Bei Maybrit Illner wird eifrig über die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz für die SPD diskutiert. Ein SPIEGEL-Journalist wagt einen brisanten Vergleich mit einem einstigen Star der CSU – und nennt Angela Merkel die erste Sozialdemokratin des Landes.

Martin Schulz ist Kanzlerkandidat, die SPD euphorisiert – und Regierungschefin Angela Merkel (CDU) muss sich Sorgen machen? Laut Maybrit Illner sei mit dem Europapolitiker "endlich ein Herausforderer" für die Kanzlerin präsentiert worden.

"Die SPD hofft, die Geheimwaffe gegen Merkel gefunden zu haben", sagt sie zu Beginn ihrer Sendung und nennt exemplarisch und exklusiv die neuesten Zahlen des Politbarometers, wonach sich 40 Prozent der Befragten den 61-Jährigen als Bundeskanzler vorstellen könnten (44 Prozent Merkel).

Hier geht es zu einer anderen aktuellen Umfrage, wonach Schulz mit Merkel sogar gleichauf liegt.

Geladen ist auch der SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer. Er ist an diesem Abend der Mann für die wagemutigen Thesen, als ginge es darum, Schlagzeilen zu machen.

Journalist vergleicht Schulz mit Guttenberg

"Martin Schulz ist ein Medienphänomen. Er ist der Guttenberg der Linken", sagt der Journalist und vergleicht den SPD-Mann damit mit dem CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg. Auch der frühere Verteidigungsminister hatte einst grosse Begeisterungsströme hervorgerufen, allerdings für die Union.

Es ist ein gewagter Vergleich – nicht der einzige Fleischhauers an diesem Abend. So nennt er Merkel "die erste Sozialdemokratin im Kanzleramt, die das Parteibuch ernst nimmt, und zwar viel mehr als Vorgänger Gerhard Schröder".

Merkel ist bekanntlich keine Sozialdemokratin, es ist ein Verweis auf die angebliche Ausrichtung ihrer ebenso angeblich ganz und gar nicht konservativen Politik. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann setzt sich dennoch nur halbherzig gegen diese These zur Wehr.

"SPD-Vorsitzender ist ein Knochenjob"

Er argumentiert eher unglücklich als gewollt gegen seinen (Ex-)Parteichef, der Schulz Platz machte. "Sigmar Gabriel hat seine eigenen Ambitionen für die Wahlchancen der Partei zurückgestellt. In den letzten Tagen sind 500 neue Leute in die Partei eingetreten", sagt Oppermann. "Das zeigt, wie viel Begeisterung Schulz erzeugen kann." Gabriel also nicht?

Oppermann legt mit einer steilen These nach: "SPD-Vorsitzender ist ein Knochenjob, der zweitschwerste Job in Deutschland nach Kanzler." Zu schwer für Gabriel also?

Für den CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Linnemann sorgt Schulz zumindest für eine "grössere Unterscheidbarkeit zwischen SPD und CDU. Er will, dass die deutschen Steuerzahler für die griechischen und italienischen Schulden haften", begründet er seine Meinung. "Ich will, dass wir uns in der Sache streiten. Ich freu mich auf die Debatte, es ist höchste Zeit, dass wir diese bekommen."

FDP-Chef Christian Lindner wettert gegen Schulz

Auch der streitbare FDP-Chef Christian Lindner ist geladen. Der 38-Jährige wird von Linnemann umgarnt ("die FDP ist unser natürlicher Partner") und versucht seinerseits, Schulz zu entzaubern: "Er steht in Europa mehr dafür, Schulden zu machen statt markwirtschaftliche Vorschläge zu bringen.“

Lindner ist voll im Wahlkampfmodus, prangert etwa Steuerschlupflöcher an und nennt ein Beispiel, das er durch die Talkshows treibt: Dass "die Apples, Starbucks und Ikeas der Welt Milliardengewinne erzielen und keinen Beitrag für das Allgemeinwohl leisten". Klingt eigentlich ganz schön SPD-kompatibel, doch so weit will Lindner nicht gehen.

Keiner will so richtig mit der SPD

Die Linke-Chefin Katja Kipping redet sich ebenfalls in Wahlkampfstimmung - mit den üblichen Themen: Superreiche stärker besteuern, Niedriglohnsektor stärken, Beiträge für Medikamente abschaffen und so weiter. Auch das klingt SPD-kompatibel, doch als Illner auf mögliche Regierungskoalitionen nach der Bundestagswahl abklopfen will, lässt sie Kipping abtropfen.

Nicht einmal Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt - eigentlich der natürlichste Partner der Sozialdemokraten - bekennt sich eindeutig zu der neuen Schulz-SPD. Ihr fällt stattdessen ebenfalls nichts Besseres ein, als sich verbal auf die Sozialdemokraten einzuschiessen.

"Man weiss manchmal nicht, ob die SPD regiert. Manchmal opponiert sie gegen sich selber, manchmal regiert sie", sagt sie einmal, um dann zu behaupten: "Herr Gabriel ist aus dem Wirtschafts- und Energieministerium geflohen."

Martin Schulz muss Antworten liefern

Am Ende wird die Frage nach möglichen Koalitionen nicht geklärt, da muss aber ohnehin zunächst Schulz Antworten liefern - und zuvor dem Wähler noch erklären, warum er und nicht Merkel regieren soll.

Wenn ihm das nicht gelingt bleibt ihm am Ende doch nur der Job eines "Superministers" unter Angela Merkel. Anstreben wird er das nicht - Guttenberg lässt grüssen.