• Die Geschichte um den Tod eines verhaltensauffälligen Jungen beruht auf Erfahrungen der Drehbuchautorin Karlotta Ehrenberg als Mutter und stellte besondere Anforderungen an die Kinderdarsteller.
  • Für Kommissarin Lena Odenthal ist "Marlon" der 75. "Tatort", inzwischen ermittelt Johanna Stern an ihrer Seite. Anlass für einen Rückblick auf die Zusammenarbeit der beiden und die Schulzeit von Schauspielerin Ulrike Folkerts.

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Wie es zu der Geschichte kam

Die Inspiration zu "Marlon" stammt aus der persönlichen Erfahrung von Drehbuchautorin Karlotta Ehrenberg: "In der Klasse meines Sohnes gab es ein Kind, das sich sehr aggressiv verhielt und nicht nur beim Lehrpersonal, sondern auch bei den Eltern für viel Unmut sorgte", so die Autorin: "Immer ging es um die Frage, wer denn nun schuld an der Situation sei: die Eltern, das Schulpersonal, die Ärzte? Um den Hintergrund für das Verhalten des Kindes ging es so gut wie gar nicht. Dabei ist Aggression ja immer Ausdruck für Gefühle, allen voran Wut, die stets einen konkreten Anlass haben, weshalb man sich damit beschäftigen sollte."

Jasper Juul und die Wut

Karlotta Ehrenberg führte während ihrer Recherche Gespräche mitSozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Lehrern, Psychologinnen und Psychologen sowie einer Mitarbeiterin des Jugendamtes. Dabei habe sie gesehen, dass es an Schulen für so eine Arbeit viel zu wenig Personal gebe. "Und das ist ständig am Limit."

Überhaupt gebe es nur sehr wenige Menschen, "die gelernt haben, mit Wut umzugehen, mit der eigenen genauso wie mit der von anderen. Wut darf nicht sein; sie wird verdrängt, tabuisiert, verurteilt und auf verschiedene Weise sanktioniert. Das ist fatal, denn Wut gehört zum Menschen wie jede andere Emotion auch und ist für die psychische Gesundheit nötig".

Diese Ansicht vertritt der Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch "Wut". Sein Ansatz habe die Richtung für die Krimihandlung vorgegeben: "Die Kommissarinnen versuchen zu begreifen, wie und warum eine Situation entstehen konnte, die alle Beteiligten an ihre Grenzen brachte. Dafür müssen sie die Perspektive des Kindes annehmen. Um den 'Fall Marlon' zu lösen, begeben sich Lena Odenthal und Johanna Stern in Marlons Welt."

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Die Kindheit von Lena Odenthal...

In "Marlon" hat Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) viel Verständnis für den aufbrausenden Marlon. Sie sei selbst auch ein wildes Mädchen gewesen, das sich viel geprügelt habe, erfahren Kollegin Johanna Stern und die Zuschauer. Auf der Fanseite www.tatort-fundus.de findet sich mehr zu ihrer Kindheit: "Lena hat keine Eltern mehr. Ihr Vater war zwanzig Jahre lang Bürgermeister von Siegelbach, einem pfälzischen Zwischending von Kuhdorf und Kleinstadt, nicht weit von Kaiserslautern. Sie hat ihn geliebt, aber musste mitansehen, wie er langsam an der Provinz verzweifelte. Ihre Mutter ist übrigens sehr früh schon gestorben. Und Lena, die Älteste, hat sich zu Hause bald schon um alles gekümmert. Befehlen hat ihr immer schon gelegen, und die alte Haushälterin von damals weiss ein Lied davon zu singen. Ihre beiden Schwestern hat sie völlig aus den Augen verloren. Nach der Beerdigung des Vaters sind die drei in verschiedene Richtungen davonmarschiert. Das einzige, was sie verbindet: Nach Siegelbach bringen sie keine vier Pferde mehr."

...und von Ulrike Folkerts

Anlässlich von "Marlon" erinnert sich Darstellerin Ulrike Folkerts: "Meine Schulzeit liegt wirklich lange zurück. Ich bin immer gern dorthin gegangen. Ich hatte Lieblingslehrerinnen, das war wichtig. Jetzt war ich fasziniert und habe nicht schlecht gestaunt, wie agil diese Kids sind, in den Pausen permanent rennen und schreien und toben und lachen, herrlich, aber ein wirklich wilder Haufen."

Wie findet man die richtigen Kinderdarsteller?

"Marlon" stellt an die Kinderdarsteller hohe Ansprüche, weil die Rollen wichtig und sehr emotional angelegt sind. Die Agentur Keksbande in Kernen im Remstal bei Stuttgart hat sich auf Kinder und Teenager spezialisiert. Nach den Vorgaben der Produktionsfirma wählte Inhaberin Susanne Koller Kandidaten, die dem Konzept des "Tatort" und den Vorstellungen von Regisseurin Isabel Braak entsprachen.

Darunter Aaren Hanna Lazarakopoulos und Finn Lehmann, die Marlons Freunde Madita und Pit spielen: "In einem ersten Schritt durften die Kinder, wie üblich bei der Besetzung von Filmrollen, elektronisch ein Casting einspielen. Diese Castings der beiden haben der Regie und Produktion gefallen und so wurden beide zum Live-Casting mit der Regisseurin nach Baden-Baden eingeladen."

Finn Lehmann war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwar schon zwölf Jahre alt, da er aber "sehr zierlich und klein ist, wirkt er jünger und hat somit ein jüngeres Spielalter. So konnte er auch die Rolle des neunjährigen Pits spielen." Kameraerfahrung hatten er und die inzwischen elfjährige Hanna nur im Bereich Foto und Werbung.

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Wer ist der Darsteller von Marlon?

Lucas Herzog, der das Opfer Marlon spielt, ist dagegen schon fast ein Profi: Geboren 2011, hat er Erfahrung als Sprecher in Hörspielen ("Luc und Löre - Wir feiern Geburtstag") und Darsteller in Kurzfilmen ("The Showdown"). Ausserdem wurde er gerade in der geplanten Netflix-Verfilmung von Anthony Doerrs Bestseller "Alles Licht, das wir nicht sehen" für die Rolle des jungen Werner gecastet.

Lucas Herzog gehört übrigens nicht zur Agentur Keksbande, weil die Rolle erforderte, dass der Schauspieler eine Kampfsportart ausübt, und die Agentur keinen Kinderdarsteller im entsprechenden Alter vertrat.

In einem kurzen Video für Das Erste stellen sich die drei Darsteller selbst vor.

Das Dienstjubiläum der Kommissarinnen

Für Lena Odenthal ist "Marlon" der 75. "Tatort", an ihrer Seite ermittelt Johanna Stern (Lisa Bitter). "Lena und Johanna kennen sich inzwischen immer besser", sagt Darstellerin Lisa Bitter über ihren aktuellen Fall, "die gegenseitige Empathie und der Respekt, den die eine der anderen gegenüber zollt, schliessen auch die unterschiedlichen Ermittlungsstrategien ein. Lena lässt sich häufig von ihrer Intuition leiten und liegt aufgrund ihrer Erfahrung damit häufig richtig. Johanna hingegen ist immer bemüht, einen kühlen Kopf zu bewahren und so analytisch wie möglich an die Fakten heranzugehen. Irgendwann stellen Lena und Johanna den möglichen Tathergang nach. Vielleicht ist das ein besonderer Moment im Film, in dem man sieht, wie souverän, vertraut und erfolgreich die Zusammenarbeit zwischen den beiden inzwischen ist".

Verwendete Quellen:

  • SWR.de: 30 Jahre Lena-Odenthal-Tatort. Unnützes Wissen, Fakten und Anekdoten
  • Das Erste: Tatort
  • Tatort-fundus.de
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