Die Coronakrise hat den Ölpreis einstürzen lassen. Hinter der Entwicklung steckt aber auch ein Preiskampf zwischen Russland und Saudi-Arabien, um die US-Konkurrenz aus dem Markt zu drängen. Ein Kampf, aus dem alle Staaten als Verlierer hervorgehen könnten.

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Flüge werden gestrichen, Transportketten zerschnitten, die Industrieproduktion heruntergefahren: Die Corona-Pandemie hat nie dagewesene Folgen für die Wirtschaft und lässt auch den Ölpreis in den Keller stürzen. Anfang des Jahres kostete ein Barrel (Fass) der Nordsee-Sorte Brent noch knapp 70 US-Dollar. Inzwischen ist der Preis unter 40 Dollar gefallen.

Die aktuelle Entwicklung ist allerdings nur ein Teil der Erklärung, denn sie überlappt sich mit einem Preiskampf, den allen voran Russland, Saudi-Arabien und die USA austragen. "Der Trend hat sich durch die Corona-Krise verstärkt, aber er hat schon erheblich früher angefangen", sagt Heike Buchter. Die Wirtschaftsjournalistin lebt in New York und hat unter anderem das Buch "Ölbeben" veröffentlicht.

Was steckt hinter dem Preiskampf?

Saudi-Arabien ist der mächtigste Staat innerhalb der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), die zugleich ein Erdöl-Kartell ist, Fördermengen abspricht und damit die Preise mitbestimmt. Die OPEC-Staaten fördern etwa 40 Prozent des weltweiten Erdöls. Ein wichtiger Akteur auf dem Markt ist zudem Russland, das sich mit den OPEC-Staaten bislang abgestimmt hat.

Hinzu kommen seit einigen Jahren die USA. Inzwischen sind die Amerikaner sogar die grössten Produzenten weltweit – dank der Fracking-Technologie, mit der schwer zugängliches Öl und Gas aus Schieferschichten gewonnen wird.

"Die Achillesferse des Fracking sind die Kosten", erklärt Heike Buchter. "Es ist per se aufwendig und teuer." Seit der Ölpreis im Juli 2008 einen Rekordpreis von 143 Dollar pro Barrel erreichte, lohnte es sich aber. Plötzlich flossen auch von der Wall Street Hunderte Milliarden Dollar in die neuen Ölfelder.

Die neuen Konkurrenten stiessen schnell auf den Argwohn der OPEC. 2014 versuchte Saudi-Arabien, die amerikanischen Fracker durch niedrige Preise aus dem Markt zu drängen: Ist Öl weltweit billig, lohnt sich die teure Fracking-Technik kaum noch.

Spätestens seit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ist die OPEC aber selbst unter Druck geraten. Staaten wie Saudi-Arabien, aber gerade auch Iran und Venezuela sind vom chinesischen Markt abhängig.

Im Zuge der Corona-Krise wollte die OPEC daher eigentlich die Ölförderung drosseln, um den Preis zu stabilisieren. Da machte Russland allerdings nicht mit. "Die Russen wollten den amerikanischen Frackern nicht noch unter die Arme greifen, indem sie ihre eigene Förderung drosseln und damit den Preis stabil halten. Sie wollen viel mehr versuchen, die amerikanischen Fracker praktisch wegzufluten", erklärt Heike Buchter.

"Brandgefährliche" Strategie

Als diese Strategie Anfang März beim OPEC-Treffen in Wien deutlich wurde, schwenkte auch Saudi-Arabien um. Das Königreich kündigte an, die Fördermengen hochzufahren und sorgte so für einen weiteren Preisverfall. Die Investmentbank Goldmann Sachs erwartet, dass der Ölpreis bald auf 30 Dollar pro Fass sinken könnte.

"Saudi-Arabien und Russland haben sich gegenseitig den Preiskrieg erklärt", sagt Journalistin Buchter. Das könne für beide Länder aber auch nach hinten losgehen. "Es ist brandgefährlich, komplett vom Öl abhängig zu sein und dann den Preis nach unten zu treiben."

Die Regierungen beider Länder stehen wegen der wirtschaftlichen Lage auch innenpolitische unter Druck. Um ihren Haushalt stabil zu halten, seien die Saudis zum Beispiel auf einen Barrel-Preis von 80 Dollar angewiesen. "Sie haben sich den sozialen Frieden im Land durch den Ölexport erkauft."

Diskussion über "bail out" in USA

Unter Druck geraten aber vor allem die bereits arg gebeutelten Erdöl-Exporteure Iran und Venezuela. Und die USA: Von Pioneer, einem der grössten Unternehmen der Branche, ist zu hören, dass 50 Prozent der Fracker im Zuge des Preisverfalls pleite gehen könnten.

In den USA wird deshalb über einen "bail out" diskutiert – eine Rettungsaktion für die Branche. Ob ein solcher Schritt sinnvoll wäre, ist im Land hoch umstritten: "Es ist schwierig, wenn Regierungen sich auf spezielle Industriezweige konzentrieren", sagte der Chefökonom der MUFG Union Bank der "Washington Post".

"Ich halte es für sehr gut möglich, dass Trump den Frackern jetzt unter die Arme greift", sagt dagegen Heike Buchter. Die Präsidentschaft des Milliardärs sei bisher schon eine grosse Stützmassnahme für Öl und Gas gewesen.

Fracking ist inzwischen gerade in Staaten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, die die Präsidentschaftswahl im Herbst mitentscheiden könnten: der Swing-State Pennsylvania etwa oder der grosse Bundesstaat Texas.

Kaum Besserung in der Wirtschaftskrise?

Bleibt die Frage: Wer profitiert vom niedrigen Ölpreis? Kommt er Wirtschaft und Bürgern weltweit nicht letztlich zugute? Früher sei diese Annahme sehr verbreitet gewesen, sagt Heike Buchter: "Weil ein niedriger Ölpreis für niedrige Energiekosten – zum Beispiel billiges Benzin – sorgt."

Allerdings sei dieser Kosteneffekt heute nicht mehr so gross: In Deutschland spielen Verbrennungsmotoren noch eine grosse Rolle, doch weltweit sind alternative Antriebe und Energieeffizienz auf dem Vormarsch. Die Abhängigkeit vom Öl ist kleiner geworden.

Die nun begonnene Wirtschaftskrise hat zudem ihre eigenen Regeln, mit der Finanzkrise etwa ist sie Buchter zufolge kaum vergleichbar: "Selbst wenn Flüge und Autofahren jetzt billiger werden, bringt das wenig, wenn man nirgendwo mehr hinreisen kann."

Verwendete Quellen:

  • Heike Buchter, Journalistin "New York German Press"
  • N-tv.de: Wer gewinnt den Ölpreiskrieg? Moskau droht sich zu verzocken
  • Süddeutsche Zeitung 7./8. März 2020: Ölpreis so niedrig wie lange nicht
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