schmeisst uns aus dem virtuellen Meetingraum, ich sitze vor einem schwarzen Bildschirm. Da soll noch mal einer sagen, solche Video-Interviews seien unpersönlich ... "Mama, komm jetzt da raus!"

"Kindererziehung ist eine wahnsinnig grosse Aufgabe und Herausforderung und auch Überforderung", Amen, Karoline Herfurth.

Der Film "Wunderschön" startet am 3. Februar in den deutschen Kinos. Im Zentrum der Geschichte stehen fünf Frauen, die sich – jede auf ihre eigene Art und Weise – an Schönheitsidealen und Optimierungswahn abkämpfen. Zum Ensemble gehören unter anderem Dilara Aylin Ziem, Emilia Schüle, Nora Tschirner und Martina Gedeck. Sie stellen zusammen mit Karoline Herfurth Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin, das Frausein an sich auf den Prüfstand.

Rolle gegen Schönheitsideale: Karoline Herfurth nimmt für Kinofilm zu

Im Kinofilm "Wunderschön" spielt Karoline Herfurth eine Mutter, die mit ihrem Körper nicht mehr zufrieden ist. Privat hat die 37-Jährige von "falschen Schönheitsidealen" die Nase voll. Diese Erkenntnis aber sei in ihr erst gereift. (Teaserbild: imago images/Sven Simon/FrankHoermann/)