Der mehr als ein Jahr in der Türkei inhaftierte deutsche Journalist Deniz Yücel gibt im ZDF-Polit-Talk Maybrit Illner ein hoch emotionales Interview. Er nennt die Regierung von Recep Tayyip Erdogan "hauptberufliche Verbrecher" und dankt dem türkischen Präsidenten völlig überraschend - allerdings mit Einschränkung.

Eine Kritik
von Patrick Mayer

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Allein der Rahmen ist spektakulär. Aus Sicherheitsgründen zeichnet das ZDF das Interview mit dem "Welt"-Journalisten Deniz Yücel auf. Zu gross ist die Angst vor Störenfrieden in der Ausgabe von Maybrit Illner mit dem Titel: "Erdogans Willkür – wie erpressbar ist Europa?"

Emotionales Interview von Deniz Yücel

In der Sendung soll es, wie der Titel besagt, um die Eigenwilligkeit des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gehen. Und was würde die rechtsstaatliche Willkür besser belegen, als das Beispiel des für 367 Tage in der Türkei inhaftierten, weil kritischen Reporters Yücel?

Es ist von Beginn an ein hoch emotionales Interview, das Illner mit ihrem Kollegen führt. "Ich brauche eine Sekunde, um mich zu fangen", sagt Yücel bereits mit Tränen in den Augen, als er den Einspieler zu seinem Gespräch sieht.

Erlebnisse mit roter Sauce in Buch festgehalten

"Jedes Mal, wenn ich das mit der Unterstützung aus Deutschland sehe, bin ich bewegt", meint er, sammelt sich, und spricht über das, was er erlebt hat. Worin er Kraft fand. Und darüber, überraschend, warum er trotz der ganzen Demütigung samt zwölf Quadratmetern Isolationshaft Erdogan dankbar ist.

Die Einsamkeit sei das Schwierigste gewesen, erzählt er, davon, wie er in Haft zuerst mit roter Sauce aus Plastikkonserven und einer abgebrochenen Gabel versucht habe, seine Erlebnisse in einem Buch festzuhalten.

Dann mit einem Stift im Buch "Kleiner Prinz". Wie er seine kleinen Texte daraus schliesslich in einer Tüte mit verschwitzten Socken unauffällig seinem Anwalt mitgab.

Schwere Vorwürfe von Deniz Yücel

Yücel erhebt in der Folge schwere Vorwürfe gegen den türkischen Rechtsstaat, der nicht nur keiner mehr sei, "sondern in dem auch die eigenen Gesetze nicht mal mehr befolgt werden", sagt er. "Die Regierung Erdogans besteht aus hauptberuflichen Verbrechern."

Wiederholt spricht Yücel im Zusammenhang mit seiner Verhaftung von einer Geiselnahme, dass er von Erdogans Behörden nur freigelassen worden sei, "um das Verhältnis mit Deutschland ein wenig zu verbessern".

18 Jahre für Deniz Yücel gefordert

Und, dass er Ende Juli in der Verhandlung in der Türkei zu den Vorwürfen gegen sich Stellung beziehen wolle, freilich nicht persönlich vor Ort, sondern über seinen Anwalt.

Schliesslich fordert der Staatsanwalt in der Türkei nach wie vor 18 Jahre Haft für Yücel, unter anderem wegen angeblicher Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Gülen-Bewegung, die für den gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich sein soll.

Überraschender Dank an Recep Tayyip Erdogan

"Natürlich werde ich aussagen, natürlich werde ich zu den Vorwürfen gegen mich Stellung beziehen", sagt Yücel kämpferisch. So seien Artikel, die als Beweise gegen ihn dienen sollen, etwa mit Übersetzungsfehlern vorgelegt worden, erklärt er.

Ganz am Ende kommt schliesslich das, womit kein Zuschauer wirklich rechnet: Yücel dankt Erdogan, mit Einschränkungen.

Er habe in der Haft Liebeserklärungen von Freunden an sich lesen dürfen, erklärt er, "das war eine Bilanz, dass ich im Leben nicht alles falsch gemacht habe. Ich habe festgestellt, wie wichtig Liebe ist, und warum ich diesen Job mache. Dafür bin ich Erdogan fast dankbar, aber nur fast".

Dafür also, dass Yücel diese Erfahrungen machen durfte. Freilich nicht für die Inhaftierung, in Erdogans offenbar willkürlichem Pseudo-Rechtsstaat.