Das Cafe Griensteidl wird am Donnerstag geschlossen – und mit ihm ein Kapitel Wiener Geschichte. Für unsere Autorin war es weit mehr als nur ein Ort. Eine Liebeserklärung zum Abschied und – ein leises, trauriges Servus.

Antonia Fuchs
Ein Kommentar
von Antonia Fuchs, Redakteurin Ratgeber

Glücklich, wer sie hat: die paar wenige Lieblingsplätze auf der Welt, die wir, auch wenn wir nicht dort sind, immer verborgen im Herzen tragen. Die ein Teil von uns sind. Die uns glücklich machen, weil wir die Gewissheit haben: Sie sind da, was auch im Leben geschieht, und irgendwann - ja, bald! - kehre ich zurück.

Solch ein Ort war für mich das Café Griensteidl. Hier lernte ich als Jugendliche Wien kennen, hier trank ich meine erste Melange, hier fand ich so vieles von dem, was ich an Wien bis heute liebe.

Der Glanz von Geschichte und Tradition

Im Griensteidl atmete man Kultur, Geschichte, Tradition. Früher gingen in dem berühmten Kaffeehaus Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und der junge Karl Kraus ein und aus. Stefan Zweig nannte das Café in seinen Memoiren das "Hauptquartier der jungen Literatur".

Zwar wurde das Gebäude 1897 abgerissen und das neue Griensteidl erst 1990 wieder eröffnet – doch immer schwang mit, wenn einem der Ober das Silbertablett mit dem Kaffee und dem Glaserl Wasser klappernd auf den Marmortisch stellte – dass all das früher ganz ähnlich gewesen sein muss. Dass all die Grossen von damals dieselbe Luft atmeten und man ihnen hier im Geiste noch immer zu begegnen vermochte.

Doch nun wird das Griensteidl schliessen, diese Woche schon. Die Nachricht traf mich mitten ins Herz. Das Café direkt neben der Hofburg, mit seinem verstaubten, doch unsterblichen Charme soll bald selbst Geschichte sein?

"Aufgrund massiver Mietzinserhöhungen ist eine Fortführung wirtschaftlich nicht mehr tragbar" – die Worte von Petra Gold von Do & Co. hallen hart in meinem Kopf nach. Warum hat niemand etwas unternommen? Warum gab es keine "Rettet das Griensteidl"-Aktion?

Denn nein, hier geht nicht nur ein Stück lebendige österreichische Geschichte verloren. Es war auch "mein" Griensteidl. Und das Griensteidl von so vielen.

Fiakergetrappel, Liebesgeschichten und ein Ober, der nie kam

Ich liess hier nicht nur bei meinem ersten Wien-Besuch mein Herz. Ich traf mich auch hier mit meinen Freunden, als ich Jahre später fürs Studium in diese schönste Stadt der Welt zog.

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Hier war ich am liebsten. Hier, wo immer Touristen, doch auch echte Wiener zugegen waren. Hier, wo ich nie - wie beim Central - Schlange stehen musste. Hier, wo man dem Herrn Ober fünfmal sagte, dass man nun wirklich gerne zahlen würde - und er immer noch nicht kam.

Ja, das Café hatte seine Ecken und Kanten, vielleicht liebte ich es deshalb so.

Der Ort, wo man das Fiakergetrappel hörte und Maria Theresia, Sisi und Franz Joseph um die Ecke wähnte. Wo die Erdäpfelsuppe, die Malakoff und die Sacher anders, mir aber am besten schmeckten.

Wo wir so manchen Liebeskummer besprachen. Wo ich meine Freundin fragte, ob sie meine Trauzeugin werden möchte - was sie wenige Meter entfernt, in der Augustinerkirche, auch wurde.

Das Café sollte mich überleben

Gott sei Dank wusste ich bei meinem jüngsten Wien-Besuch vor zwei Wochen noch nicht, dass dies ein Abschiedsbesuch war.

"Ich möchte nicht den Tag erleben, an dem es dieses Kaffeehaus nicht mehr gibt!", hatte ich noch glücklich und ahnungslos zu meinem Mann gesagt.

So war ein letztes Wiedersehen unbeschwert – und ich zumindest einmal im Leben mit meinen Kindern an diesem Ort, an den ich hoffte, bis zum Lebensende immer wieder zurückzukehren. Damit wenigstens einige Dinge so bleiben, wie sie sind.

Es gibt Schlimmeres? Ja, eben!

Viel Empörung ging nach der Nachricht der Schliessung durch das Netz, aber natürlich auch Kommentare, das sei ohnehin kein so grossartiges Café gewesen, und Tradition und guten Service habe es dort auch nicht gegeben.

Der Wiener ist eben ein Widerspruchsgeist, der sich auch zu Wort melden muss, wenn einige etwas betrauern. Dabei ist es doch so schön, einfach mal an etwas zu hängen.

Ein berühmtes Zitat von Sigmund Graff: "Wir sehnen uns nicht an bestimmte Plätze zurück, sondern an Gefühle, die sie in uns auslösen."

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Das Griensteidl hat in mir Gefühle ausgelöst, die eben nur das Griensteidl auslösen konnte. Dort war ich immer glücklich, selbst wenn ich einmal unglücklich war. Und es macht mich traurig, nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu können.

"Es gibt wahrlich Schlimmeres", höre ich manchen sagen. Doch genau deswegen sind solche Plätze so wichtig in unserem Leben: weil es eben schon genug zu stemmen gibt.

Ein Stückerl Seligkeit

"Ich trag' im Herzen drin ein Stückerl altes Wien", klingt es in einem der seelenvollsten Wiener Lieder. So war es eben schon immer: Das Rad der Zeit dreht sich, manches wird einem genommen und existiert nur noch im Herzen.

Und dort bleibt es nun, das Griensteidl: in unseren Herzen. Das Leben geht weiter, aber eben nicht mehr so wie vorher.