• Am 9. Mai wird in Russland der Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg gefeiert. Bis dahin will Putin militärische Erfolge in der Ukraine vorweisen können.
  • Russland hat seine Atomstreitmacht in erhöhte Alarmbereitschaft setzen lassen und testet Interkontinentalraketen.
  • Experten sind trotzdem skeptisch, dass Russland Atomwaffen in der Ukraine einsetzen wird.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung des Autors bzw. der zu Wort kommenden Experten einfliesst. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

18.000 Kilometer das ist die Reichweite der jüngst von Russland getesteten Interkontinentalraketen. Damit ist jeder Winkel der Erde erreichbar. Kein Land ist sicher vor der russischen Atommacht, das scheint die Nachricht hinter den jüngsten Atomwaffentests zu sein, die von Russlands Präsident Wladimir Putin veranlasst wurden.

Um die Ukraine zu bombardieren, benötigt die russische Armee diese Langstreckenwaffen nicht. Der Adressat dieser Drohung ist ein anderer: Der Westen und insbesondere die USA. Keiner soll wagen, sich in den Krieg in der Ukraine einzumischen. Im russischen Staatsfernsehen wird indessen offen darüber spekuliert, dass russische Atomraketen innerhalb von 106 Sekunden in Berlin einschlagen könnten – als Vergeltung für die Lieferung von Gepard-Panzern.

Lesen Sie auch: Melnyk kritisiert Lieferung von Gepard-Panzern – Experte sieht andere Probleme

Diese Drohungen könnte man als offensichtlichen Bluff abtun, wäre die Lage der russischen Armee in der Ukraine eine andere. Auch im Osten des Landes ist die Offensive bisher nicht von Erfolg gekrönt. Geländegewinne sind kaum zu verzeichnen, die ukrainische Armee hingegen bombardiert inzwischen bis ins russische Hinterland und hätte laut "Spiegel"-Informationen beinahe den Generalsstabschef Walerij Gerassimow getötet.

Putin benötigt militärische Erfolge, besonders jetzt, da am 9. Mai die Feierlichkeiten zum Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg stattfinden sollen. Seit Wochen steht die Atomstreitmacht Russlands in erhöhter Alarmbereitschaft. Wird Putin einen Atomkrieg riskieren, um einen schnellen Sieg gegen die wehrhaften Ukrainer davon zu tragen?

"Die Gefahr ist jetzt greifbarer geworden"

Dem Verein "IPPNW - Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges - Ärzt*innen in sozialer Verantwortung e.V." bereitet die aktuelle Entwicklung Sorgen: "Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges ist schwer zu messen, aber die Gefahr ist jetzt greifbarer geworden, seitdem Putin und andere russische Sprecher regelmässig mit einem atomaren Schlag drohen", erklärt die Organisation unserer Redaktion. "Die nukleare Abschreckung verwendet Drohungen, um den Gegner von einer Handlung abzuhalten, in diesem Fall einer militärischen Intervention."

Diese Abschreckung müsse glaubwürdig sein, sonst funktioniere sie nicht, so der Verein. "Aber sie birgt auch die Gefahr, dass immer weiter eskaliert wird, um glaubwürdig zu demonstrieren, dass der Wille zum Einsatz tatsächlich besteht – bis hin zu einem sogenannten Warnschuss mit einer taktischen Atomwaffe." Russland hat nicht nur die Möglichkeit, strategische Atomwaffen einzusetzen, die ganze Städte ausradieren können, sondern auch kleinere taktische Atomwaffen gegen militärische Ziele. Aber auch diese könnten einen Atomkrieg auslösen. "Zumindest geschah dies in der Vergangenheit in vielen Atomkriegs-Simulationen", sagt eine Sprecherin des Vereins.

"Putin hätte durch einen Kernwaffeneinsatz militärisch nichts zu gewinnen"

Malte Göttsche hingegen stellt den militärischen Sinn eines Atomwaffeneinsatzes in der Ukraine in Frage. Der Experte für Atomwaffen und Abrüstung forscht und lehrt an der RWTH Aachen. "Putin hätte durch einen Kernwaffeneinsatz militärisch nichts zu gewinnen und würde international weitgehend isoliert werden" erklärt er unserer Redaktion. Ein Einsatz von Atomwaffen sei also nicht einmal in seinem eigenen Interesse: "Das ist ganz entscheidend", befindet Göttsche.

Trotzdem bereitet ihm die Entwicklung Sorgen, weniger wegen der Gefahr eines vorsätzlichen Atomkriegs, sondern vielmehr aufgrund von menschlichen Fehlern: "Ein Einsatz von Kernwaffen durch Missverständnisse oder falsche Interpretationen von Frühwarnsystemen kann leider nicht einmal in Friedenszeiten ausgeschlossen werden", meint Göttsche. Direkte Kommunikationskanäle, die das Risiko eines versehentlichen Kernwaffenkriegs minimieren sollen, funktionierten heute schlechter als während des Kalten Krieges, als es regen Austausch zwischen den Militärs und Politikern gab.

Gerade in der angeheizten Spannung durch den Krieg in der Ukraine könne nicht völlig ausgeschlossen werden, dass es zwischen Russland und der Nato zu Missverständnissen kommen könnte: "Sollten etwa russische Flugzeuge in Nato-Gebiet eindringen und abgeschossen werden, kann dies zu einem konventionellen Krieg zwischen Russland und Nato führen, von wo aus auch eine Eskalation bis hin zum Kernwaffeneinsatz rein theoretisch nicht ausgeschlossen werden kann." Die Wahrscheinlichkeit bleibe allerdings sehr gering, schätzt Göttsche die Lage ein.

"Nukleare Abschreckung ist kein Freifahrtschein"

Für einen Bluff hält er Putins Drohungen dennoch nicht: "Sicherlich versucht Putin, seine Verhandlungsposition zu stärken. Was wir hinsichtlich nuklearer Abschreckung lernen ist, dass sie einen blutigen Krieg und Kriegsverbrechen letztendlich befördern kann. In der Tat scheinen die russischen Drohungen mit Kernwaffen den Westen vor einem direkten Eingreifen abzuschrecken." Bis zuletzt war auch in Deutschland aus Angst vor einem Atomkrieg auf die Lieferung schwerer Waffen wie Panzer verzichtet worden. Ende April hatte sich die Bundesregierung dann allerdings doch durchgerungen, Flugabwehr-Panzer zu entsenden. Für Göttsche der Beweis, dass die Angst vor der Atombombe auch Grenzen kennt: "Nukleare Abschreckung ist kein Freifahrtschein."

Trotzdem hält Göttsche die Drohungen für höchst gefährlich, da sie zur verbalen Eskalation beitragen: "Sie sind hochgradig unverantwortlich. Sie legen nahe, dass Russland seine Waffen nicht nur als politische Waffen der Abschreckung wahrnimmt, sondern ihnen eine konkrete Rolle im Krieg zuschreibt." Die Nato hat auf die Drohgebärden bislang eher gelassen reagiert und keine eigenen Schritte hin zu einer Eskalation eines möglichen Atomkriegs unternommen. Bei den US-amerikanischen und französischen Kernwaffen-Einheiten wurde bisher keine erhöhte Alarmbereitschaft veranlasst. "Alles andere wäre auch unverantwortlich", sagt Göttsche.

Ukraine meldet neue Angriffe auf Azovstal in Mariupol

Nach Angaben des ukrainischen Militärs haben die russischen Truppen erneut versucht, das Stahlwerk Azovstal in der Hafenstadt Mariupol zu erstürmen.

"Diese Kanäle könnten genutzt werden"

Während des Kalten Krieges war das anders: In der Geschichte des 20. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Situationen, in denen die Atommächte USA und die Sowjetunion aneinandergeraten sind. Doch nie wieder stand die Welt so kurz vor einem Atomkrieg wie im Oktober 1962. Damals hatte die Sowjetunion Atomwaffen auf der kommunistischen Insel Kuba stationiert. Die USA forderten deren Abzug und drohten mit einem Militärschlag. Für einige Tage hielt die Welt den Atem an, bis die Sowjetunion schliesslich ihre Sprengköpfe abzog. Die USA sicherten als Gegenleistung zu, keine Invasion auf Kuba durchzuführen. Ausserdem erklärte sich der damalige US-Präsident John F. Kennedy bereit, eigene Atomwaffen aus der Türkei abzuziehen, was allerdings geheim gehalten wurde.

Auch im Krieg in der Ukraine treffen aktuell die Interessen Russlands und der USA aufeinander. Politikwissenschaftlerin Carmen Wunderlich von der Universität Duisburg-Essen sieht allerdings entscheidende Unterschiede zu der damaligen Situation während des Kalten Krieges: "Historische Vergleiche, etwa mit der Kubakrise, sind immer nur bedingt hilfreich. Zum einen hat sich heute das Kräfteverhältnis zwischen den USA und Russland verändert, zum anderen stellt sich heute die Ausgangslage anders dar", erklärt sie unserer Redaktion.

Trotzdem hätten die damaligen Ereignisse auch direkte Auswirkungen auf den aktuellen Konflikt in der Ukraine: "Die Kubakrise konnte letztendlich durch umsichtige Diplomatie gelöst werden und führte dazu, dass institutionelle Gesprächskanäle eingerichtet wurden, die letztlich auch Rüstungskontrollverhandlungen einleiteten. Diese Kanäle sind prinzipiell auch heute noch vorhanden und könnten genutzt werden." Dafür benötigt es allerdings die Bereitschaft von beiden Seiten.

Derzeit sieht es nicht danach aus, als ob der russische Präsident Wladimir Putin den Krieg in der Ukraine diplomatisch lösen möchte.

Mehr News zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier

Über die Experten:
Malte Göttsche ist Professor für nukleare Verifikation und Abrüstung an der RWTH Aachen. Er forscht zur Weiterverbreitung von Atomwaffen und deren Abschaffung.
Carmen Wunderlich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Sie beschäftigt sich mit internationaler Rüstungskontrolle und Abrüstung.

Verwendete Quellen:

  • Schriftwechsel mit Malte Göttsche und Carmen Wunderlich
  • Schriftliches Statement von IPPNW - Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges - Ärzt*innen in sozialer Verantwortung e.V.
  • Spiegel.de: Wie wahrscheinlich ist der Einsatz von Atomwaffen?
  • Tagesschau.de: Atomwaffen - Zwischen realer Gefahr und Schreckgespenst
  • Berliner-Zeitung.de: In 106 Sekunden in Berlin: Atomwaffen-Drohung in russischer Talkshow
  • Spiegel.de: Der russische General, der nur knapp davonkam
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "So arbeitet die Redaktion" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen. Unsere Berichterstattung findet in Übereinstimmung mit den JTI-Standards der Journalism Trust Initiative statt.