Der Nürnberger "Tatort" mit dem Titel "Die Nacht gehört Dir" erzählt von der Einsamkeit einer Immobilienmaklerin, die nur Online-Bekanntschaften an sich heranlässt.

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Manche "Tatorte" lassen sich eindeutig in Männer-"Tatorte" und Frauen-"Tatorte" unterteilen. Die Schwarzwälder Faschingsfolge vom letzten Sonntag war eindeutig ein Männer-"Tatort", der Zuschauerinnen gleich mehrere Exemplare Mann vor die Nase setzte, deren bevorzugte Kommunikationsmittel Sex und Schläge waren, um ihrem Gefühlshaushalt Ausdruck zu verleihen. Und eine Frau, die dieses Spiel mitspielte, scheinbar freiwillig.

Aber wie viel freien Willen besitzt schon jemand, der wegen seiner Lebensumstände, wegen seiner Vergangenheit und seiner Zukunftspläne von dem guten Willen dieser Männer abhängig ist? Weshalb solche Konstellationen, bleiben sie unhinterfragt, einfach immer zu sehr Männerphantasie sind, immer ein "G'schmäckle" haben, um im Schwarzwald zu bleiben.

Im Vergleich dazu ist die Folge "Die Nacht gehört dir" aus Franken eindeutig ein Frauen-"Tatort", und das ist durchaus als Kompliment gemeint an Regisseur Max Färberböck, der gemeinsam mit Catharina Schuchmann auch das Drehbuch verfasst hat. Im Mittelpunkt stehen hier zwei starke, unabhängige, aber trotzdem problematische und also interessante Frauen. Frauen, die - um jeden Preis - selbst bestimmen, wie nahe sie andere an sich heran lassen. Und das ist nicht sehr nahe.

Ein Frauen-"Tatort" mit starker Besetzung

Die eine ist Barbara "Babs" Sprenger (Anna Tenta). 42, erfolgreiche Managerin in einer international agierenden Immobilienfirma. Aber nun liegt sie blutig auf dem Parkettboden im Esszimmer ihrer schicken Altbauwohnung - weshalb wir nur in Rückblicken und durch Beschreibungen anderer einen Eindruck von ihr bekommen. Und es dauert ungefähr so lange, wie man benötigt, um "Babs" zu sagen, bis klar wird, dass das ein völlig unrealistischer Spitzname für diese Frau ist. Barbara Sprenger ist keine "Babs", dafür ist alles an ihr zu perfekt, zu edel, zu sehr unter Kontrolle.

Die Honigverkäuferin auf dem Markt, in die sich Kommissar Voss (Fabian Hinrichs) verguckt hat, die ist so eine Babs, frisch, sommersprossig, strotzend vor Energie. "Und wie sie riecht!", schwärmt der Kommissar in diesem Nebenstrang, der hübsch mit der frostigen Haupthandlung kontrastiert, und beginnt von Vögeln und Täublein zu faseln, ehe ihn die Kollegin Ringelhahn (Dagmar Manzel) rüde unterbricht: "Hier geht es nicht um das Leben, hier geht‘s um den Tod." Eine Babs riecht, eine Frau Sprenger duftet höchstens nach Parfum.

Egal, wie bewundernd andere von ihr sprechen, sie ist immer nur Frau Sprenger: "Kein Essen, keine Gläser, alles zigmal durchgereinigt, ich kenn sowas nicht", sagt der Leiter der Spurensicherung. "Sie wollte einfach immer das Beste", sagt die Assistentin. "Sie war grosszügig, wendig, operativ immer am Ball" sagt der Vorgesetzte. "Es kam nie, weder seelisch noch sonst, zu einer Intimität", betont ihre Kollegin Theresa Hein (Anja Schneider).

Eine Tote und ein falsches Geständnis

Ausser den beiden Messerstichen, könnte man einwenden, mit denen Theresa Hein Barbara Sprenger getötet haben will. Mit einem Sushimesser. Frau Sprenger mochte Sushi, sagt Theresa Hein. Natürlich, möchte man da hinzufügen. Kalter, toter, teurer Fisch. Die beiden haben zu Abend gegessen, allein in dieser geschmackvollen Wohnung, bei einem Glas Wein und einem Blumenstrauss. Es war der Geburtstag von Frau Sprenger. Und dann hat Frau Hein das Messer sauber gemacht, die Küche gereinigt und das blitzblanke Messer in die Spülmaschine geräumt. Eine Spülmaschine, in der garantiert immer nur vorgespültes Geschirr stand.

"Ich hatte genug", begründet sie die Tat den Kommissaren in ihrem Geständnis. Die beiden glauben der stoisch lächelnden Frau kein Wort. Und beginnen, hinter die Fassade des pastellfarbenen Lebens zu blicken, das die Kolleginnen geführt haben, mit ihren Seidenblusen, Strickjäckchen und Perlenketten.

Und damit beginnt die eigentliche Geschichte, die von der Suche nach dem wahren Täter ebenso handelt wie von der Suche nach den Gründen für das falsche Geständnis.

Sehr geschickt und sehr elegant lagert Färberböck Zeitebenen übereinander. Kurze Rückblicke präsentieren Momentaufnahmen aus dem Privatleben der Toten - aber nie aus der Schlüssellochperspektive. Es ist immer nur der distanzierte Kamerablick, der uns erlaubt wird, der allen Betrachtern erlaubt wird, auch Kommissarin Ringelhahn, so sehr diese sich bemüht, Frau Sprenger nahe zu kommen. Sogar über den Tod hinaus behält Barbara Sprenger die Kontrolle über ihre Privatsphäre.

Ein Leben voller Sehnsucht, Einsamkeit und Kälte

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Ermittler schnell von den Internet-Datingportalen erfahren, auf denen Frau Sprenger sehr aktiv war. Mit einem selbstverständlich geschmackvollen Video, gepflegte Haut in luxuriöser Spitzenwäsche. Aber mit heimlich ausgelebten Sexphantasien hat das wenig zu tun.

Dieses Doppelleben ist gar keines, sondern nur die konsequente Fortführung des Alltags: Wo sonst liesse sich zwischenmenschlicher Kontakt derart effizient organisieren. Frau Sprenger ist schliesslich grosszügig, wendig, operativ immer am Ball. Kein Wunder, dass sich gleich mehrere Tatverdächtige auftun, die von der starken Frau fasziniert waren.

Langsam schält sich die traurige Wahrheit heraus, von der das gelogene Geständnis erzählt. Sie hat natürlich mit Sehnsucht, Einsamkeit und Kälte zu tun – aber es ist die Stärke dieses "Tatort", dass er sich nicht auf die abgeschmackte Kritik an "modernen" Datingmethoden mit ihrer "Anonymität" und "Unverbindlichkeit" beschränkt. Viel Spannender an "Die Nacht gehört dir" ist der Blick auf die ungewöhnliche Beziehung zweier Frauen, die von einem ganz eigenen Machtspiel aus Autorität, Solidarität und Abhängigkeit geprägt wird.

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