• In "Borowski und die Angst der weissen Männer" wird am Rande einer Kieler Industriebrache die Leiche einer jungen Frau gefunden.
  • Der Hauptverdächtige wird als Frauen hassender Incel bezeichnet. Was aber bedeutet das?
  • Vier Fragen rund um den neuen "Tatort" aus Kiel.

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Ausgerechnet im "Tatort" anlässlich des Weltfrauentages ging es um Frauen als Objekte: In "Borowski und die Angst der weissen Männer" besucht der Kommissar ein Seminar, in dem er Aufreisstricks lernen soll. Und der Hauptverdächtige der Ermittlungen, Mario, wird als Frauen hassender Incel bezeichnet. Hintergründe zu einer Szene, in der sich Fremden- und Frauenfeindlichkeit gefährlich vermengen.

"Tatort" aus Kiel: Wer sind die Incels?

Die Bezeichnung stammt aus Amerika, gemeint sind "Involuntary Celibates", also unfreiwillig im Zölibat (ohne Sex) lebende Männer, bei denen dieser Zustand zu einem extremen Frauenhass geführt hat. Die Journalistin und Wissenschaftlerin Veronika Kracher, Autorin des Buches "Incels: Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults", beschreibt sie in den Presseinformationen des NDR als Männer, die sich von der Natur benachteiligt fühlen:

"Sie seien viel zu unansehnlich, um den oberflächlichen weiblichen Vorstellungen von Attraktivität zu genügen. Frauen würden ausschliesslich 'Chads', also gross gewachsene und muskulöse 'Alphamänner' begehren. Deshalb blieben für Incels keine Frauen mehr übrig. Als Lösung schlagen sie eine staatliche Zuteilung von Frauen vor, was natürlich vollkommen lächerlich ist. Aber dahinter verbirgt sich eine gefährliche Ideologie, nach der Frauen nichts anderes als Sexobjekte sind, die dem Mann untertan gemacht werden müssen. Wie der 'Tatort' zeigt, wird diese Weltanschauung von Männerrechtsaktivisten und Pick-up-Artists verbreitet, die Incels wie Mario in Videos und in Seminaren Tipps geben, wie man Frauen aufreisst."

Was ist ein Pick-up-Artist?

Pick-up-Artists ("Aufreisskünstler") wie der selbst ernannte Männlichkeitsexperte Hank Massmann im "Tatort" bieten Seminare und Workshops an, die Männern Erfolg bei Frauen verschaffen sollen – meist ist Sex das Hauptziel. Die Methoden sind fragwürdig und gehen oft davon aus, dass der Mann als "Alphatier" auftreten soll, weil Frauen sich im Grunde wünschen, dominiert zu werden: Frauen werden also zu Objekten degradiert, Pick-up-Artist werden deshalb zur Manosphere gezählt, Männern mit einer frauenfeindlichen Weltanschauung.

Zu einem Geschäftsmodell wurde die Theorie, dass man Frauen mit einem manipulativen Mix aus Schmeichelei, Beleidigungen und Nötigungen "herumkriegen" könne, auch durch den Bestseller "The Game" ("Die perfekte Masche") von Neil Strauss 2005, der sich laut "Guardian" weltweit 2,5 Millionen Mal verkaufte. Die englische Tageszeitung schätzte die Verführungsbranche 2019 auf ein 100-Millionen-Dollar-Business.

In einem Interview mit dem "Spiegel" 2011 erzählte der Psychologe Andreas Baranowski, der zu dem Thema eine Diplomarbeit geschrieben und ein 400 Euro teures Seminar besucht hat: "Der Grossteil waren Allgemeinplätze, pseudowissenschaftliche Theorien und falsche Behauptungen. Verführt wurden vor allem die Teilnehmer - und zwar dazu, ihr Geld beim Coach zu lassen."

Was steckt hinter der Zahl 14?

Eine in die Erde getretene 14 bringt Kommissar Borowski (Axel Milberg) auf die Spur von weissen Suprematisten, also Rassisten, die von der Überlegenheit einer "weissen Rasse" ausgehen. Die Zahl steht für den 14 Wörter umfassenden Slogan "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weissen Kinder sichern", im Original: "We must secure the existence of our people and a future for White children." Dahinter steht die rassistische Überzeugung, es drohe ein "weisser Genozid": Weisse seien durch Einwanderer und interkulturelle Ehen vom Aussterben bedroht.

Den Slogan erfunden haben soll der amerikanische Antisemit und Terrorist David Lane, der als einer der wichtigsten Ideologen des weissen Suprematismus gilt. 1987 wurde er zu einer Gefängnisstrafe von 190 Jahren verurteilt. Im Gefängnis entwickelte und verschriftlichte er seine extremen Theorien. Zusammen mit seiner Ehefrau gründete er in dieser Zeit eine Webseite und den Verlag "14 Word press". Lane starb 2007.

Bei Attentaten 2018 auf eine Synagoge im amerikanischen Pittsburgh (elf Tote) und 2019 auf Moslems im neuseeländischen Christchurch (mehr als 50 Tote) verwendeten beide Schützen die "14". Auch im Umfeld der nationalsozialistischen deutschen NSU tauchte die Zahl auf.

Welche Wirkung haben K.-o.-Tropfen?

Hinter der Bezeichnung verbirgt sich 4-Hydroxybutansäure (oder Gamma-Hydroxybuttersäure), die als Droge auch "Liquid Ecstasy", "G" oder "Gamma" genannt wird. Wegen ihrer entspannenden (in der Medizin wird sie als Narkotikum eingesetzt), enthemmenden und euphorisierenden Wirkung wurde sie als Partydroge bekannt.

Ihr Einsatz als "K.-o.-Tropfen", also als Mittel, um Frauen zu betäuben und sexuell zu missbrauchen, verschaffte ihr eine Berichterstattung in den Medien, die als übertrieben und wissenschaftlich nur begrenzt haltbar gilt. Eine britische Studie kam 2006 zu dem Ergebnis, dass bei Vergewaltigungsopfern ungleich häufiger Alkohol, Marihuana und Kokain im Blut gefunden wurde.

Der gezielte Einsatz des Mittels als "Vergewaltigungsdroge" würde eine genaue Dosierung erfordern. Eine wahrscheinlichere Gefahr bei der Einnahme besteht darin, dass es vor allem zusammen mit Alkohol – wie im "Tatort" – zu einer Überdosierung und einem darauf folgenden Herzstillstand kommen kann.

Auch Hilfsorganisationen weisen darauf hin, dass Alkohol sich als eigentliche "date rape"-Droge bezeichnen lässt: Indem Täter den Frauen Drinks ausgeben, spekulieren sie nicht nur auf eine enthemmende Wirkung, sondern erwarten von ihren Opfern Dankbarkeit und eine "Gegenleistung".

Das Kieler Gewaltpräventionsbüro PETZE warnt auf seiner Webseite vor der besonders gefährlichen Kombination von Drogen und Alkohol: "Vorsicht mit zu viel Alkohol – viele Situationen sind viel schlechter einzuschätzen. Ausserdem kann der Mischkonsum von Alkohol und Drogen zu einer Atemlähmung führen und in der Folge sogar tödlich enden."

Tatort Dortmund Stefanie Reinsperger
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