• Das Ideal vom makellosen und normschönen Körper streben nach wie vor viele Menschen an – mit all den ungesunden Begleiterscheinungen.
  • Die Body-Positivity-Bewegung will dagegen ein Zeichen setzen. Egal ob ein paar Kilos mehr, Narben oder Pickel: Alle Körper sind schön.
  • Was diese Bewegung für unser Körperbild tatsächlich ändern kann, wo die Grenzen liegen und welche Kritik es an Body Positivity gibt, haben wir mit Diplom-Psychologen Prof. Dr. Björn Enno Hermans besprochen.
Ein Interview

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Eine paar Fältchen hier, ein Bäuchlein da und Pickelchen im Gesicht: Wieso konzentrieren wir uns so auf unsere vermeintlichen Fehler?

Das liegt daran, dass Attraktivität und die Selbst- bzw. Fremdbewertung in unserer Gesellschaft oft nicht unabhängig von unserem Körper betrachtet werden kann. Zumindest ein Teil unseres Selbstbilds und unseres Selbstwertes wird meist von körperlichen Merkmalen mit beeinflusst. Die Frage, wie ich mich fühle und wie ich mich selbst bewerte, hängt also auch davon ab. Gibt es Dinge an mir, die mich stören und die ich nicht mag, dann wird das mein Wohlbefinden bis hin zum Selbstwert beeinflussen und deswegen beschäftigt uns das.

Viele beschäftigt der eigene Körper und das Aussehen fast rund um die Uhr. Was sind die Ursachen dafür?

Da gibt es viele Gründe. Film und Fernsehen, Mode und Social Media geben uns vor, wann etwas oder jemand als attraktiv angesehen wird. Aus diesen gemeinschaftlichen Definitionen bildet sich heraus, was angesagt ist. Eine gewisse Schlankheit ist beispielsweise schon lange ein stabiler Trend in westlichen Gesellschaften. Andere, kleinere Trends - wie etwa sehr sparsame Kleidung oder Sichtbarkeit von bestimmten Körperregionen - kommen dann dazu.

Fällt es deshalb vielen so schwer, sich und den eigenen Körper einfach so zu akzeptieren, wie er ist?

Um das für sich selbst einschätzen zu können, braucht es eine Diskrepanz zu einem Ideal, eine Abweichung: Ich nehme gewisse Dinge an mir wahr, die davon abweichen, wie es sein könnte oder sollte. Ohne diese Unterscheidung kommt man zu keiner Einschätzung. Die muss irgendwo herkommen. Die könnte auch rein in mir selbst entstehen: Wenn man beispielsweise sagt, ich habe mich selbst mit ein paar Kilos weniger agiler und fitter gefühlt und ich will dieses innere Erleben wieder haben, dann ist das eine Differenz, die ich mit mir selbst vergleiche. Dafür brauche ich das Aussen nicht unbedingt. Aber wenn es um sichtbare Ideale geht, die weniger etwas mit dem inneren Empfinden zu tun haben, findet sehr schnell ein sozialer Vergleich statt. Die Frage ist dann, welche Differenz ich bilde und wie ich sie bewerte.

"Einige Menschen könnten dadurch ein bisschen nachgiebiger mit sich selbst sein"

Das Schlagwort der Stunde ist Body Positivity: Mit Selfies in Unterwäsche wollen Stars und Influencerinnen zur mehr Selbstliebe aufrufen: Wie finden Sie diese nackigen Fotos mit Botschaft?

Zu sagen, dass es ein Mehr an Selbstakzeptanz brauchen könnte, finde ich grundsätzlich positiv. Wie drastisch man das bildlich inszeniert, ist Geschmackssache. Aber die Botschaft, zu sagen: "Müssen wir jedem Schönheitstrend hinterherrennen und irgendwelchen Instagram-Idealen entsprechen und dafür die Fotos mit drei Filtern bearbeiten oder es darf auch einfach mal sein, wie es ist" finde ich in Ordnung.

Wenn grosse Stars wie Lizzo oder zuletzt Selena Gomez nicht retuschierte, "echte" Beiträge posten – kann das wirklich einen positiven Effekt auf das Selbstbild anderer haben?

Es könnte einen Effekt auf die erwähnte Diskrepanz haben. Einige Menschen - vor allem deren Fans - könnten dadurch ein bisschen nachgiebiger mit sich selbst sein und sich sozial nicht mehr in dem Masse vergleichen.

Wie schaffe ich es, diese sozialen Vergleiche in einem gesunden Mass zu halten? Denn es wird immer jemanden geben, der schlanker, schöner, fitter ist.

Es würde sehr helfen, wenn eine Person in vielen Lebensbereichen zufrieden ist und ihre Normen und Werte so leben kann, wie sie möchte. Trotzdem werden wir uns weiter sozial vergleichen, aber es resultiert aus einem solchen Vergleich dann nicht unbedingt eine Selbstabwertung.

"Die Gefahr bei Body Positivity liegt darin, das Äussere überzubetonen"

Wenn wir öfter verschiedene Körperformen - speziell auf Social Media - sehen, gewöhnen wir uns dann daran und empfinden auch Körper jenseits von Model-Massen als normal und schön?

Wenn ich viel mit diesen Bildern konfrontiert werde, wird sich möglicherweise auch das, was ich für normal halte, verschieben. Das innere Bild, das Korrektiv, kann dann ein anderes sein. Wir wissen beispielsweise, dass die Zahl der Essstörungen während der Pandemie zugenommen hat und auf der Einzelfallebene erlebe ich, dass die Frage, wie viel Zeit jemand mit diesem Thema verbracht hat, durchaus eine Rolle spielt.

Ein Kritikpunkt an der Body-Positivity-Bewegung ist: Es ist wieder eine Fixierung auf den Körper. Wie bewerten Sie das?

Wenn es dabei bleibt, dass sich die Bewegung nur auf den Körper bezieht, ist es in der Tat wieder eine starke Betonung des Äusseren. Entscheidend ist, wie sehr der Selbstwert nicht nur dadurch bestimmt wird. Die Gefahr bei Body Positivity liegt darin, das Äussere überzubetonen.

Dazu passt die Kritik der Autorin Anuschka Rees. Sie sagte in einem "zeit.de"-Interview: "Die Überzeugung, dass man sich schön fühlen muss, um glücklich zu sein im Leben, wird aber nicht infrage gestellt". Wie kann man sich von dieser Überzeugung lösen?

Häufig geht es darum, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und was wir innerlich priorisieren. Wir sollten auch die anderen Ressourcen betrachten, über die wir verfügen, um dafür mehr Sensibilität zu entwickeln: Was gefällt mir sonst an mir, abgesehen von Äusserlichkeiten? Was ist mir wichtig und was gelingt mir gut?

Inwiefern kann Body Positivity ein Weg sein, um sich nicht mehr von Schönheitsidealen unter Druck setzen zu lassen?

Für bestimmte Zielgruppen, die stark auf Äusserlichkeiten und Körperlichkeit fixiert sind und affin für Vorbilder sind, kann die Bewegung ein hilfreicher Beitrag sein, um darüber zu reflektieren und das Thema an sich zum Thema zu machen. Body Positivity kann ein kleiner Puzzlestein sein, aber es ist nicht die Bewegung, die all unsere Probleme in diesem Bereich – in psychischer und gesellschaftlicher Hinsicht – auf links krempeln wird. Bestimmte Gruppen könnten darüber aber zu einer anderen Selbsteinschätzung und -bewertung kommen.

Eine andere Frage ist: Ist diese Bewegung nicht eine Legitimation für alles, was ungesund ist? Denn beispielsweise sollte ein BMI von über 30 oder 40, also massives Übergewicht, nicht unreflektiert mit der Body-Positivity-Bewegung legitimiert werden. Hier bewegen wir uns in einem körperlich ungesunden Bereich, mit allen Risiken für Folgeerkrankungen, die da möglich sind. Dass leichtes Übergewicht normalisiert wird, mag OK sein, aber gesundheitsschädliche Lebensstile sollten damit nicht propagiert werden.

Was ist mit Männern? Brauchen die diese Body-Positivity-Bewegung auch?

Wenn es um Anfälligkeit für bestimmte psychische Erkrankungen wie Anorexie, also Magersucht, geht, ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern etwa 10 zu 1. Das könnte ein Hinweis für eine etwas geringere Bedeutung eines Schlankheitsideals bei Männern sein. Nichtsdestotrotz kenne ich viele Männer, die unzufrieden mit sich und ihrem Äusseren sind. Für eine bestimmte Zielgruppe kann diese Bewegung genauso bedeutsam sein wie für Frauen, aber ich würde den Einfluss für beide Geschlechter nicht überschätzen.

Zur Person: Prof. Dr. Björn Enno Hermans ist Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Systemischer Familientherapeut und Supervisor (DGSF). Neben seiner Tätigkeit als Therapeut und Supervisor ist er Ausbildungsleiter am ifs Essen, einem systemischen Institut für die Ausbildung von Psychotherapeut:innen.
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