Die US-Wahl 2016 mit Gewinner Donald Trump zeigt, wie tief gespalten die Vereinigten Staaten sind. Viele befürchten, die Gräben werden unter dem kommenden Präsidenten noch tiefer. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt ein USA-Experte, warum auch das Gegenteil der Fall sein kann.

Amerika jubelt. Amerika weint. Die US-Wahl 2016 mit Überraschungs-Sieger Donald Trump zeigte einmal mehr, wie zerrissen die Gesellschaft der Vereinigten Staaten ist. Der Republikaner Trump kam bei älteren Menschen sehr gut an, bei Weissen, bei Männern, bei den weniger Gebildeten. Die Demokratin Hillary Clinton punktete bei jüngeren Wählern, Schwarzen und Frauen. Trump hatte die meisten Wähler im mittleren Westen, Clinton in den Küstenstaaten. Wird der künftige Präsident Trump die Spaltung weiter vorantreiben? Oder wird er versuchen, Gräben zu überwinden?

Werden die USA unter Trump weiter auseinanderdriften?


"Als Wahlkämpfer polarisiert man, als Gewählter versucht man, zu einen", sagt Prof. Dr. Thomas Jäger im Gespräch mit unserer Redaktion. Nur weil Trump im Wahlkampf Stimmung gegen einzelne Bevölkerungsgruppen gemacht hat, muss er nicht zwangsläufig Politik gegen sie machen. Er kündigte bereits an, das Land einen zu wollen. Steckte hinter seinen populistischen Aussagen also nur Kalkül?

"Trump muss nun beides machen: Erstens, seine Parteigänger zufriedenstellen, ihnen liefern, was er versprochen hat", sagt Politikwissenschaftler Jäger und erwartet, dass Trump deshalb zwei Gesetzesinitiativen angehen werde: Ein Einwanderungsgesetz, das ein Mehr an Einwanderung verhindert, und ein Gesundheitsgesetz, "das rückgängig macht, was Barack Obama geschaffen hat." "Zweitens muss Trump denen Angebote machen, die ihn nicht gewählt haben, indem er Initiativen aufgreift, mit denen sich alle identifizieren können", führt Jäger aus. "Am besten wird er das schaffen, indem er die Staaten stark dastehen lässt. Er kann sich als Präsident aussenpolitisch so positionieren, dass er innenpolitisch Unterstützung erfährt."


Wer sind die Verlierer der Wahl Trumps?


"Seine Wahl hat diejenigen schwer verunsichert, die illegal im Land sind. Das wird eine Frage sein: Bringt er irreguläre Immigranten aus dem Land?", sagt Jäger. Dabei geht es um geschätzt elf Millionen illegale Einwanderer. Zu den Verlierern zählten zudem – vorerst – die Schwarzen. Sie hätten Noch-Amtsinhaber Obama als 'ihren Präsidenten' bezeichnet. "Jetzt kommt ein Präsident, der wie ein Weisser aus dem Bilderbuch ist." Besonders enttäuscht seien laut Jäger viele junge Wähler. Sie fänden den Nationalpopulismus ganz fürchterlich, für den Trump stünde. "Die Mehrzahl derer, die international unterwegs sind oder mal woanders gelebt haben, wollen nicht, dass die USA sich abschotten."

Was ist mit den Hispanics?


Die Stimme der US-Bürger lateinamerikanischer Abstammung wiegt schwer. Sie stellen nach Angaben des "US Census Bureau" aus dem Jahr 2015 17,6 Prozent der Bevölkerung. Damit sind sie die grösste Minderheit in den Staaten – noch vor den Schwarzen (13,3 Prozent). Dass die Hispanics vor allem Clinton gewählt hätten, stimmt so aber nicht. "Die Republikaner haben ein Interesse daran, Hispanics aufzunehmen. Von ihnen hat Trump fast 30 Prozent mehr Unterstützung erhalten als Mitt Romney bei der Wahl 2012", erklärt Jäger. Viele kubanisch-stämmige Hispanics hätten die Position Obamas abgelehnt, sich ihrer sozialistisch-autoritären Heimat anzunähern. "Oder sie sind wertkonservativ und lehnen Liberales ab. Es ist die grosse Frage der Zeit, ob Trump mit dem Kongress ein Einwanderungsgesetz hinbekommt, mit dem auch die einverstanden sind, die einst selber eingewandert sind."

Überwindet Trump die Spaltung?

"Es gibt Experten, die sagen, das einzige, was Trump während des Wahlkampfes wirklich ernst gemeint habe, sei, dass er gewinnen wolle", sagt Jäger. Wenn er sich an seine Ansagen halte, etwa den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko, werde er die Polarisierung vorantreiben. "Wenn nicht, wird er versuchen, auf seinem jetzigem Wahlergebnis aufbauend neue Wählerschichten zu erreichen“, sagt er. Und das könnte eine Annäherung an Minderheiten bedeuten. Wo Trump seine Schwerpunkte setzen wird, zeichnet sich noch nicht ab. So lautet Jägers Fazit: "Ich halte Trump für sehr flexibel."