Schwierige Themen waren immer die Spezialität von Jürgen Domian. Seine neue Show bietet den gewohnten Mix aus menschlichen Trägodien und abseitigen Sex-Praktiken. Mit einem Unterschied: In "Domian live" sitzt der Moderator endlich seinen Gesprächspartnern gegenüber.

Eine Kritik
von Felix Reek, Freier Autor

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Nur wenige Minuten vor der Premiere von "Domian live" zeigt der "Kölner Treff" im WDR, wie es nicht geht. Der letzte Gast in der Talkrunde ist Sabine Freudenberger, die vor 30 Jahren mit ihrem Mann versuchte, in einem selbstgebastelten Heissluftballon aus der DDR in den Westen zu fliehen.

Sie werden erwischt, der Mann startet ohne seine Frau, stürzt ab und stirbt. Sie bleibt zurück und muss sich der Stasi stellen. Und ist Jahrzehnte danach offensichtlich noch nicht bereit darüber zu reden. Zumindest, wenn da jemand sitzt, der ihr als erstes den unterkühlten Nachrichtenbericht von vor 30 Jahren mit den Unglücksbildern zeigt. Sie wird gefragt, wie sich das anfühlte, dass der eigene Mann ohne sie flieht. Und dann nahegelegt, dass sie einen Deal mit der Stasi eingegangen ist, um dem Gefängnis zu entgehen.

So etwas stand bei Jürgen Domian nie zu befürchten. 21 Jahre lang sass der Moderator direkt vor der Kamera, sein Gesicht in Grossaufnahme, nahm die Anrufe seiner Zuschauer entgegen. Die erzählten ihm alles. Seltsames, Skurriles, Bewegendes, Tieftrauriges.

Vom mittlerweile legendären Mann, der sich einmal im Monat aus einem Berg Hack eine Frau formt, bis hin zu schweren Erkrankungen, Kindesmissbrauch und psychischen Problemen, taten sich Abgründe auf, von denen viele nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Domians Talent dabei war, dass er stets authentisch wirkte. Jedem hörte er aufmerksam zu, tröstete, zeigte Verständnis oder sagte den Anrufern deutlich die Meinung. Bis der Moderator 2016 mit seiner Call-in-Sendung nach mehr als 4.000 Sendungen Schluss machte.

Domian duzt die Zuschauer immer noch

Drei Jahre später ist er zurück vom Abschied. Live und jeweils eine Stunde lang, wieder am Freitag, diesmal vor Mitternacht. Gedreht wird in der Kantine des WDR. Der Moderator weiss nicht, wer seine Gäste sind, sein Team hat sie ausgewählt. Der grosse Unterschied ist aber, dass Jürgen Domian seine Gesprächspartner in seiner neuen Show in persona trifft, vor Publikum. Das Studio sieht dabei ein wenig aus wie bei "LateLine" des Hessischen Rundfunks, es gibt zwei Stühle vor einer Glaswand, Domian kommt herein und duzt noch immer die Zuschauer.

Der erste Gast ist Christian, er leidet an Neurofibromatosis. Überall in seinem Körper wachsen gutartige Tumore, die ihn mehr oder weniger beeinträchtigen. Einer von ihnen steckt in seinem Hals und ist 17 Zentimeter gross.

Christian berichtet aus seinem Leben, wie er deswegen seinen Job verloren hat, Menschen auf der Strasse ihn als "Krüppel" und "hässliche Hackfresse" bezeichnen, er sich immer mehr zurückzog. Jürgen Domian hört ihm zu, zeigt echtes Mitgefühl, sagt Dinge wie: "Umso toller, dass du heute hergekommen bist."

Irgendwann erwähnt sein Gast Christian, dass er schon einmal in seiner alten Sendung angerufen hat und das wird sich als Leitmotiv in dieser ersten Folge von "Domian live" erweisen: Es ist ein Treffen mit alten Bekannten. Alle vier Gesprächspartner der Premiere im WDR outen sich früher oder später als Fans seiner vorherigen Sendung.

Domian sagt die richtigen Dinge

Nach Christian betritt Franzi das Studio, die von ihrer Zeit bei den Zeugen Jehovas berichtet. Schnell landet das Gespräch bei ihrer Ehe in der Sekte, der häuslichen Gewalt und den unzähligen Vergewaltigungen durch ihren Mann. Domian fragt nach, sagt die richtigen Dinge zur richtigen Zeit wie etwa: "Wem konntest du dein Herz erleichtern?" Ihre Antwort: Niemandem. Aber dafür ist ja jetzt Jürgen Domian da.

Das gilt auch für Gespräche über Spielarten des Liebeslebens abseits von Blümchensex. Die 66-jährige Marika betritt das Studio, mit einer Mischung aus freudiger Erregung und Scham. Sie führte jahrelang eine sadomasochistische Beziehung, erzählt munter von Striemen auf dem Hintern und dem Besuch im Pornokino. Irgendwann fragt Domian, warum sie denn in der Sendung sei. "Wenn ich das wüsste", sagt sie. "Als Abschluss. Und ich wollte dich sehen." Ein Bericht über ihr Mittagessen hätte da nicht gereicht, schiebt sie noch hinterher.

"Domian live" riskiert zu wenig

Womit sie das Dilemma von "Domian live" genau getroffen hat. Die Sendung fühlt sich angenehm vertraut an, aber auch ein wenig einfallslos. Es ist offensichtlich, dass das Team von "Domian live" in der ersten Ausgabe kein Risiko eingehen und den Fans des Moderators die gewohnte Mischung präsentieren wollte.

Folgerichtig erscheint im Anschluss noch Regina, die zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls von ihrer Flucht im umgebauten Benzintank des Autos ihres Mannes berichtet.

Das alles kann aber nicht davon ablenken, dass "Domian live" das Intime fehlt, dass die alte Show bot. Die Stimmen, die das Studio ausfüllen, die Hemmschwelle, die geringer ist, wenn man seine Geschichte nur am Telefon erzählt, die Zeit, auf jeden Gast so viel einzugehen, wie es das Thema erfordert.

In einer einstündigen Sendung ist das nur schwer möglich, pünktlich im Viertelstundentakt begrüsst Domian die Gäste, ohne jegliche Überleitung. Es braucht offensichtlich noch etwas Feinschliff, bis sich der Moderator an seine neue Aufgabe gewöhnt hat. Viel Zeit hat er dafür nicht. Geplant sind bisher nur vier Sendungen.

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